Kultur : Das tückische Elektron

Uwe Pralle

Manchmal wird vergessen, dass die Umbrüche der naturwissenschaftlichen Weltbilder seit dem frühen 20. Jahrhundert für die Literatur neben Rätseln auch neue Spielräume schufen. Newtons klassische Mechanik ist von theoretischen Physikern wie Planck, Bohr, Einstein, Schrödinger und Heisenberg - und Mathematikern wie Gödel - nach und nach zertrümmert worden. Ein Nebeneffekt der neuen Quantentheorien, Unentscheidbarkeitsaxiome oder Unbestimmtheitsrelationen war unter anderem, dass die Literatur in der von absoluten Gewissheiten und klassischer Kausalität geräumten Welt in erstaunliche Phantasieräume (und -abgründe) ausschwärmen konnte. E = mc2

Einsteins berühmte Formel für die "Elektrodynamik bewegter Körper", gilt wohl auch für literarische Verwandlungen von Materie in Energie, und schon lange, bevor 1938 in Berlin die Kernspaltung gelang, hatten deren Effekte die Dynamik des modernen Erzählens erfasst.

Jorge Volpis Roman "Das Klingsor-Paradox" spielt genau in jenem Wissenschaftsmilieu der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das die Quantenphysik hervorbrachte. Keine der legendären Gestalten von Max Planck bis zu Edvard Teller fehlt in dem Romanpanorama einer szientifischen Revolution. Aber es liegt der Schatten auf ihr, mit der Atombombe die scheinbar nur theoretische Physik sofort als neue Waffe auf den Kriegs- und Machtschauplätzen der Weltpolitik installiert zu haben.

Wie ein roter Faden zieht sich durch die Literatur der zweiten Jahrhunderthälfte die Beschäftigung mit der Verstrickung der Physiker in die Politik, und man kann aus den Werken ersehen, die der als Kulturattaché in Paris lebende Mexikaner Jorge Volpi im Anhang von "Das Klingsor-Paradox" aufführt, dass er deren Viten ebenso gründlich erkundet hat wie die Zeitgeschichte. Auch Jorge Volpi sucht also noch einmal die Elfenbeintürme auf, von denen die Forscher im Zeitalter von wissenschaftlich ermöglichter Massenvernichtung bald hatten entdecken müssen, dass sie tatsächlich längst mitten im Zentrum der Weltpolitik standen. Und auch für Volpi bilden die Motive ihres Verhaltens unter diesen Vorzeichen nach wie vor einen ziemlich unheimlichen Reigen von Rätseln - nicht zuletzt die Verhaltensmotive der deutschen Wissenschaftler um Werner Heisenberg, für deren Forschung seit langem hervorragende Infrastrukturen bestanden. Daran änderte auch wenig, dass der Feldherrenhügel der Quantenphysik eigentlich in Kopenhagen lag. Von dort dirigierte Niels Bohr die internationalen Debatten, jedenfalls solange, bis er nach der deutschen Okkupation, kurz vor den dann auch dort beginnenden Deportationen, Dänemark verließ und sich in den USA beim "Manhattan"-Projekt am Wettlauf gegen den einstigen Freund und Mitstreiter Heisenberg beteiligte.

Heisenberg war, nachdem er von NS-treuen Protagonisten einer "deutschen Physik" nach 1933 eine Weile an den Rand gedrängt worden war, schließlich zum Leiter des deutschen Uran-Projekts ernannt worden und hatte bis in die letzten Kriegswochen fieberhaft versucht, doch noch die "kritische Masse" für eine Atombombe herzustellen. Im Gegensatz zu vielen früheren literarischen Adaptionen hat Jorge Volpi seinen Roman über dieses brisante Kapitel der Wissenschaftshistorie nicht darauf beschränkt, noch einmal die ethischen Dimensionen auszuloten. Vielmehr werden in "Das Klingsor-Paradox" gerade auch die eigenartig verwirrenden Spielräume genutzt, die mit der Quantentheorie sowohl für die Literatur als auch das Alltagsverständnis der Welt entstanden sind.

Volpi hat die vielen paradoxen Phänomene in den subatomaren Sphären, die Zufälle und logischen Fallen, mit denen sich die Physiker und Mathematiker damals zu beschäftigen begannen, auch in den Handlungsbögen seines zwischen Princeton vor dem 2. Weltkrieg, dem Dritten Reich und den Nachkriegsjahren 1946/47 oszillierenden Romans versteckt - und gleichzeitig in seiner wie ein unauflösliches Vexierspiel wirkenden Erzählkonstruktion.

Erzählt wird von dem Versuch eines talentierten amerikanischen Physikers mit dem vielsagenden Namen Francis P. Bacon, dem der Direktor des berühmten "Institute for Advanced Study" in Princeton nach skandalösen Amouren nahelegte, im Krieg als Wissenschaftsexperte dem amerikanischen Geheimdienst OSS beizutreten und im Nachkriegsdeutschland dem Drahtzieher der geheimen Reichsforschung mit dem Decknamen "Klingsor" auf die Spur zu kommen.

