Kultur : Das Prinzip Wachstum

Mit Volldampf aus der Krise: Ausstellungs- und Neugründungspläne des Guggenheim-Chefs Thomas Krens für Berlin, New York und Rio de Janeiro

Bernhard Schulz

Was wäre der Berliner Ausstellungsbetrieb ohne Guggenheim? Die viel gescholtene New Yorker Institution setzt nicht nur in ihrer hiesigen Dependance Deutsche Guggenheim ein ums andere Mal Akzente. Derzeit verhilft sie auch der schwächelnden Neuen Nationalgalerie zu einem Publikumsrenner. Die Ausstellung „Giorgio Armani“ ist eine Übernahme aus New York (siehe Tagesspiegel vom 8. Mai). Und doch hat Guggenheim für diese Modenschau herbe Kritik einstecken müssen: gescholten als neuerlicher Beleg für die Wandlung zum profitorientierten „McGuggenheim“, das nur mehr als Plattform für weltumspannende Event-Kampagnen dient.

In der Tat bündeln sich in der Armani-Ausstellung die Interessen gleich zweier Weltmarken – die des Mailänder Modezaren sowie die des Autoherstellers Mercedes-Benz, der die Welttournee finanziert (und auf einen Berliner Zwischenstop großen Wert legte). Doch die Kritik an solcher Verknüpfung von Museum und Kommerz mag Thomas Krens nicht mehr hören. Der umtriebige Chef der Guggenheim-Stiftung scheint nach den finanziellen Turbulenzen, in die sein Imperium auf Grund dramatisch eingebrochener Besucherzahlen nach den Terroranschlägen des 11. September geraten war, dünnhäutiger geworden zu sein.

Das Guggenheim-Museum, betont er beim Gespräch in Berlin, habe unter seiner Ägide in zwölf Jahren 140 Ausstellungen organisiert, Armani sei dabei die erste zum Thema Mode. In der Kritik herrsche ein „doppelter Standard“, moniert er, und verweist auf die New Yorker Konkurrenz: „Das Metropolitan Museum zeigt eine Mode-Extravaganza nach der anderen, und das wird als business as usual angesehen.“ Wenn „das Produkt“ jedoch gut sei, gibt sich Krens sogleich wieder unnahbar, „tut Kritik nicht weh“.

Freilich errege eine Ausstellung wie die zu Armani Aufmerksamkeit, weil sie eine enge Beziehung zur popular culture aufweise. Allerdings seien Mode und Lifestyle und der Wunsch nach einem anspruchsvollen Automobil ohnedies verwandt. Im übrigen gehöre ein solches Ereignis „ in eine große, vibrierende, internationale Stadt“ – und damit erweist Krens Berlin und seinen Partnern, der Nationalgalerie und damit den Staatlichen Museen, diplomatisch Reverenz.

Anlass zur Zufriedenheit hat Krens dieser Tage durchaus. In der Dependance in Las Vegas, voreilig totgesagt, eröffnete soeben die Ausstellung „Icons of American Pop“. Die atemberaubend dichte Ausstellung zu Kasimir Malewitsch hatte ihr Debüt in der Deutschen Guggenheim; erst jetzt folgt die Zweitpräsentation im New Yorker Stammhaus. Für die kleine, feine Berliner Filiale war „Malewitsch: Suprematismus“ mit 70000Besuchernder bislang größte Publikumserfolg. Die Zusammenarbeit mit dem Geldgeber, der Deutschen Bank, wurde soeben um weitere fünf Jahre verlängert.

Mit den Staatlichen Museen strebt Krens statt einer „strategischen“ Partnerschaft fallweise Kooperationen an. So soll die Ausstellung zu Sammlung und Lebenswerk des Galeristen Justin K. Thannhauser – neben Solomon R. Guggenheim der andere große Stifter des Museums – 2005 nach Berlin kommen; ein Wunsch des Berliner Museums-Generals Peter Klaus Schuster und insofern das Gegengeschäft zur Armani-Übernahme.

