Kultur : Das Leben einer Ikone

KERSTIN DECKER

Historienfilm sagt man wohl zu Werken wie diesen - Mitte 16.Jahrhundert, Heinrich VIII.ist tot, ein paar Ketzer brennen unter Mary I.Aber wie sie da auf die Flammen warten, wie die Kamera über ihren Köpfen kreist! Dieser Film malt nichts bloß aus, er gleitet an keiner Stelle ab ins Ornamentale.Dieser Film hat Kraft, das sieht man sofort.Wenn schon Historienfilm, dann wohl der beste, der seit langem im Kino zu sehen war.

Eine Australierin spielt die Elizabeth, ein Inder ist der Regisseur.Es hätte keine besseren geben können.Cate Blanchett gibt der jungen Elizabeth das Durchscheinende und Verletzliche der Jugend und dabei eine beinahe knochige Stärke.Daß dieses Mädchen in frühester Jugend Sprachen lernte, die Moralphilosophen las und was man sonst noch im Leben braucht, läßt sich nur ahnen.Aber da ist so eine Bestimmtheit in ihrem Wesen, die zeigt, daß sie mehr erfahren haben muß als nur die Wälder von Woodstock.

Heinrich VIII.schüttelte kurzerhand den tausendjährigen Katholizismus von seinem Land, um sich scheiden zu lassen und die schöne Anne Boleyn heiraten zu können.Elizabeth ist ihre Tochter.Mit Mitte Zwanzig wird sie nach London gerufen, in den Tower.Hier köpfte man schon ihre Mutter.Elizabeths Halbschwester Mary, die kranke Königin, fühlt sich verraten.Eigentlich von allen, aber besonders von ihr.Mary ist sehr katholisch.Und ihr Land beginnt gerade, die Reize der protestantischen Daseinsform zu entdecken, von der Ehescheidung gar nicht zu reden.Deshalb brennen so viele Ketzer.Vielleicht, weil Krankheit selbst stumpfe Gemüter empfindlich macht, vielleicht, weil Elizabeth ja die Schwester ist, wenn auch nur halb - sie entkommt dem Henker.Mary stirbt.Elizabeth wird Königin.Mit 25 Jahren.

Was kann eine Frau tun als Königin? Heiraten.Richard Attenborough spielt Elizabeths engsten Berater, Kuppler von reinstem Herzen.Jahre wird es brauchen, bis niemand mehr den Namen Elizabeth mit einem Mann - ausgenommen Berater, Kriegsherrn, Schatzkanzler sowie Spione (ein Königreich ist so gut wie seine Spione - Geoffrey Rush als Sir Francis Walsingham) - in Verbindung bringt.Und was war mit Oberstallmeister Robert Dudley, Earl of Leicester, Elizabeths Jugendliebe (etwas bläßlich: Joseph Fiennes)? Historisch verbürgt ist sie nicht, aber wie jede Liebe dramaturgisch ungemein wichtig, im Leben wie im Film.

Regisseur Shekhar Kapur hat 1994 "Bandit Queen" gemacht."Ein chaotischer, nervöser, bewußt melodramatischer Streifen", urteilt er selbst.Dann kam das Angebot, "Elizabeth" zu drehen.Das konnte er unmöglich annehmen und unmöglich ausschlagen.Sicher fürchtete man den geschichtssatten Blick eines Europäers.Des traditionellen indischen Historienkinos (eigentlich der weit größere Schrecken) hatte sich Kapur nicht verdächtig gemacht."Elizabeth" ist weder nervös noch melodramatisch.Kapur hält traumsicher die Balance zwischen menschlichem Schicksal und historischem Geschehen.Keine statische Kamera, dafür Bilder, die mehr sehen lassen, als gezeigt wird."Elizabeth" - das ist auch die Geschichte einer Erstarrung.Am Ende tritt sie uns als wächserne Ikone entgegen.Dieses Gesicht kennen wir.Das uns Kapur zeigte, kannten wir bislang nicht.Historienfilm ist wirklich das falsche Wort."Elizabeth" ist unmittelbarste Vergegenwärtigung, nicht bloße Rückwendung ins Vergangene.

In 8 Berliner Kinos, OmU im Olympia und in der Kurbel

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