Kultur : Das Lehrbuch, das es nie gab

Eine Berliner Tagung zu Schinkel stellt überlieferte Gewissheiten in Frage

Michael Zajonz

Das Entwerfen von Bauwerken galt als Handwerk, ehe es zum hoch technisierten Vorgang geriet. Ein ästhetischer Mehrwert entstand dabei nicht immer. Noch heute fällt die Entscheidung schwer, ob besonders aufmerksam gestaltete Gebäude in jedem Falle Kunst, ihre Urheber Künstler seien. Bei Karl Friedrich Schinkel, dem großen Berliner Architekten des 19. Jahrhunderts, liegen die Dinge klar. Bereits zu Lebzeiten galt er als herausragender Künstler. Was Goethe für die Dichtung, wurde der Neuruppiner Predigersohn für die noch junge bürgerliche Architektenprofession: primus inter pares in einer an Talenten nicht eben armen Zeit.

Schinkels Faszination hält an. Über keinen anderen Architekten des 19. Jahrhunderts ist derart viel geschrieben worden. Seit 1939 wird das „Lebenswerk“ in beeindruckenden Foliobänden ediert und ist lange nicht abgeschlossen. Vor zwei Jahren legte Andreas Haus als vorerst letzten profunden Forschungsbeitrag die Monografie „Karl Friedrich Schinkel als Künstler" (Tagesspiegel vom 27.8.02) vor. Der Professor für Kunstgeschichte an Berlins Universität der Künste hielt nun den Abschlussvortrag einer international besetzten Schinkel-Tagung, veranstaltet von der amerikanischen „Society of the Friends of Schinkel“ und vom „Schinkelzentrum“ der Berliner Technischen Universität.

Die Qual der Wahl: Denn nicht nur als entwerfender Architekt, sondern auch als Maler von Atelierbildern, Panoramen und Bühnenprospekten leistete Schinkel Außergewöhnliches. Ab 1810 arbeitete er zudem in der preußischen Bauverwaltung – zuletzt als deren leitender Oberlandesbaudirektor. Der Baubeamte Schinkel äußerte sich zur Erhaltung „nationaler Alterthümer“. Als Publizist in eigener Sache, als erfahrener Lehrer und menschliches Vorbild prägte er zwei Generationen preußischer Architekten. Zur Mythenbildung trug überdies Schinkels Tod 1841 im Alter von nur 60 Jahren bei. Universaler Bildungshunger und ein elitäres Arbeitsethos: Sein als Selbstaufopferung interpretiertes letztes Lebensjahrzehnt erzeugte erst den Faden, aus dem im bürgerlichen Preußen Künstlermythen gewebt wurden.

Verwunderlich, dass sich die Vorträge in der „Schinkelklause“ am Opernpalais zu einem ganz anderen roten Faden fügten: Theorie versus Praxis. Schinkel plante als Krönung seines Werkes, so sahen es spätere Exegeten, ein „Architektonisches Lehrbuch“. Im Nachlass fanden sich jedoch lediglich oft undatierte Textfragmente, die Aphorismen, längere Reflexionen und Exzerpte seiner Lektüre enthalten. Posthum zu vier Klebealben zusammengestellt, ist dieses kryptische Konvolut erst vor 25 Jahren durch Goerd Peschken vollständig ediert worden.

Takt der Seele

Kurt W. Forster (Santa Monica/Weimar) berichtete nun über die – inzwischen wieder eingestellte – textkritische Durchsicht der Manuskripte, die er als ehemaliger Direktor des „Getty Center for the History of Art“ angeregt hatte. Peschkens Gliederung in eine romantische, eine klassizistische, eine technizistische und gar eine revisionistische Lehrbuchfassung überzeugte nie. Laut Forster, der im Überlieferten eher brillante Gedankensplitter sieht, erfand Peschken ohnehin nur „eine unbewiesene Peripetie in Schinkels Leben“. Fazit: Abschied vom starren, zudem damals bereits unmodern gewordenen Lehrbuchgedanken. Stattdessen erschien seit 1819 die „Sammlung architektonischer Entwürfe" als grafisches Kompendium neuen Typs, das noch Le Corbusiers „Oeuvres complets“ beeinflusst habe. Schinkels Einfluss war übermächtig. Noch 1881 empfand man es mit Blick auf ihn, so Klaus Jan Philipp (Stuttgart), als „Selbstverständlichkeit, keine Kritik äußern zu dürfen“. Schinkel selbst akzeptierte ohnehin keine dilettierende Kunstkritik, wie sie noch Kant geduldet hatte. Den einzigen nennenswerten Einspruch wagte denn auch der kurhessische Baumeister Johann Heinrich Wolf in den „Göttingischen Gelehrten Anzeigen“. Selbst kein Meister seines Faches, verharrt Wolfs Kritik in den Konventionen des 18. Jahrhunderts. Er mäkelt exakt über das, was wir heute an Schinkel bewundern.

Adrian von Buttlar (Berlin) beleuchtete Schinkels Verhältnis zu seinem bayerischen Antipoden Leo von Klenze – oder sollte es besser heißen, Klenzes Abhängigkeit von Schinkel. Der Leib- und Magenarchitekt König Ludwigs I. litt zeitlebens an seiner – immer noch beachtlichen – Minderbegabung. Dank Alter Pinakothek und Glyptothek in München billigte von Buttlar seinem Helden zumindest „konzeptionelle Überlegenheit im Museumsbau“ zu. Ansonsten hatte Klenze, der den Preußen seit gemeinsamen Berliner Studientagen kannte, wenig Hemmungen, Ideen des „göttlichen Schinkel“ abzukupfern.

Der persönlichen Welt dieses merkwürdig Abgehobenen kam wohl der Vortrag von Jochen Meyer (Berlin) am nächsten. Meyer stellte eine bislang vernachlässigte Konstante in Schinkels Gedanken fest, die eine Spur von der vitruvianischen Architekturtheorie der Frühen Neuzeit über das subjektbezogene 19. Jahrhundert bis in die Moderne zieht. Schiller lässt grüßen: Denn erst die „Bildung des Gefühls“ und der „Takt der Seele“ ermöglichen jene dem Menschen dienliche Baukunst, in der historisches Bewusstsein erstmals mit der Vorstellung des Neuen zur Synthese gelangt.

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