Kultur : Das Nichts am Ende des Tunnels

Silvia Hallensleben

Um auf dem Markt der Aufgeregtheiten mithalten zu können, braucht mittlerweile jedes Film-Festival seinen Skandal. Der Schocker von Cannes 2002 hieß Irréversible , dauerte im skandalösen Kern eine exzessive Totschlagsszene (zwischen zweiundzwanzig und dreiundzwanzig Schläge mit dem Feuerlöscher ins Gesicht des Opfers haben eifrige Kritiker gezählt) und neun ewig lange Vergewaltigungsminuten und führte zu Ohnmachtsanfällen und Publikumsabwanderung in beachtlicher Größe. Die Provokation war von Regisseur Gaspard Noé offensichtlich gewollt. Denn der in Argentinien geborene Filmemacher („Seul contre tous“) verfügt über ausreichend Trendgefühl und artistische Kunstfertigkeit, um seine bösen Stellen als ästhetische Zwangsläufigkeiten aufzutakeln. So sind beide Einstellungen praktisch ungeschnitten und eignen sich wegen ihrer ungewöhnlichen Ästhetik vorzüglich zu einer weiteren Debatte über Voyeurismus und Kunstfreiheit, reale und filmische Gewalt, notwendige Wirklichkeitsnähe und sinnlose Verstörung.

Doch Noé mag noch so sehr mit dem Ruch des Abgründigen kokettieren: Seine moralische Fabel vom netten Ausgeh-Abend, der in der Katastrophe endet, ist so lesebuchhaft bieder wie banal. Damit das beim Publikum nicht ganz so simpel ankommt, greift Noé zu einem Kunstmittel und präsentiert uns den Film im Krebsgang. So steht am Anfang von „Irreversibel“ der brutale Überfall auf den Gast eines Pariser S/M-Homo-Clubs als Amoklauf zweier heterosexueller Männer. „Rectum“ heißt das Lokal: ein düsterer Alptraum im Unterleib einer grobkörnigen Breitwand-Hölle, in der die Kamera haltsuchend herumirrt, während halbnackte Kerle die Fäuste androhen und dumpfe Vibrationen an den Eingeweiden rütteln. Eine Ganzkörperattacke auf den Zuschauer, technisch brillant inszeniert wie auch das weitere Dutzend langer ungeschnittener Einstellungen, in denen sich die Vorgeschichte dieses Gewaltausbruchs nach und nach aufrollt.

Eine Rape-Revenge-Story, bei der Opfer und Rächer durch vermeintliche Schuld miteinander verknüpft sind. Denn ist es nicht wegen Marcus‘ (Vincent Cassel) unerträglichem Betragen, dass seine Freundin Alex ( Monica Bellucci , Foto: Alamode) die Party vorzeitig verlassen hat und in der Unterführung ihrem Vergewaltiger vor das Messer lief? Der rote Tunnel, noch so ein heißkalter Innenkörper. Die anale Echtzeit-Vergewaltigung, die uns erbarmungslos in starr frontaler Kameraposition vorgeführt wird, ist das Herzstück des Films und wohl auch für Abgebrühte kaum erträglich. Alles mögliche kann man Noé vorwerfen: Dass er Gewalt verharmlosen würde, nicht. Das würde auch keinen Sinn machen, denn es geht ihm offensichtlich darum, die Grenzenlosigkeit menschlicher Gewaltfähigkeit in Aktion vorzuführen. Doch während sich im Rächer-Film üblicherweise die Gegen-Aggression zu ihrer endgültigen kathartischen Entladung akkumuliert, ist hier das Gegenteil der Fall. Die anfängliche aggressive Energie des Films scheint sich im Rücklauf stellvertretend auf den Ersatzopfern auf der Leinwand abzulagern, damit das Davor umso unbefleckter daraus hervorgehen kann.

Dass alles gut wird, will uns Hollywood immer wieder weismachen. „Die Zeit zerstört alles“ ist Noés wahrhaftigere, doch nicht weniger schlichte Gegenthese, die er mit dem künstlichen Pathos pseudonihilistischer Attitüde zu philosophischer Erkenntnis aufblasen will. Doch „Irreversibel“ ist kein tollkühner Salto rückwärts, sondern ein geradliniger Schaulauf, der von der Hysterie delirierender Kamerataumel geradewegs zum stillen Glück häuslicher Idylle findet. Dass dabei – in einem Film, dessen Machart uns mit machistischem Imponiergebaren quält – am Ende wieder einmal die kreatürliche Weiblichkeit als das Urbild der Unschuld steht, lässt sich als Symptom sehen für das schlicht dichotomische Weltbild, das hinter dem vermeintlichen Extremkino steckt. (Eiszeit (OmU), Hackesche Höfe, Kino in der Kulturbrauerei, Neue Kant Kinos).

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