Kultur : Das Lächeln der Plörösenmieze

Spätes Debüt: Otto Sander spielt endlich auch den „Hauptmann von Köpenick“ – in Bochum

Frederik Hanssen

Wenn die Premierengäste im großen Saal des Bochumer Schauspielhauses endlich ihre Plätze gefunden haben, wenn das Licht verloschen ist und alle Augenpaare sich auf die Guckkastenbühne richten, öffnet sich noch einmal die Tür „Parkett rechts Reihe 6-9“ und Wilhelm Voigt kommt herein. Mal wieder zu spät.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wer zu spät geht, den schnappt die Polizei. 15 Jahre hat Bürger Voigt im Bau gesessen, wegen einer Lappalie, weil er seiner Angebeteten doch auch mal was spendieren wollte. 15 Jahre – da kann man leicht den Anschluss an das Leben verlieren. Der Schuster Wilhelm Voigt, den Otto Sander in Bochum spielt, ist der Welt abhanden gekommen. Das einzige, was sich an ihm noch gerade hält, ist der Schnauzer. Ein stattlicher Oberlippenbart, würdig eines preußischen Handwerksmeisters. Zunächst aber nützt Otto Sander sein bärtiges Charaktergesicht wenig. Er ist nämlich kein Durchlavierer wie Heinz Rühmann, kein Lebenskünstler. Keiner, der immer auf die Füße fällt – und mal eben, als uniformierter Filou, den Obrigkeitsstaat an der Nase herumführt.

Otto Sanders sanfter Wilhelm Voigt glaubt an die Ordnung, auch wenn er von den Behörden jedes Mal eins auf die Finger bekommt, wenn er die Hand nach seinen Menschenrechten ausstreckt. Die Stimme wird von Szene zu Szene immer leiser, die Schultern sinken tiefer; in den Augen aber glimmt bis zum Schluss der Überlebenswille, der diesen Geschundenen seine Reise durchs Berlin des Jahres 1910 fortsetzen lässt, der ihm die Kraft gibt, seine Suche nach einem Ausweg aus dem Labyrinth der Gesetzesvorschriften nicht abzubrechen.

Auf der Suche ist auch Bochums Intendant Matthias Hartmann, auf Sinnsuche für seine im Vorfeld mit viel medialer Neugier aufgeladene Inszenierung des „Hauptmann von Köpenick“. Er hat dabei ein Problem: Im Gegensatz zum Fall des Wilhelm Voigt gibt es in seinem Team offensichtlich keinen, der ihm Widerstand entgegensetzt, der sein Tun kritisch hinterfragt. Warum auch? Das Theaterpublikum im Ruhrgebiet liebt Hartmann, er hat beste Auslastungszahlen und auch bei der Zuckmayer-Premiere willige Lacher auf seiner Seite. Er steht mit beiden Beinen im Vollkasko-Subventionssystem. Jetzt, wo er den Vertrag als Marthaler-Nachfolger in Zürich unterschrieben hat, erst recht.

Witzeln unterm Brandenburger Tor

Das verleitet zu mancherlei. Zum Beispiel dazu, für die winzige Nebenrolle der Plörösenmieze, die nun wirklich jede Schauspielschülerin bewältigen könnte, mal eben Maria Happel aus Wien einfliegen zu lassen, wenn die ursprüngliche vorgesehene Darstellerin kurzfristig erkrankt. Frau Happel gibt derzeit sehr erfolgreich die Piaf in Bochum. In Pam Gems’ Biografiemusical, das sie auch selber inszeniert hat, weil es sich Hartmann, der zunächst als Ko-Regisseur dabei sein wollte, anders überlegt hat. Eigentloch sollte statt „Piaf“ ja Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ herauskommen. In Hartmanns Regie. Aber irgendwie schien ihn die Lust auch darauf verlassen zu haben.

Nun ja, bei den Proben zum „Hauptmann“ müssen alle Beteiligten viel Spaß gehabt haben. Der dreistündige Abend jedenfalls strotzt nur so von Witzchen und Kalauern, die verdächtig danach aussehen, als seien sie das Resultat spontaner Herumalberei, die vom Regisseur mit einem „Klasse, das lassen wir drin!“ zur Bühnenreife geadelt wurden. Und so geht es auf der munter kreisenden Drehbühne vor der Brandenburger-Tor-Kulisse von Bernhard Kleber en passant um Praxisgebühr und 35-Stunden-Woche, um Cowboys und skurrile britische Kommissare; ein moderner Geldspielautomat sendet Lichtsignale aus dem Bühnenhintergrund und Marie Hoprecht trägt in ihrer Gründerzeitwohnung einen Fünfzigerjahre-Kittel.

Mit dem Grundkonflikt des Stücks aber, mit Militarismus und Autoritätsgläubigkeit, weiß Matthias Hartmann rein gar nichts anzufangen. Zäh, sehr zäh dekliniert er im aufgeweicht historischen Ambiente die Szenen herunter – ohne den Versuch zu unternehmen, für Zuckmayers nach fast 50 Jahren Demokratie obsolet gewordene Metaphernebene eine heutige Entsprechung zu finden. Weil mit Uniformen im Deutschland des Jahres 2004 aber nun definitiv kein Staat mehr zu machen ist, dringt das Schicksal des braven Schusters Voigt überhaupt nicht zum Zuschauer durch.

Matthias Hartmann will sich offensichtlich nicht auf Asylproblematik oder den Teufelskreis von Arbeits- und Wohnungslosigkeit einlassen, er will nicht zeigen, welche Statussymbole man heute bräuchte, um das Kommando über Köpenick zu übernehmen. Er begnügt sich mit wohlfeiler Ironisierung, mit grotesker Überzeichnung der Nebenfiguren. Selbst da, wo Werkanalyse aufblitzt – wenn er die Köpenicker Verwaltung in ihrer Verschnarchtheit charakterisiert, in dem er alle im Amt Pantoffeln tragen lässt – nimmt er sich selber sofort den kritischen Wind aus den Segeln, wenn er die Beamten zusätzlich noch mit neckischen Ringelsocken bestückt. Das garantiert zwar Applaus – schickt aber jeden, der mit mehr als purer Vergnügungssucht gekommen ist, mit einem Gefühl der Leere nach Hause.

Der Bochumer Hauptmann trägt also, leider, des Kaisers neue Kleider. Otto Sander, der den ganzen Abend lang wie ein Fremder zwischen den unzureichenden Schauspielerleistungen der zur Staffage verläpperten Kollegen herumgestiefelt ist, hat das am Ende der Premiere wohl erkannt. Sein finales Lachen vor dem Spiegel jedenfalls ging durch Mark und Bein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben