Kultur : Das Scheppern der Juwelen

Die transparente Band: Wie die Einstürzenden Neubauten in ihrem Berliner Studio auf ein neues Album zusteuern. Ein Besuch

Kai Müller

Der nächste Song steckt in einer alten Zigarrenkiste. Die Einstürzenden Neubauten müssen ihn nur noch zusammensetzen. Sänger Blixa Bargeld klappt das Holzkästchen auf und hält es Gitarrist Jochen Arbeit hin, der auf dem rosafarbenen Studiosofa in die Lektüre eines Journals vertieft ist. „Du zuerst?“ Arbeit zieht aus der Schachtel sogenannte Navigationskarten, auf denen „Tape“ und „altes Material“ steht. Er wird also aufstehen, sich einen Kassettenrekorder suchen und eines jener alten Tonbänder abspielen, das im Neubauten-Archiv verstaubt. Das Gequäke wird verdächtig nach den Schlümpfen klingen. „Diesmal war die Aufgabe leicht.“

Bargeld hat sich dieses Spiel ausgedacht. Er nennt die Schatulle ein „Divinationssystem“. Einem Orakel ähnlich spuckt der Zettelkasten rätselhafte Botschaften aus, die jeder der fünf Musiker in Klang umsetzen muss. Alexander Hacke wuchtet eine riesige Leichtmetallwanne vor seinen Bassverstärker, Andrew Chudy probt auf einem Blech einen Trommelwirbel, Rudi Moser trägt eine Art Didgeridoo, das mit Basssaiten bespannt ist, in den Aufnahmeraum. Und Blixa Bargeld sagt: „Ich warte erst mal, was die anderen machen.“ Er hat eine Luftdruckpistole in der Hand, im Flur dröhnt der Kompressor.

Was hier in einem Weddinger Gewerbehof entsteht, ist die nächste Platte der Einstürzenden Neubauten. Aber man wird sie nirgendwo kaufen können. Jedenfalls nicht in einem CD-Laden. Vor Jahren hat die Band ihren Plattenvertrag auslaufen lassen und stattdessen ein Abonnenten-Modell entwickelt. Das Werk wird nur noch an die Mitglieder eines Unterstützerkreises ausgeliefert, die vorab Geld für dessen Entstehung beisteuern. Mit 2600 Anlagewilligen können sie rechnen, 30 Prozent davon aus Deutschland. Reguläre Alben wie „Perpetuum Mobile“ (2004) sind nurmehr Abfallprodukte dieses Verfahrens, das in schneller Folge ein „Supporter’s Album # 1“ sowie drei weitere exklusive Platten hervorgebracht hat, ohne dass diese öffentlich erwähnt worden wären. Dass Bargeld & Co Anfang November eine Live- DVD auf den Markt bringen („Palast der Republik“), ist da schon eine Ausnahme. Im Prinzip hat sich die Avantgarde- Gruppe, die vergangenes Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feierte, online ein neues, unabhängiges Betätigungsfeld erschlossen. Und sie ist auch der Routine entgangen. Bargeld, der neuerdings mit seiner chinesischen Frau in Peking lebt, kehrt für dreiwöchige Ensuite-Sitzungen nach Berlin zurück, wo die Band immer wieder so genannte „Jewels“ ausstößt, spontane Song-Skizzen, die in kurzen Sessions entstehen und bei www.neubauten.org heruntergeladen werden können. Das ist ungewöhnlich für ein Kollektiv, das oft jahrelange Findungsphasen für eine musikalische Idee benötigt und, wie der „Rolling Stone“ zuletzt mäkelte, „immer mehr Artrock“ produziert.

Vorbei die Zeit, da die Neubauten mit brachialen Lärmwänden den Untergang der Zivilisation intonierten. Als Erster hat an diesem Nachmittag Rudi Moser ein Motiv. Das Puckern der Basstöne klingt nach House-Beat und Computer. Dabei schlägt er rhythmisch mit einer Art Bleistift auf die Saiten des Didgeridoos. Hackes Blechwanne scheppert, Chudy trippelt, und Arbeit spielt die Schlümpfe ein. Überall sind Webcams aufgestellt. Sie übertragen das Geschehen zeitgleich ins Netz. In Interviews schwärmt Blixa Bargeld gelegentlich vom positiven Impuls der Web-Gemeinde, die sich ausdrücklich einmischen solle. Gerade jetzt interessiert sich aber keiner für Kommentare von draußen.

