Kultur : Das Schweigen der Hure

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Liegt es nur an der Ferne, dass dieser Film sich verschließt und Szene für Szene zu sagen scheint: „Ich komme aus einer anderen Welt“? Andererseits: Seit Puccinis „Madame Butterfly“ sind aus uns Durchschnittseuropäern doch intimste Kenner des Seelenlebens japanischer Prostituierter geworden. Wer Madame Butterflys Abschied von ihrem Kind hören kann und noch einen Unterschied machen zwischen dieser und seiner eigenen Seele, der weiß nicht, was Musik ist. In Tamasaburo Bandos „Sehnsucht“ macht man diesen Unterschied.

Auch hier geht es um den unaufhaltsamen Abstieg einer Prostituierten mit Kind. Auch hier ist die nächste Vertraute eine alte Dienerin. Tokio 1910: Nach dem Tod des Bordellbesitzers, dessen Geliebte Onami (Sayuri Yoshinaga) war, ist sie allein mit dem Kind. Zu Hause ihr Vater, ein kranker, hochverschuldeter Samurai. Woran liegt’s, dass uns die hochtragische Konstellation - Hure, kranker Samurai, uneheliches Kind - nicht genügt? Wir wollen das alles auch fühlen, mindestens wie bei Puccini.

Dabei neigt die Ökonomie der japanischen Gefühle gar nicht zum opernhaften Exzess - zerreißt eine Seele, zerreißt die ganze Welt. Das Gesetz lautet: keine Regung. Kein Innen soll das Außen je erreichen, alles andere wäre vulgär, eine Belästigung der Mitmenschen. Kultur beginnt mit einer Kultur der Internalisierung: Selbst die Bilder scheinen vor Selbstbeherrschung still zu stehen. Das Leben, erstarrt zum Tableau. Hier passt nur schwarz-weiß.

Seltsam dann die kleinen Eruptionen, die diese Starre immer wieder durchbrechen. Der Arzneimittelhändler Otabe hat sich längst ruiniert für die schöne Hure Onami. Er will nur noch eins: Onami heiraten. Aber kann Onami einen bereits ruinierten Arzneimittelhändler heiraten, wenn sie einen kranken Samurai und ein uneheliches Kind zu versorgen hat? Bevor der Arzneimittelhändler sich erhängt, wird er laut. Aber es klingt nicht wie eine Butterfly-Arie. Irgendwie haben wir die Puccini-Madame einst viel besser verstanden als diese schweigsame Onami, die bei jedem Schicksalsschlag sagt: Jetzt muss ich noch mehr arbeiten! Als wäre sie ein Fabrikmädchen, dass eine höhere Stückzahl bekommt.

Und träumt sie nicht auch Fabrikmädchenträume? Einen kleinen Laden aufmachen, eine Apotheke vielleicht? Kerstin Decker

Balazs (OmU)

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