Dieser "Klingsor", von dessen Existenz nur wenige Indizien zeugen, konnte - sofern es ihn denn gegeben hat - sowohl zu Hitlers unmittelbarer Umgebung als auch zum Zirkel der hochkarätigsten Quantenphysiker gehört haben. Der entscheidende Schachzug von Volpis Vexierspiel ist, als Erzähler den erfundenen Mathematiker Gustav Links fungieren zu lassen, nur vier Jahre jünger als Heisenberg, wie dieser aus München stammend und auch in Heisenbergs Umfeld der Jugendbewegung aufgewachsen. Als Leipziger Mathematikprofessor hat er in der scientific community selbst einen Namen und auch mit Heisenberg am deutschen Atomprojekt gearbeitet. Allerdings soll Links - wie er peu à peu erzählt - durch seinen Jugendfreund, den späteren Wehrmachtsoffizier Heinrich von Lütz und eine sich völlig unkalkuliert entwickelnde Affaire mit dessen Frau, in den 20. Juli 1944 verstrickt und vor dem Todesurteil vor dem Volksgerichtshof nur durch Freislers Tod bewahrt worden sein.

Links taucht 1946, wie viele der deutschen Forscher, in Göttingen wieder auf, wo die englischen Besatzer ein neues Forschungszentrum einrichteten. Dem auf seiner Suche nach "Klingsor" ebenfalls dorthin kommenden Oberleutnant Bacon hat sein Lehrer in Princeton, John von Neumann, Gustav Links als blendenden Kenner der deutschen Wissenschaftswelt empfohlen. So wird Links der wichtigste Ratgeber Bacons, der als vielwissender, aber undurchsichtiger Erzähler von Bacons Vita in Princeton ebenso berichten kann wie von der eigenen in München, Leipzig und Berlin, vom internationalen Wissenschaftsnetz, der Forschung im Dritten Reich, den Verschwörern des 20. Juli und der Suche nach "Klingsor", die auch zu Planck, Bohr, Schrödiger und Heisenberg führt. Aber Gustav Links gibt diesen Bericht erst als alter Mann am 10. November 1989, und zwar als Insasse einer geschlossenen Klinik in Leipzig, in der er über vierzig Jahre lang zum Schweigen verdammt war: wozu 1947 eine letzte und ebenfalls äußerst vieldeutige Wendung der Suche nach "Klingsor" geführt hatte.

In diesem Wissenschaftsthriller ist allerlei über mathematische und physikalische Probleme zu erfahren, die zu den Entwicklungssprüngen der Quantenphysik führten, und Volpi versteht es, die schillernden und zuweilen kauzigen, mit ihrem ehrgeizigen Obsessionen oft auch unheimlichen Züge der Wissenschaftskoryphäen darzustellen und ihre Forschungsprobleme verständlich zu machen. Aber die erzählerische Pointe dieses Romans liegt woanders. "Klingsor", der mysteriöse Drahtzieher der geheimen NS-Forschung mit dem Namen des Schurken aus der Parzifal-Legende, erinnert in vieler Hinsicht an das tückische Elektron, von dem Heisenberg gezeigt hatte, dass sich sein Ort und Impuls nicht gleichzeitig messen lassen. Die Suche nach dem Schurken der deutschen Forschung, der mit dem großen Verbrecher paktiert und seine Kollegen verraten hat, ist so von vornherein nicht nur ein politisches und mythologisches, sondern vor allem auch quantentheoretisches Problem: auch "Klingsors" Ort und Impuls lassen sich nicht gleichzeitig sichtbar machen.

So sind der plot dieses Romans, die Viten seiner Figuren und vielleicht sogar - wie Volpi am Scheitern des 20. Juli zu zeigen versucht - die Historie selbst in die haarsträubenden Paradoxien verstrickt, mit denen sich die Quantentheorie herumschlägt. Das Paradoxon allerdings, auf das der Romantitel anspielt, ist schon wesentlich älter: das sogenannte "Kreter-Paradoxon". Es wird hier von Heisenbergs Widersacher Johannes Stark, ebenfalls Nobelpreisträger der Physik und dann zum NS-treuen Vordenker der "deutschen Physik" geworden, ins Spiel gebracht: "Alle Physiker lügen", lässt er einmal den Oberleutnant Bacon bei seinen Nachforschungen wissen- und wenn Physiker diesen Satz aussprechen, wird er bekanntlich unentscheidbar, weil er nur wahr sein kann, wenn er falsch ist, und falsch sein muss, wenn er wahr ist.

Ist also die Suche nach "Klingsor" so unentscheidbar wie dieses berühmte Paradoxon, weil die Beteiligten alle Physiker sind? Oder liegt in dem Umstand, dass der Erzähler ein Mathematiker ist, ein Ausweg aus dem Dilemma? Mit solche Tücken wartet Jorge Volpis ebenso sachkundiger wie spannender Roman auf - und dringt so weit zu den auch für die Ethik, Politik und Literatur zu spürenden Folgen der Quantenphysik vor, dass alle Wahrheit so flüchtig geworden sein könnte wie die Atome.

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