Kultur : Das leidige Thema Ost- und Westkunst

Bernhard Schulz

Alte Wunden brachen auf, als am Mittwochabend in den Räumen der Deutschen Bank Unter den Linden zum Thema "Ostkunst, Westkunst, was ist deutsche Kunst" diskutiert wurde. Als 1977 erstmals bei einer "documenta" DDR-offizielle Kunst gezeigt werden sollte, ging das nur um den Preis des Ausschlusses des Künstlerdissidenten A. R. Penck. Daraufhin zog neben anderen Markus Lüpertz seine Bilder zurück - ohne dass die Medien den Vorgang ganz erfasst gehabt hätten. Darüber kann Lüpertz noch heute mit der Emphase des frisch Erlebten reden - und das Podium zu lautstarkem Durcheinanderreden provozieren.

Leider kreiste die Podiumsdiskussion, zu der die Kultur-Stiftung der Deutschen Bank, die Deutsche Guggenheim Berlin und die Stiftung für Kunst und Kultur Bonn im Vorfeld der Ausstellung der Sammlung Grothe (Martin-Gropius-Bau, ab 21. November) geladen hatten, überwiegend um punktuelle Ereignisse. Was denn nun Ost-, was West- und was überhaupt deutsche Kunst sei, blieb im Vagen. Moderatorin Brigitte Seebacher-Brandt fragte gewohnt zupackend und direkt, verfehlte wohl aber gerade darum die ganze Dimension des leidigen Themas. Wie es denn wirklich gewesen sei, dieser Historikerfrage näherte sich Eckhart Gillen, der vor Jahren mit den "Deutschlandbildern" eine gewichtige Ausstellung zum Thema zusammengestellt hat. Eduard Beaucamp, Kunstkritiker der "FAZ" und seit Jahren engagierter Streiter für die Kunst der DDR, forderte "Chancengleichheit". Lüpertz verwarf solche Begrifflichkeit und erklärte apodiktisch, wer sich mit einem Staat einlasse - wie die DDR-Künstler mit dem ihren -, der trage für diesen Staat auch Verantwortung. Doch statt die Frage der Verstrickung von Kunst und Macht zu vertiefen, variierte Lüpertz seine Kernthese, aller Malerei gehe es um Freiheit von Bevormundung, bis das Spezifische der deutsch-deutschen Kunst gänzlich aus dem Blick geriet und Beaucamp solchem Angriff mit dem Verweis auf die "Propagandakunst" eies Rubens oder Velàzquez, ja des Barock überhaupt alle Kraft nahm. Johannes Heisig, in der Wendezeit als Rektor der Leipziger Hochschule im Brennpunkt des Umbruchs, verharrte in einer Defensive, die schnell ins Larmoyante wechselte. Dieter Ronte schließlich, Leiter des Bonner Kunstmuseums, vertrat die gelassene Position des fernen Westens der Republik. Befindlichkeiten ware es, die im gut besuchten Atrium der Deutschen Bank zur Sprache kamen, keine kunsthistorischen Positionen; weniger also, als Diskussion Anfang der neunziger Jahre erbracht haben. Vielleicht ist die am Schluss beinahe unisono erhobene Forderung berechtigt, Zeit zu lassen und zu geben. Dann mag auch Penck aus seiner Schaffenskrise finden - und die nächste Diskussion zum Thema mit vielleicht weniger Verve, dafür mehr Gedankenschärfe über die Bühne gehen.

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