Kultur : Das Unfertige ist das Vollkommene

Friederike Kretzens neuer Roman erzählt vom Aufstand gegen die eigene Biografie

Ulrich Rüdenauer

Wie könnte man eine oft erzählte Geschichte ganz anders erzählen? Eine von Aufbruch und vom Träumen, vom Jungsein und von fremden Ländern, von einer fast schon esoterischen Schwärmerei und Unsicherheit, eine vom Ausprobieren, ohne zu wissen, wohin dieses Ausprobieren führen mag? Friederike Kretzen führt es mit ihrem neuen Roman vor. „Übungen zu einem Aufstand“ wirft einen verwunderten und wunderlichen Blick zurück in die 70er Jahre, in den „Sommer nach dem Tod der Frau, die ein Stück über Mädchen in Erziehungsheimen geschrieben hat“.

Wie Ulrike Meinhof nicht beim Namen genannt wird, wird hier vieles umbenannt, umschrieben, herbei- und hinwegfantasiert. Was geschieht, hüllt sich in eine surrealistisch anmutende, traumkomplexe Sprache, die bei so viel Fernweh nach Indien oder Amerika eine Heimat geben möchte, eine poetische zumindest. Das hat nicht zuletzt mit einem Misstrauen in das Erlebte zu tun, das schon so lange der Vergangenheit angehört, dass man gar nicht mehr weiß, ob es überhaupt wahr ist. „Es war einmal“ zu sagen, wird zur Herausforderung. Und es hat zugleich mit einem Vertrauen in die Sprache zu tun, die einen zeitenthobenen Raum schafft, in dem alles möglich wird, in dem auch alles zusammenfließt und sich als Erfahrung neu erschafft. Plötzlich, so scheint es, wird alles wieder wahrhaftig, was sich im Lauf der Geschichte zur Phrase verkürzt hat.

„Dies ist ein Bericht. Der wandert in die Zeit. Er handelt davon, dass, wenn wir träumten, wir müssten alles noch einmal machen, das kein Traum gewesen war, sondern Arbeit.“ Das Gedächtnis greift weit zurück, und es ist nicht nur Erinnerungs-, sondern auch Trauerarbeit, die da geleistet wird: In den 70er Jahren tun sich in Gießen neun Studenten mit ganz eigenen Biografien zusammen, um etwas einzuüben: „wahnsinnig zu sein“ oder „so unmöglich wie möglich realistisch zu sein“. Das Üben erscheint als idealer Zustand, über den man gar nicht erst hinauskommen möchte: Unfertigsein heißt Vollkommenheit und stellt zugleich eine Form des Protests dar. Kretzen, Jahrgang 1956, erzählt das in fremden Bildern: leicht verwackelt, als habe man sich beim Fotografieren, im Moment des Knipsens, entschieden, doch lieber weiter zu gehen.

Die Erinnerungsarbeit ist Arbeit an der Sprache, was durchaus seine angestrengten und anstrengenden Seiten hat. Denn die Erzähllogik folgt dem Unbewussten. Kretzens Figuren müssen alle üblichen Denk- und Sprechpfade meiden und sich in unbeschriebenes Gebiet vorwagen. Immer wieder wird neu angesetzt – und abgebrochen. Und trotzdem gelangt in der irritierend-poetischen Unschärfe etwas zu sich: Das Empfinden, das der spielerische Aufstand gegen die eigene Biografie provoziert hat, kann niemals präzise erinnert, höchstens anders heraufbeschworen werden. Und auch das wird klar: Ein Aufstand muss stets mit einem Aufstand gegen die Sprachwelt einhergehen, um in dieser überhaupt heimisch werden zu können. „Es war einmal, die Wörter sind schon vor mir da. Sie sind gewesen, und sie kommen wieder. Wie Brotkrumen oder kleine Steinchen, der Weg von Hänsel und Gretel. Ich bin wie die Tauben und lese ihren Weg auf. Ich will sie finden. Ich denke nicht daran, daß wir nicht mehr zurückfinden werden, wenn ich sie gefunden habe. Sie sind verloren. Aber ich komme doch, rufe ich, ich mache, dass alles anders wird.“

Friederike Kretzen hat sich mit der Roman-Trilogie „Indiander“ (1996), „Ich bin ein Hügel“ (1998) und „Übungen zu einem Aufstand“ von einer Kindheit über die Pubertät zum schwebenden Moment des Jungseins vor- und zugleich zurückgeschrieben. Mit einer eigenen Sprache.

Friederike Kretzen: Übungen zu einem Aufstand. Roman. Stroemfeld Verlag, Frankfurt a.M. 2002. 192 Seiten, 15 €.

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