Kultur : Das Leben riecht so gut

Anna Geppert

Schwungvoll fährt die Hand durch die Kloschüssel. Das Rot der Fingernägel setzt sich ab vom Blau der "WC-Ente". Valeska Grisebachs Hände sind schön. Lange Finger, weiche Haut, das sieht man - beneidenswert. Wer behält solche Hände, nachdem er das Klo geputzt hat? Aber so funktioniert Werbung. Die junge Regisseurin gesteht, dass sie vor Jahren Werbeaufnahmen für oben genanntes Toilettenreinigungsmittel gemacht habe. Die große schwarze Digitaluhr am schmalen Handgelenk durfte sie damals bestimmt nicht tragen.

Einmal noch hat sie danach vor der Kamera gestanden, im Kurzfilm einer Freundin. "Ich wollte unbedingt mal auf der Bühne stehen. Und gleichzeitig kam meine gesamte Schüchternheit zum Vorschein", sagt sie und lacht dabei - ein zurückhaltendes Lachen, als wollte sie sich entschuldigen. Heute ist Valeska Grisebach Regisseurin. Aber so einfach, wie sich das schreibt, war das alles nicht. Wer mit ihr spricht, spürt die Selbstkritik: Kann es sein, dass sie wirklich Regisseurin ist? Woher diese Skepsis? Gestern ist Grisebachs erster langer Spielfilm "Mein Stern" - der Titel zitiert einen Schlager - in den Kinos angelaufen. Es ist eine leise Liebesgeschichte aus Berlin-Mitte. Ein filmischer Bildungsroman: zwei 15-Jährige auf dem Weg zum Erwachsensein. Die Kamera beobachtet die ersten ungeschickten Umarmungen, Küsse, die Entscheidung, ein Paar zu werden. Für den Film hat die Regisseurin Interviews mit 250 Jugendlichen über ihre Liebes- und Lebenspläne geführt. Zwei von ihnen, Nicole und Christopher, genannt Schöps, wählte sie als Hauptdarsteller aus. Das Drehbuch war Ergebnis ausführlicher Recherchen. So ist ein fiktionaler Film entstanden, der auf Hautfühlung mit der Wirklichkeit geht. Beim Dreh entwickelten sich die Gefühle zwischen den Darstellern ganz automatisch, ohne dass die Regisseurin eingreifen musste. Schließlich waren Nicole und Schöps auch im wirklichen Leben einmal ein Paar. Für diese Unmittelbarkeit erhielt Grisebach schon im Sommer den Nachwuchspreis "First Steps".

Die Filmregisseurin Grisebach - heute genau vor 34 Jahren geboren - ist das Produkt einer klassischen humanistischen Ausbildung. Auf dem Heese-Gymnasium in Berlin-Steglitz mühte sie sich mit Latein und Altgriechisch ab, was ihr damals gar nicht lag. "Mit 16 ist das Hirn doch vernebelt von spannenderen Dingen". Im Nachtleben suchte sie den Thrill, den die Humanisten nicht bieten konnten. Heute bereut sie ihr pubertäres Desinteresse, die "schönen alten Sprachen und ihre Mythen" derart stiefmütterlich behandelt zu haben. Sicher ist jedenfalls, dass der bürgerliche Geist dieser Schule sie nicht eben bestärkte, zielsicher nach dem Abitur eine künstlerische Laufbahn anzustreben. Stattdessen studierte Grisebach Philosophie und Germanistik in München. "Es war die klassische Anschleichphase: Ich wusste noch nicht genau, wie ich dahin komme, wo ich hinwollte." Während sie das sagt, rührt sie in ihrem Kaffee, den sie - typisch wienerisch - mit einem Glas Wasser trinkt.

1993 weiß sie es. Grisebach, die als Teenager davon geträumt hatte, Schauspielerin zu werden, geht an die Wiener Filmakademie, um Regie zu studieren. "Ich wollte inszenieren, nicht inszeniert werden." Sie muss sich Wien erarbeiten. "Das Tempo dort ist ein ganz anderes. Du bist weit weg vom Puls der Zeit." Eine wichtige Erfahrung für sie, die an Berlin vor allem die ständige Veränderung wahrnimmt. "Berlin verstehe ich intuitiv", sagt sie und guckt dabei ganz glücklich. Jemand der auszog, das Andere kennen zu lernen und dabei auch das Eigene neu entdeckt. In Wien lernt sie das genaue Hinschauen, sie selber nennt es "radikales Beobachten".

Zwangsläufig dreht sie zunächst Dokumentarfilme. In ihrem Kurzdokumentarfilm "Berlino" zum Beispiel porträtiert sie italienische Bauarbeiter auf der Baustelle am Potsdamer Platz zwischen den Arbeitsschichten: Sie telefonieren in die Heimat, spielen in kahlen Räumen Karten, rauchen Zigaretten und fragen sich beim Besuch des Weihnachtsmarktes, ob "heißer Wein" wirklich schmecken kann. Nach "Berlino" war klar, dass Grisebach auch "Mein Stern", ihren Diplomfilm, in Berlin drehen wollte. "Ich fand es spannend, einerseits nach Hause zu kommen und gleichzeitig einen Blick aus der Fremde zu haben." Mit ihrem Film wollte Grisebach einen unverstellten Blick auf die Lebenswirklichkeit von 15-Jährigen werfen, es fiel ihr leichter, das in ihrer Geburtsstadt zu tun.

Die Begegnung mit den italienischen Lebenskünstlern, die sie in ihrem Dokumentarfilm porträtierte, inspirierte sie, auch bei ihrem Debüt als Spielfilm-Regisseurin nicht mit professionellen Schauspielern, sondern mit Laien zu arbeiten. "Es geht ums Sein, nicht ums Spielen!", sagt sie. Und in dieser Sehnsucht nach Authentizität seien sich, findet die Regisseurin, Dokumentarfilm und Spielfilm sehr nah.

Wie sie da so sitzt, auf der vorderen Stuhlkante, mit offenem, aufmerksamen Blick, da spürt man etwas vom Geist ihrer Filme: Es lohnt sich, den Untertönen zu lauschen, da entsteht etwas neben dem Gesagten. Erst, wenn man die Situationen miteinander verbindet, ergeben sie ihren Sinn. "Leben besteht ja nicht nur aus Action, sondern ganz entscheidend auch aus Momenten, in denen eigentlich nichts geschieht." Das Leben kennt keine Logik, es ist dem Zufall unterworfen. In einer Szene von "Mein Stern" wird Nicole, gefragt, warum sie ihr Praktikum gerade in einer Bäckerei mache. Sie antwortet: "Keene Ahnung, weil et hier jut riecht." Valeska Grisebach hat gerade ein Praktikum beim Arbeitsamt hinter sich, sie recherchiert für einen neuen Film. Wie ihre Hauptfigur lässt sie sich von Gefühlen leiten: "Ich habe eine Stimmung im Kopf. Was es werden soll, weiß ich noch nicht genau! Oh Gott, oh Gott, ich weiß es ja am Anfang nie so genau!" Das ist nicht die schlechteste Ausgangsposition für ein neues Projekt. Man wird noch rechnen müssen mit Valeska Grisebach im deutschen Film.

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