Kultur : Das Signal

Politik geht vor Kunst: Das Filmfestival von Cannes vergibt seine Goldene Palme an Michael Moores „Fahrenheit 9/11“

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Man hatte es geahnt, spätestens als die Juroren des FipresciKritikerverbands am Freitag abend in schönster Harmonie ihren Hauptpreis für Michael Moores Anti-Bush-Traktat „Fahrenheit 9/11“ verkündeten. Ja, wenn schon die Filmkritiker, die sonst gern das cineastisch hochwertige Autorenwerk etwa aus einem tapferen, kleinen Filmland auszeichnen, dieses Jahr ganz aufs politische Signal setzen – wie würde sich wohl erst die Große Jury des Festivals verhalten, unter dem Vorsitz des unermüdlichen Kino-Troubleshooters Quentin Tarantino?

Sie hat sich dem Votum angeschlossen und aus ihrer wichtigsten Entscheidung eine politische Demonstration ersten Ranges gemacht. Die Goldene Palme für einen Film, der mit der unverwechselbaren Verve des Michael Moore die Abwahl von George W. Bush im November herbeischreit, gibt dem bedrängten Regisseur Rückhalt in seiner Heimat. Und dies um den Preis, dass der Graben zwischen den konservativ gesteuerten Amerikanern und den Alteuropäern wieder ein bisschen tiefer wird – repräsentiert von den fest mit der französischen Kulturpolitik verbandelten Festivalmachern von Cannes. Hauptsache, Michael Moore wird jetzt richtig gefährlich.

Schon die Vorgeschichte um die ursprüngliche Weigerung des Disney-Konzerns, „Fahrenheit 9/11“ zu vertreiben, spricht Bände. Inzwischen hat die produzierende Tochterfirma Miramax den Film zwar übernommen, um den Starttermin und die Zahl der Kopien wird in Amerika aber noch gepokert. Michael Moore wünscht sich einen Start zum nationalen Kassenknüller-Wochenende am 4. Juli und drängt kompromisslos in die Liga der Multiplexe. Schließlich ist der selbstbewusste Regisseur davon überzeugt, dass sein Film die Wahl entscheiden kann – und hat ihn deshalb, mit kleinen Leuten aus der Provinz als Identifikationsfiguren, voll für ein amerikanisches Massenpublikum konzipiert. Hinzu kommt: Die täglichen Folter- und Vergeltungsnachrichten aus dem Irak, die dieses Festival weitaus stärker erschüttert haben als die amerikanische Kriegs- und Siegesmeldungen im vergangenen Jahr, zwingen geradezu zur Solidarität mit dem linken Prediger Michael Moore. Dieser Mann wird politisch gebraucht, und die Festivaljury hat sich verständlicherweise der Versuchung nicht entzogen, hierzu ihr Teil beizutragen.

Ein großer Film, wie ihn Cineasten lieben, ist Moores Bilderstreitschrift freilich kaum. Doch das will diese Lektion in amerikanischer Lügen-Politik der vergangenen vier Jahre auch gar nicht sein. „Fahrenheit 9/11“ ist ein Film für den Augenblick. Und das Votum der Jury ist eine Entscheidung für den Augenblick. Und wenn ein guter Amerikaner als Vorsitzender das Werk eines Kronzeugen der Chirac- und Schröder-Politik aufs Siegertreppchen durchwinkt, so ist mit der künstlerischen auch die politische Kontinentaldrift zumindest für einen Augenblick angehalten.

Doch auch hinter dem alles überdröhnenden Anti-Bush-Signal hat die Jury andere eindeutige, teils schmerzhafte Wegmarken gesetzt. Mit dem wilden, gewalttätigen Extrem-Melodram „Old Boy“ von Park Chan Wook dürfte sie nicht nur einen Herzenswusch ihres Vorsitzenden erfüllt haben, sondern hebt auch das boomende Filmland Südkorea auf den Schild. Tatsächlich war „Old Boy“, die Geschichte um den Kreuzweg eines Mannes, der nach 15-jähriger Gefangenschaft seinen Peiniger und dessen böses Motiv enttarnt, einer der ganz starken Filme dieses Festivals. Groß auch kehrt, mit wichtigen Nebenpreisen, das französische Kino ins Rampenlicht zurück, nachdem es sich im vergangenen Jahr arg blamiert und Cannes eine deftige Rufschädigung eingebracht hatte. Alle drei französischen Wettbewerbsfilme holten ihre Preise, wobei der Drehbuchpreis für Agnès Jaoui und ihren entzückend stimmigen „Comme une image“ am meisten überzeugt. Der rauschenden langen amerikanisch-alteuropäischen Nacht in Cannes dürfte spätestens dann nichts mehr im Wege gestanden haben.

