Das mysteriöse Ende von Eric Dolphy : „Sie erklärten ihn einfach für tot“

Warum starb Eric Dolphy? Das mysteriöse Ende eines Musikers vor dem ersten Berliner Jazzfest

Philipp Lichterbeck

Eric Dolphy starb jung und einsam. In einem Berliner Krankenhausbett umgeben von Ärzten, die keine Ahnung hatten, wer der schwarze Mann mit dem Spitzbart war. Getrennt von seiner Familie in Los Angeles, fern von den Kollegen in New York und ohne die Freundin, die in Paris auf ihn wartete. Nicht einmal Dolphys große Geliebte war bei ihm als er am 29. Juni 1964, wenige Wochen vor dem ersten Berliner Jazzfestival, im Koma dahinschied. Man hatte in der Aufregung vergessen, Eric Dolphy die Bassklarinette hinterherzuschicken.

Zwei Tage zuvor hatte er noch auf der Bühne des Jazzclubs „tangente“ in der Bundesallee gestanden. Die Zuschauer erlebten da bereits einen taumelnden Musiker, unfähig, einen klaren Ton zu spielen. Schließlich klappte Dolphy zusammen. Sogleich verbreitete sich das Gerücht, er habe Drogen genommen. Erinnerungen an den exzessiven Lebenswandel Charlie Parkers wurden wach. Doch der 36-Jährige war ein Gesundheitsfanatiker. Er rauchte nicht, trank keinen Alkohol und ernährte sich hauptsächlich von Frucht- und Gemüsesäften.

„Er wird zu den vielen Frühvollendeten gehören, an denen die Geschichte des Jazz so reich ist“, notierte der Tagesspiegel nach Dolphys Tod. Und wie immer, wenn Idole überraschend sterben, rankten sich schnell die Legenden. „Rassistische deutsche Ärzte ließen ihn einfach verrecken“, polterte etwa der notorische Charles Mingus, der eine konfliktreiche musikalische Beziehung zu Dolphy unterhielt. Die Tänzerin Joyce Mordecai, mit der Dolphy sich noch in demselben Sommer vermählen wollte, sah es ähnlich: „Sie packten ihn in Eis und erklärten ihn einfach für tot. Er hatte ja keine Geschichte für sie.“ Heute weiß man, dass Dolphy an einer zu spät diagnostizierten Diabetes starb.

Eric Dolphy hatte die Musikwelt der beginnenden Sechzigerjahre erstaunt und entsetzt. Er hatte die bis dahin nur aus der Klassik bekannte Bassklarinette für den Jazz entdeckt und diesem großen, farbenreichen und schwierig zu spielenden Instrument Töne entlockt, die voller Emotionen waren; die sich wanden, rankten und verknoteten, die plötzlich kreischend wie aufgeschreckte Vögel aufstoben und grunzend herniedersausten. Dolphy, der auch das Altsaxophon und die Flöte virtuos beherrschte, flocht in freier Assoziation Klangkaskaden, die von intensiver Dramatik waren. Man konnte in ihnen himmelhochjauchzende Freude finden aber auch tiefste Betrübnis, Schrecken und Schmerz. Dolphy konnte extreme innere Zustände auf seinem Instrument ausdrücken und hypnotisierte seine Zuhörer. So wird erzählt, wie Dolphy einmal in einem Club in Brooklyn auftrat, in dem es von Prostituierten und Zuhältern wimmelte. Die palaverten laut durcheinander. Bis Eric Dolphy die Bühne betrat und das Rotlichtmilieu mit dem ersten Ton zum Verstummen brachte.

Dolphy verkörperte neben Ornette Coleman und John Coltrane den Durchbruch zur absoluten Freiheit des Jazzsolisten. Nach einer chaotischen Europatournee mit Charles Mingus, während der es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen war, hatte Dolphy die Band des Bassisten verlassen und war nicht in die USA zurückgekehrt. Er wollte selbst eine Band anführen und sah dafür in Europa bessere Voraussetzungen. In den USA würden die Leute einen fertig machen, wenn man etwas Neues versuche, schrieb Dolphy im Hüllentext zu seiner berühmtesten Platte „Out to Lunch“ (Blue Note). Zudem war er von den schweren Rassenunruhen in seiner Heimat verstört.

In Paris und den Niederlanden spielte Dolphy mit wechselnden Besetzungen, die er staunend und ängstlich zurückließ. Seine aggressive Intonation und die bedrohlich wirkenden Dissonanzen, die allesamt aus der Tierwelt abgeleitet schienen, ließen die Musiker fragen: Müssen wir jetzt alle so spielen? Die Wildheit seines Ausdrucks wollte dabei keineswegs zu Dolphys Äußerem passen. Er war stets korrekt in einen dunklen Anzug gekleidet. Er trug Schlips und die Haare kurz, den Bart gestutzt und hielt sich aufrecht. Freunde beschreiben ihn als zuvorkommend und sanft, als einen, der seine Gage für Lebensmittel ausgab, damit die arbeitslosen Kollegen etwas zu Essen bekamen. Mingus, selbst alles andere als zimperlich, nannte Dolphy einen „Heiligen“.

Ende Juni 1964 reiste Dolphy nach Auftritten in Paris in Richtung West-Berlin. Als er am 27. Juni ankam war er bereits stark geschwächt. Dolphy stieg im Hotel Xantener Eck ab, von wo ihn der damalige Manager der „tangente“, Hartmut Topf, gegen Abend abholen sollte. „Als ich in Dolphys Zimmer kam, lag er schweißgebadet auf dem Bett und löffelte Eiskrem in sich hinein“, erinnert sich der heute 70 Jahre alte Journalist. „Er wollte dann gar nicht in mein Auto einsteigen, weil er befürchtete, alles voll zu kotzen. Es war ihm peinlich.“ In der „tangente“ verschlechtert sich Dolphys Zustand. Einen Arzt wollte er dennoch nicht sehen. Mit dem Trio von Karl Berger trat er auf die Bühne. Nach drei vergeblichen Anläufen entglitt ihm die Bassklarinette. Dolphy erlitt einen Kreislaufkollaps. Wie sich später herausstellte, war ein erhöhter Zuckerspiegel die Ursache. Dolphy hatte ohne es zu wissen eine schwere Diabetes. Zwei Tage später starb er im Wilmersdorfer Achenbach Krankenhaus.

Kurz vor seinem Tod hatte Dolphy im niederländischen Hilversum das Album „Last Date“ aufgenommen. Am Ende eines Stückes ist ein Satz von Dolphy aufs Band geraten: „Wenn man Musik hört... wenn sie zu Ende ist, löst sie sich in Luft auf. Man kann sie nie mehr einfangen.“

Tribute to Eric Dolphy: heute mit Peter van Bergen, Wolfgang Fuchs, Hans Koch, morgen mit dem Trio Golia, Mengelberg, Bennink in der Berlinischen Galerie (Alte Jakobstr. 124-128, Kreuzberg), 20 Uhr

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