Kultur : Das Leben – eine Jagd

Lichtsignale aus dem Off: Die Ausstellung „lautlos irren, ways of worldmaking, too ...“ im Postbahnhof baut Anlegestellen im medialen Bilderfluss

Katrin Wittneven

Eine Metropole nach dem atomaren Angriff? Es dauert einen Moment, bis man begreift, was die Aufnahmen vom menschenleeren Paris so fremd erscheinen lässt. Der französische Künstler Nicolas Moulin hat am Computer alle Spuren der Bewohner entfernt. Vom Auto bis zur Stadtmöblierung: Jeder Blumentopf, jede Antenne und jedes Werbeplakat ist getilgt. Zudem hat er das untere Drittel der Häuser per Mausklick zubetoniert. Die Arbeit im Eingangsbereich der Ausstellung mit dem Titel-Ungetüm „lautloses irren, ways of worldmaking, too...“ führt den Besucher auf den richtigen Pfad: Ihn erwarten 27 Beiträge, vor allem Video-Projektionen, die vom Besucher ein Innehalten und Sich-Hineinbegeben in die aktuellen künstlerischen Reflexionen fordern. Der alte Postbahnhof wird damit zur Bühne für eine Überblicksausstellung zeitgenössischer Kunst. Und einmal mehr ist es keine der Berliner Institutionen, die diese teils hochkarätige junge Kunst in Berlin präsentiert, sondern ein international vernetztes Projektbüro: Harm Lux, Schweizer Kurator mit Wohnsitz in Berlin, hat die Ausstellung konzipiert, für deren Besuch man sich – allein schon wegen der Lauflänge der Videos – ziemlich viel Zeit nehmen sollte.

Dabei geht es in der ersten Station vor allem um Beschleunigung. Das Video „In my Room“ von Tony Tasset zeigt in ungeordneten Porträtstakkato den Alltag eines amerikanischen weißen Mannes mittleren Alter: Essen, Rasieren, Arbeiten, Schlafen, Lieben, Autofahren... Das Leben – eine Jagd. Wie einen Bilderrausch hat Harm Lux den gesamten Ausstellungsteil inszeniert: Da blinken auf zwei Leinwänden in schneller Folge immer neue Computerfiles auf – unnützer Kommunikationsmüll, der nicht mehr zu stoppen ist. An anderer Stelle sind in einem Video von dem Niederländer Aernout Mik verzweifelte Broker an der Börse zu sehen. Der große Run ist vorüber: Der Boden ist übersät mit Papieren wie nach einer Explosion, Stagnation macht sich breit. Unweigerlich kommt einem hier der 11. September in den Sinn, obwohl Mik das Video bereits vor den Anschlägen in New York fertig gestellt hatte. Lux stützt diese Assoziation, indem er in unmittelbarer Nachbarschaft die Projektion eines Moslems zeigt, der Verse aus dem Koran mitspricht. Durch minimale Verschiebung gelingt es dem in Teheran geborenen Künstler Shahryar Nashat seinem Video „Les Négateurs“ („Die Ungläubigen“), Spannung zu erzeugen. Der letzte Satz kann ebenso für Toleranz wie für unüberwindbare Gegensätze stehen: „Euch Euer Glaube, und mir mein Glaube“.

Nun kann Kunst, die so unmissverständlich mit politischen Inhalten konfrontiert, schnell eindimensional werden. Wenn künstlerische Werke allein Thesen illustrieren, wirken sie meist dünn, belehrend und langweilig. Doch Lux gelingt in der Ausstellung der Spagat, inhaltliche Akzente zu setzen und trotzdem der Kunst ihre Vielschichtigkeit und dem Betrachter die Interpretationsfreiheit zu lassen. Indem er durch künstlerische Beiträge immer neue Aspekte hinzufügt – den Hoffnungsträger Genetik, eine mediale Führung durch das White House durch den amtierenden amerikanischen Präsidenten oder einen degenerierten Zoolöwen – erweitert der Kurator das Themenspektrum und regt mehr Fragen beim Betrachter an, als dass er Antworten parat hält. Dem Zufall überlässt er dennoch wenig: Mit einem klaren Parcours durch den nahezu allein durch die Projektionen erleuchteten Ausstellungsraum, gibt er dem Besucher die Möglichkeit, selbst Zugänge zu finden. Wobei man Lux nicht bei jeder seiner Theorie-Schlaufen folgen muss.

Im zweiten Teil verlangsamt sich das Tempo: von den somnambulen Inszenierungen der Schweizerin Emmanuelle Antille, die wie auf der diesjährigen Biennale in Venedig, die Vereinzelung und Sehnsüchte junger Menschen thematisiert, bis zu einem auf Aluminium aufgezogenen Foto von David Claerbout. Der 1969 geborene Belgier mit Wohnsitz in Berlin gehört mit Einzelausstellungen in Hannover, Rotterdam und Santiago de Compostela zu den in jüngster Zeit gefeierten Minimalisten der Videokunst. Meist fängt er kaum merkliche Licht- und Schattenverläufe ein und schafft so berührend einfache Sinnbilder für Zeit und Vergänglichkeit.

Den letzten Raum beschreibt der Kurator als „Pendelgang der Sinne“. Spätestens hier wird der Betrachter auf sich selbst zurückgeworfen: Pipilotti Rist lässt alte CD-Hüllen und anderen Verpackungsmüll als poetisches Mobile von einem großen Ast hängen und in einer farbigen Projektion sanft schwingen, eine dreiteilige Projektion der Münchner Filmemacher „CineNomad“ porträtiert den ehemaligen New Yorker minimal poet Robert Lax, der seit Anfang der Sechziger auf der griechischen Insel Patmos lebt. „Wo beginne ich, wo höre ich auf“ hört man den inzwischen fast 90-Jährigen sagen. Wie eine Spirale hat sich die Ausstellung von Außen nach Innen gewandt. Die letzte Tür, eine Installation von William Speakman, führt durch gleißend-helles Licht ins Freie. Ein anderer Tag, ein anderes Land.

Postbahnhof am Ostbahnhof, Straße der Pariser Kommune 2 – 4, bis 2. Februar, Mo bis Fr 12.45 bis 19 Uhr, Sa und So 12 bis 19 Uhr. Katalog 14 Euro .

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