• "Das jüdische Berlin": Was istjüdische Kunst? - Ein Handbuch hilft bei der Orientierung

Kultur : "Das jüdische Berlin": Was istjüdische Kunst? - Ein Handbuch hilft bei der Orientierung

Amory Burchard

Es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme eines bewegenden Phänomens: Der Judaist Bill Rebiger schildert "Das jüdische Berlin" mit Insiderwissen und akademischem Abstand zugleich. Groß sind die historischen Abgründe, die er überwinden muss, um "Kultur, Religion und Alltag gestern und heute" der Juden in Berlin auf 200 kleinen Handbuchseiten zusammenzubringen.

Mit einer im 10. Jahrhundert beginnenden Zeittafel geht Rebiger dies auf den ersten 22 Seiten pragmatisch an: 1295 der Innungsbrief der Wollenweber von Berlin, in dem es verboten wurde, bei Juden Garn zu kaufen; im Mai 1845 die Gründung der "Genossenschaft für Reform im Judenthume" durch Sigismund Stern; im März 1945 der letzte Deportationszug ab Berlin; 1995 die Neueinweihung der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße. In dieser zwangsläufig atemlosen Datensammlung verharrt Rebiger an den entscheidenen Eck- und Wendepunkten jüdischer Geschichte und deutscher Barbarei.

Weniger schematisch, aber stets fundiert geht es dann weiter im Handbuch-Text. Persönlichkeiten, die für den beinahe unwiederbringlich ausgelöschten jüdischen Beitrag zur Berliner Kultur stehen: Von Moses Mendelssohn bis Estrongo Nachama. Jüdische Zeitrechnung, Lebensfeste und Feiertage, Synagogen und Gemeindezentren, Bildungs- und Sozialeinrichtungen, Friedhöfe - Rebiger lässt fast nichts aus. Dabei reiht er historische Stätten in das neu gewachsene jüdische Gemeinwesen ein. Der Autor ist auch Stadtführer und weist kenntnisreich in die Spurensuche ein.

Verfolgung und Vernichtung haben in der deutsch-jüdischen Topographie Lücken hinterlassen. Entsprechend umfangreich ist das Kapitel über "Schoa - Gedenkstätten und Mahnmale". Ein weiteres Thema: Was war, was wird in der jüdischen Kulturszene Berlins? Auch diesen Abschnitt beginnt Rebiger mit einer klärenden Einführungen - "Was ist jüdische Kunst?".

Die Jüdischen Cafés und Restaurants - kulinarische Stationen für Neugierige und Heimathungrige - kommen am Ende zu kurz. Was fehlt, ist eine Bewertung der Küche und des Service. Rebiger betont, dass es im Umkreis der Neuen Synagoge etliche Lokale mit jüdischem Anstrich gebe, aber keineswegs alle wirklich einen Bezug zum Judentum hätten. Auf jene, die er dann knapp vorstellt, mag dieses Kriterium zutreffen. Aber man hätte dann doch auch ganz gerne gewußt, wie dort die Atmosphäre ist, wie freundlich und fix die Bedienung und vor allem - ob es schmeckt.

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