Kultur : Das tägliche Dilemma

Das Künstlerhaus Bethanien untersucht das Verhältnis von Kind und Karriere

Nicola Kuhn

Nicht Glückwünsche, sondern Kommentare wie „Schön, wieder eine weniger“ oder „Gottseidank ist dieser Kelch an mir vorübergegangen“ bekam Caroline Weihrauch nach der Geburt ihrer Zwillinge von Kolleginnen zu hören. Kunst und Kinder vertragen sich eben nicht, wurde ihr zu verstehen gegeben. Ein trauriges Kapitel künstlerischer Wirklichkeit, denn für Künstlerinnen mit Kind sind die Arbeitsbedingungen nochmals schwerer. Caroline Weihrauch hat den Spieß deshalb umgedreht und die reizenden Bemerkungen zu ihrem Nachwuchs auf Handtücher sticken lassen und in eine Installation aus Gemälden und Soundcollage integriert.

Sie gehört damit zu den knapp dreißig Teilnehmerinnen der Ausstellung „doublebind. Kunst-Kinder-Karriere“ im Künstlerhaus Bethanien, die alle eine Lied von Doppel- und Dreifachbelastung singen können. Ute Weiss-Leder etwa inspirierte das tägliche Dilemma zum humorvollen Beitrag „Bildstörung“: Ob die Künstlerin Zeitung liest oder zeichnet – nach wenigen Sekunden wird in ihrem Video mit Getöse eine Windel ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit geworfen.

Dabei liegen diese Künstlerinnen durchaus im Trend. Kinderkriegen ist wieder angesagt, suggerieren sogar die Lifestyle-Magazine. Und auf der Seite Vermischtes gehören Prominenten-Schwangerschaften zu den Top-Meldungen. Mit den Niederungen der gelebten Realität befassen sich diese allerdings weniger. Neu ist das nicht; nur haben nun auch die bildenden Künstlerinnen ein Thema für sich entdeckt, das in den siebziger Jahren bereits von den Filmemacherinnen, in den Achtzigern von den Schriftstellerinnen bearbeitet wurde. Was damals mit feministischem Furor begann, hat seine Tücken: Kommt die Thematisierung erschwerter Arbeitsbedingungen nicht der Bitte um Nachsicht gleich, die bei der Bewertung von Kunst fatal ist? Die Kuratorin und Künstlerin Signe Theill erweist den von ihr ausgewählten Künstlerinnen einen Bärendienst, wenn sie glaubt, ihnen die Arbeit erleichtert zu haben. Alle Aufgeklärtheit und Neudefinition der Arbeitsbegriffe – die Künstlerin als Prototyp der Ich-AG – ändern letztlich nichts an der bürgerlichen Vorstellung vom Künstler als Genie fern aller weltlichen Belastungen.

Kinder als Stolperfalle

Rigoros lehnten deshalb schon die Surrealisten Nachwuchs ab. „Weil das äußerst störend ist“, wie Pierre Unik unverblümt im Gespräch mit André Breton erklärte. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Wer in der Ausstellung „doublebind“ über Sibylle Hofters Gummibabys stolpert, die bis zum Vorplatz vorgedrungen sind, reagiert völlig richtig. Kinder können nun einmal im Wege sein. Etliche Teilnehmerinnen integrieren deshalb die Brut in ihre künstlerische Arbeit , was jedoch in den wenigsten Fällen überzeugt, da allzu leicht die Grenze zum Privaten überschritten wird. So wirken die von der Ungarin Marian Kiss aufgezeichneten Künstlerkinder-Kommentare – „Am liebsten hätten wir auch einen Adventskranz gehabt und ganz normal Weihnachten gefeiert“ – zwar sympathisch, bleiben aber im Anekdotischen verhaftet. Endgültig beim Kitsch ist die ebenfalls in Berlin lebende Irin Blán Ryan angelangt. Sie ließ ihre kleine Tochter in einem Video den Schöpfermythos mit geknetetem Ton nachspielen.

Diese Künstlerinnen machen sich bewusst verletzbar, indem sie ihr Dilemma in die Öffentlichkeit tragen. Ein mutiger Schritt und ein richtiger dazu, würde er weniger von Larmoyanz denn von Humor getragen wie bei Judith Samen, die sich selbst in Kittelschürze porträtierte: auf dem einen Arm der nackte Filius, in der anderen Hand ein Messer, mit dem sie einen Laib Brot schneidet. Wenig originell dagegen Ewa Partums fotografisches Triptychon mit ihrem spielenden Sohn in der Mitte, zur Linken sie selbst an einer Bushaltestelle, zur Rechten die eigene Mutter als Babysitterin vor einer Rutsche. So oder ähnlich erleben das hunderttausende allein erziehender Mütter, denn die ungenügende gesellschaftliche Anerkennung von Kinderbetreuung ist ein Problem aller Berufsgruppen, nicht nur der bildenden Künstler.

Gerade darunter leidet die Ausstellung: Einerseits stilisiert sie zum Spezialproblem, was auch andere betrifft; andererseits formuliert sie nicht klar genug Forderungen, die politisch wirksam wären. Bis auf eine Podiumsdiskussion bietet das Rahmenprogramm vor allem Angebote für Kinder und Filme wie „Emil und die Detektive“, wo man sich eine handfestere Auseinandersetzung mit der Problematik gewünscht hätte. Mutterkunst – die vorgeführte Alternative – kann wohl kaum die Lösung sein.

Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 9. Juni. Mi bis So 14-19 Uhr, Do 11-19 Uhr. Katalog erscheint im Juni (Vice Versa Verlag, 28 €). – Weitere Informationen unter www.doublebind.de

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