„Mensch, Endruh!“, donnert Blixa Bargeld plötzlich los, „dieser Song braucht ein Arrangement! Er muss geformt werden. Wenn du eine Idee hast, wie er geformt werden kann, dann sag es!“ Aber Andrew Chudy, der sich auch N. U. Unruh nennt, hat keine Idee. Er will auch gar nichts sagen. Er will bloß Sechzehntel spielen, wie das auf seinem Zettel steht. „Das ist kein Arrangement“, klärt Bargeld auf. Das Wort Arrangement bekommt in diesem Moment etwas sehr Ragendes. Bargeld geht schnaufend hinaus und brüllt Richtung Chudy: „Deine schlechte Laune kotzt mich an.“

Wie stellt man sich Lärmartisten wie die Einstürzenden Neubauten im Studio vor? Von jeher umgibt die „genialen Dilettanten“ der Nimbus des Unnahbaren, Rohen. Was vor allem von Bargeld gepflegt wird. Über die vermeintliche Öffnung der Band mittels Webcast sagt er, man sei so nahbar wie Internet-Pornografie, „die Intimität bleibt gewahrt“. Bargelds divenhafte Erscheinung – er kleidet sich mittlerweile in elegante Nadelstreifenstoffe und hat nichts mehr von dem luchsäugigen Hungerkünstler früherer Tage – ist wie erstarrte Lava: beinhart, schwarz, zum Bersten gespannt. Seine Umgangsformen sind auf Höflichkeit getrimmt. Aber wie kleinlaut Chudy seinem Kumpel erwidert, er habe gar keine schlechte Laune, das sagt viel über Bargelds Macht der Behauptung.

„Endruh ist der permanent Einstürzende“, hat Bargeld einmal über den Mitbegründer der Band gesagt. „Man kann sich wunderbare Sachen ausdenken und sicher sein, dass er garantiert quergeht ... Insofern ist er ein Muskel der Gruppe, der Herzmuskel.“ Seit die beiden 1980 im Hohlraum einer Berliner Autobahnbrücke erste Klangexperimente durchführten, geht es darum, akustische Müllberge zu plündern, aus Schrott Schönheit zu gewinnen, Pläne zu machen und sie, wie alles, untergehen zu sehen. Im Studio sucht man deshalb herkömmliche Instrumente vergebens. Die Turbine eines Düsentriebwerks steht in einer Ecke, in einem Autoreifen spannt sich eine Stahlfeder, von der Decke baumeln alte Cymbals und Gongs.

Bargelds Groll verflüchtigt sich auf wundersame Weise. Die Mitstreiter begreifen schnell, dass nur einer weiß, wie etwas geformt wird. Sie haben es eigentlich nie angezweifelt. Immerhin hat Bargeld die Navigationskarten geschrieben. Vom Mischpult aus ruft er seinen Kollegen durchs Sichtfenster hindurch Vorschläge zu, die wie Kommandos klingen. Sie bitten ihn gleich wieder herein.

„Das Spiel ist erfunden, aber die Regeln werden entdeckt“, erklärt Bargeld später. Da sitzen die Musiker erneut auf dem rosa Studiosofa und hören sich das gleichförmige Gebumpe der ersten Aufnahme an. Bargeld hat einen Text über eine Visavergabestelle aufgesagt, eines seiner „Traumprotokolle“. Aus der Zettelkasten-Collage schälen sich die Umrisse eines Songs. Hackes scheppernde Basston-Wolken hebeln den Diskobeat aus. Ist das die Rückseite des Klanggebildes, die sie suchen? Welche Gegensätze sind hier am Werk?

Dann ist die „Sendezeit“ um, die Internetpforte schließt. Und ein Bargeld-Satz klingt nach: „Ich erwarte von einer Band das Unerwartete, Unwägbare, das sich nicht kontrollieren lässt.“ Die Einstürzenden Neubauten fangen jedesmal von vorne an. Beim Hinausgehen legen sie die Karten in die Zigarrenkiste zurück.

Die Band wird „Palast der Republik“ am 16. Oktober im Babylon Mitte zeigen.

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