Kultur : Das ungewisse Etwas

„Urban Age“-Kongress schaut auf Berlin

Deike Diening

Shanghai, London, Mexico City, Johannesburg, New York, Berlin. Welche Stadt passt nicht in diese Reihe? Keine Frage. Am Tisch sitzen Sir Norman Foster, der mit der Reichstagskuppel aus dem Berliner Himmel einen Halbkreis schnitt, der Bausenator Hans Stimmann, Hüter der Berliner Traufhöhe und die publizistische Elite Frank Schirrmacher (FAZ), Mathias Döpfner (Springer-Verlag), Hans-Ulrich Jörges (Stern). Vor ihnen auf dem Tisch liegt ein überstrapaziertes Bürgermeisterzitat: Warum ist ausgerechnet Berlin so sexy?

2007, hat man errechnet, wohnt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Dann bricht es an, das „Zeitalter der Städte“, in dem es zum ersten Mal auf diesem Planeten mehr Stadtmäuse als Landmäuse geben wird. 70 Prozent der Energie wird schon heute in Städten verbraucht. Der Kongress „Urban Age“ in Berlin ist Abschluss einer zweijährigen Kongressreihe in den Mega-Städten des Planeten, veranstaltet von der Alfred-Herrhausen-Stiftung und der London School of Economics.

Aber wohin mit Berlin? Zwar gebe es ärmere Hauptstädte als Berlin, aber kaum eine Hauptstadt, die ärmer ist als das Land, das sie umgibt. Drei Ideen hält Mathias Döpfner deshalb für den „Sanierungsfall“ bereit: Die Stadt müsse eine Niedriglohnzone werden, ein Niedrigsteuersektor, und außerdem mit Anreizen Unternehmen anlocken. Warum solle Berlin nicht nach dem amerikanischen Modell von Delaware funktionieren? Foster fand das nicht so originell. Für Menschen, die in Superlativen denken, ist Berlin ja eine Enttäuschung. Die Stadt explodiert nicht, ihr Wachstum taugt für keinen Rausch. Reist der Bausenator nach Asien, fragen ihn dort die Kollegen: „3,4 Millionen – sind das jetzt die Zuwächse?“

Eloquent rätselt also das hauptstädtische Interpretationspersonal: Leer stehende Wohnungen, Milliarden Euro Schulden, der Geruch der Armut – trotzdem muss Döpfner zugeben, dass junge Leute von Talent nur nach Berlin wollen. Die Faszination sei ja spürbar, die Anziehung nicht zu leugnen, wirft Schirrmacher ein, „das ist vorhandenes Kapital!“

Und dann muss Norman Foster, der Architekt, eine Lanze brechen und den Berlinern erzählen, wie er und seine Frau sich noch beim Mittagessen über die derzeit aufregendsten Städte einig waren: Moskau, Peking und Berlin. Eine „bubbling energy“ spüre er hier (er kann ja nicht wissen, dass die Politik viel eher den Schaum vorm Mund sieht). Berlin, schwärmt der Mann, sei voller Widersprüche und Ausnahmen, unglaublich einladend; die Infrastruktur funktioniere und die Proportionen seien großzügig, nicht einschüchternd.

„Aber was sollen wir bauen auf unsere leeren Flächen?“, fragt Jörges. Foster sagt: Ball flach halten. Gebäude recyceln, das gibt zurzeit die aufregendsten Ergebnisse. Auf eine leere Fläche kann man immer erst mal Bäume pflanzen – und später bauen.

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