Ansonsten aber sieht es nicht gar so rosig aus. Dieses 57. Festival von Cannes: Es war keines der Skandale, aber es ließ über weite Strecken merkwürdig unberührt. Seniorchef Gilles Jacob, der zuletzt überwiegend den Altmeistern unter den Regisseuren und der französischen Filmindustrie verpflichtet schien, hat das Festival offenbar endgültig in die Hände eines Jüngeren gelegt – aber die Handschrift von Thierry Frémaux ist noch nicht recht erkennbar. Das Heißkalt der Aufregung über lausige Filme hat der neue Chef zwar geschickt vermieden, stattdessen ging die Fahrt oft ins Laue.

Die Altmeister durften diesmal draußen bleiben – dafür traf das gefährliche Spiel der großen Erwartungen, die im Zweifel besonders große Enttäuschung nach sich ziehen, die Meister der mittleren Generation. Emir Kusturica beließ es mit „Life is a Miracle“ beim öden Selbstzitat, auch Walter Salles ging mit seinem zeitweise hoch favorisierten Guevara-Porträt „The Motorcycle Diaries“ leer aus, und für die sterile Stilübung der Coen-Brüder mit ihrem „Ladykillers“-Remake blieb nur ein Trostpreis übrig. Doch richtig schmerzhaft ist die totale Nullnummer für „2046“ und die Bewunderer von Wong Kar-wais neuem Film geraten. Vor vier Jahren hatte sein grandioser „In the Mood for Love“ in Cannes nur einen peinlichen Technikpreis geholt, nun gab es zuletzt für das vor allem von den französischen Medien favorisierte Ergebnis jahrelanger manischer Tüftelei gleich gar nichts. Schon möglich, dass das Votum den sensiblen Regisseur aus Hongkong noch tiefer in eben jene künstlerische Krise stürzt, die sein Film unfreiwillig dokumentiert.

Man glaubt sich in den von Kameramann Christopher Doyle schwelgerisch durchwandelten Trauminnenräumen von Hotelfluren, Zimmern, und Restaurants wie in eine Fortsetzung von „In the Mood for Love“ versetzt, und doch ist alles ganz anders. Denn statt erneut eine stringente und facettenreiche Story zu entwickeln lässt Wong Kar-wai seinen schönen Herzensbrecher (wieder Tony Leung) nur ziellos von Frau zu Frau (Gong Li, Faye Wong, Zhang Ziyi), von Episode zu Episode, von Trennungstränen zu Trennungstränen wandern, und verlässt sich sonst aufs zweifellos wunderschöne Dekor. Mehr noch: Je weiter der Film voranschreitet, der im Rahmen einer Science-Fiction-Geschichte geradezu mit abtastbarem ästhetischem Ewigkeitsanspruch in Erinnerungen schwelgt, desto schärfer befragt sich der Zuschauer: War etwa „In the Mood for Love“ auch nur Kunstgewerbe auf allerdings höchstem Niveau?

Überhaupt fehlten dem Festival die großen thematischen, die bezwingenden formalen Wagnisse – jenes leidenschaftliche Streitmaterial, an dem sich das Profil eines solchen Ereignisses erst ablesen lässt. Dass dabei auch der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag seit elf Jahren, Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“, leer ausging, kam am Ende allenfalls aus deutscher Sicht überraschend. Immerhin wurde die Platzierung im Wettbewerb allgemein als nationaler Prestigeerfolg und Zeichen des insgesamt wachsenden internationalen Interesses am deutschen Film registriert. Und auch das internationale Publikum schien von der intelligenten Komödie um drei junge globalisierungskritisch bewegte Leute, die einen Bonzen mit Achtundsechziger-Vergangenheit entführen, durchaus angetan. Dabei sein war alles für den deutschen Film dies Jahr in Cannes. Macht nichts, die guten Zeiten kommen erst noch.

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