Kultur : "Das kotzt mich alles an!"

Herr Walser[warum haben Sie ausgerechnet einen Ro]

Herr Walser, warum haben Sie ausgerechnet einen Roman über den Kulturbetrieb geschrieben, in dem man trotz aller Fiktion sofort reale Vorbilder erkennt?

Warum denn nicht? Für mich ist das nichts anderes als das Fortschreiben meiner Erfahrungen, meiner Antworten auf meine Zeit und Gesellschaft. Das darf sich doch als Spiegel des Lebens auch mal auf den Kulturbetrieb beziehen.

Trotzdem setzen Sie sich durch die Identifizierbarkeit etlicher Figuren dem Vorwurf der Kolportage aus.

Diesen Vorwurf erheben jetzt Leute, die das Buch, das es noch gar nicht gibt, nicht gelesen haben. Für meine Verhältnisse hat die Komposition einiges literarisches Raffinement. Ich sehe überhaupt nicht den Kolportage-Charakter, den Herr Schirrmacher in der FAZ unterstellt.

Wenn nicht als Kolportage, dann doch wie Kabarett wirkt allein schon der Großkritiker-Name "André Ehrl-König" - selbst wenn Wedekind oder Thomas Mann bereits mit ähnlichen Effekten gearbeitet haben.

Eben, Sie sagen es! Die Namen sind für mich Personalblüten. Das ist der Kopfschmuck einer Figur. Wenn die Geschichte im Kulturbetrieb spielt, dann gehören solche Namen dazu. Das liegt am Kulturbetrieb! Natürlich gibt es bei mir das Element des Kabarettistischen - oder besser: Sarkastischen, Polemischen. Es gibt aber auch das Zärtliche.

Und warum musste dieser Kritiker Ehrl-König Jude sein?

Darf er das nicht? Ich habe über einen Kritiker geschrieben, nicht über einen Juden. Es gibt im Buch übrigens einen jüdischen Intellektuellen, der darauf verweist, dass Ehrl-König sich nie auf seine jüdischen Vorfahren - er hat auch andere Vorfahren - berufen hat. Zum Ehrl-König: Ich habe eine mythische Figur des Kulturbetriebs erfunden, einen Mega-Auftrittsmenschen, der weit über Marcel Reich-Ranicki hinausgeht. Und nun wird das alles reduziert auf einen Juden - das kotzt mich an! Ja, es kotzt mich an!

Sie können die Betroffenheit über die Anspielung auf Reich-Ranicki gar nicht verstehen?

Ich bitte Sie, natürlich hat Reich-Ranicki viele Anlässe geliefert. Ich habe 25 Jahre zugeschaut, und jetzt habe ich in einem vielstimmigen Roman geantwortet. Aber das wird nun alles durch das Nadelöhr des Antisemitismus gefädelt. Gibt es in einem meiner bisherigen Romane eine einzige Stelle als Beleg für Antisemitismus? Es ist unmöglich, mir Antisemitismus zu unterstellen! Schirrmacher insinuiert bei so schönen Worten wie "Verneinungskraft" und "Herabsetzungslust" antisemitische Klischees. Das ist doch absurd!

Sind Sie angesichts Ihrer unverkennbaren Anspielungen auf Reich-Ranicki von der Ablehnung des Roman-Vorabdrucks durch die FAZ wirklich überrascht worden?

Dass es ein Problem geben könnte wegen Reich-Ranicki als Ex-Redakteur der Zeitung, habe ich mir schon gedacht. Der normale Weg wäre gewesen, dass man dem Verlag mitteilt, dass ein Vorabdruck nicht in Frage kommt. Aber dass es diesen Vorwurf des Antisemitismus geben könnte, war für mich unvorstellbar. Das entsetzt mich. Ich habe nur noch den Wunsch: weg von hier! Raus aus diesem Druck der Verdachtshysterie.

Sie haben mögliche rechtliche Schritte gegen die FAZ angekündigt.

Nur wegen des Vorwurfs, dass ich mich des Repertoires der Antisemiten bediene.

Haben Sie deswegen schon mit einem Anwalt gesprochen?

Nein.

Es wird berichtet, dass es im Suhrkamp Verlag wegen dieses "Tod eines Kritikers" zu Auseinandersetzungen gekommen sei.

Davon weiß ich nichts.

Ihr jahrzehntelanger Verleger und Freund Siegfried Unseld habe gegen die Veröffentlichung Bedenken gehabt.

Im Gegenteil! Unseld hat begeistert reagiert und mich angerufen: "Es ist ein Meisterstück!" Er finde darin nichts Beleidigendes, gar kein Problem. Alles andere ist unwahr.

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