Justins Vater Heinrich Thannhauser begründete 1909 die „Moderne Galerie“ in München, die bereits zwei Jahre später mit der Erstausstellung des „Blauen Reiters“ in die Kunstgeschichte einging. Justin eröffnete 1927 eine Filiale in Berlin unter dem Namensplural „Galerien Thannhauser“ – bis zur Vertreibung durch die Nazis 1937. Zahllose Hauptwerke der französischen Klassischen Moderne, vor allem des Impressionismus, sind durch die Hände der Thannhausers gegangen; eine Ausstellung, die – neben den rund 100 dem Guggenheim-Museum vermachten eigenen Gemälden – auch nur einen Bruchteil davon zeigte, wäre eine Sensation – und ein Renner ohnehin.

Konkurrenz zur eigenen Guggenheim-Zweigstelle sieht Krens nicht. „Je stärker wir sind, desto besser für die Deutsche Guggenheim.“ Für die Dependance im Haus der Deutschen Bank gibt es eine Fülle von Ausstellungsvorhaben. Die Künstlernamen purzeln nur so: Jackson Pollock, Signac und Boccioni, aber auch die der documenta-Teilnehmer Jeff Wall und William Kentridge.

Krens konnte kurz vor seiner Stippvisite nach Berlin einen persönlichen Triumph verbuchen. Mit dem Bürgermeister von Rio de Janeiro unterzeichnete er am 30. April den Vertrag über die Errichtung eines Guggenheim-Museums in der brasilianischen Metropole: 130 Millionen Dollar teuer, nach Entwurf des französischen Star-Architekten Jean Nouvel, der das Museum spektakulär weniger auf als in eine künstliche Insel ins Meer hinein bauen will. Beteiligt sind außerdem das Kunsthistorische Museum Wien und die Eremitage aus St.Petersburg, seit einigen Jahren dem Guggenheim-Museum vertraglich verbunden. Der Guggenheim-Stiftung bringt das Engagement bereits in den kommenden drei Jahren knapp 30 Millionen Dollar Lizenzgebühren ein. Sie sollen der Aufstockung des Stiftungskapitals dienen, das sich in der jüngsten Finanzkrise als katastrophal niedrig erwiesen hatte. Jetzt aber ist Krens obenauf und doziert über den Zusammenhang des Guggenheim-Deals mit den hochfliegenden Plänen der Stadt Rio, die 2007 die Panamerikanischen Spiele ausrichten und sich danach für die Olympischen Spiele von 2012 bewerben will.

So erstaunt nicht, dass der Museumsneubau bereits 2007 eröffnet werden – und, so die kühne Prognose des Bürgermeisters, binnen 15 Jahren eine halbe Milliarde Dollar zusätzlichen Bruttosozialprodukts generieren soll. Irritationen am Rande gab es wegen des Versuchs, eine Einstweilige Verfügung gegen den Vertragsabschluss zu erwirken – unter anderem mit der Begründung, die Summen seien in Dollar beziffert, in Brasilien werde indessen mit Reais gezahlt.

Das Heimspiel aber ist immer noch in New York. Dort hatte Krens sein gigantisches Neubauprojekt für den Süden Manhattans streichen müssen. Die Krise nach dem 11. September erwies sich als stärker. Das Projekt sei bereits 1998 entworfen worden, sagt Krens beinahe entschuldigend und fügt lakonisch hinzu: „Wir leben nicht auf einer Insel.“ Nun setzt er auf das Neubauvorhaben rund um Ground Zero. „Weder das Museum of Modern Art noch das Metropolitan werden nach Süd-Manhattan gehen“, weiß er: „Und welches Museum bleibt dann?“ Zudem wüchsen die Chancen auf Bundesmittel für eine solche „kulturelle Komponente“. Und, als ob er sich an all die Neider richtete, die die Krise Guggenheims so hämisch kommentiert hatten: „Innerhalb der kommenden zehn Jahre wird es ein neues Guggenheim in New York geben – entweder in der Lower East Side oder an Ground Zero.“

Wie hatte Thomas Krens eben noch die abgestürzte, derzeit in ihren stärksten Vertretern aber wieder auferstehende dotcom industry charakterisiert? „Sie war nie so groß, wie sie gepriesen wurde, aber auch nie so schlecht, wie sie gescholten wurde.“ Ein Schelm, wer da an Guggenheim denkt.

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