Kultur : Das Jahr welkt: Herbstsonate

Christiane Peitz

Ab jetzt ist Moll angesagt. Das Wetter trüb, die Winde rau - was nützen da bunt fallende Blätter? Der Herbst ist da und mit ihm die erste Depression. Wer jetzt keinen Joint baut, baut sich keinen mehr ... Aber gemach. Wir Kulturmenschen brauchen den Trübsinn ja. Nicht nur, weil die schönsten Balladen - von Schubert bis Madonna - nun einmal den Mollton anschlagen. Kaum ein Kunstwerk ist je mit ausnahmslos guter Laune entstanden. Denn was wäre das Wahre, Gute, Schöne ohne das Leiden am Unwahren, Unguten, Unschönen? Und ohne die Not als Motor auch für den Wunsch aller Wünsche: mehr Licht!

Deshalb sei es allen Träumern und Aufklärern deutlich gesagt: Das Jahr welkt, und die Zeiten sind schlecht. Der Euro sinkt, der Benzinpreis steigt, der deutsche Medaillen-Spiegel in Sydney schlägt alle Minusrekorde, das Finanzamt drängelt wegen der Steuer. Und die Welt wird immer ungerechter. Sagt das Wirtschaftsmagazin "Forbes" anlässlich der brandneuen Liste mit den 400 reichsten Amerikanern. Sie werden nämlich immer reicher, und die Armen immer ärmer. Schlimmer noch: Selbst die Dollarbarone, Bill Gates zum Beispiel (63 Milliarden), drohen abzusteigen und liefern sich harte Gefechte um Platz 1 auf der Hitliste. Auch die Kluft zwischen Männern und Frauen will sich nicht schließen. Ganze 46 der 400 reichsten Amerikaner sind weiblich, die meisten Witwen - Erbinnen eben. Geld macht nicht selig, das wissen wir wohl, aber so eine kleine Milliarde könnte zumindest die Schönheit des Daseins befördern, ob mit oder ohne Licht. So gilt unser Hoffen einzig der Newcomerin Martha Stewart (mit exakt einer Milliarde auf Listenplatz 274), die ihr Geld bezeichnenderweise mit "Schöner Wohnen"-Magazinen verdient. Und das Hoffen gilt, selbst wenn sie schwindet, der Sonne. Gestern überschritt sie um 19.27 Uhr den Äquator und machte an jedem Ort der Erde Tag und Nacht gleich: für Reiche und Arme, Männer und Frauen, Erbinnen und säumige Steuerzahlerinnen. Aber wie gesagt: Gleiches Licht für alle genügt nicht. Wir wollen mehr.

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