Kultur : Das unrealisierte Werk

„Sleeping Beauties“ in der Galerie Realace

Thea Herold

Wettbewerb ist Künstlers Alltag. So hält sich immer noch der Eindruck, dass allerorten Juroren, Beiräte und Experten händeringend um Kunst-Ideen für den öffentlichen Raum suchen. Dabei gibt es des Guten meist zuviel. Schlussendlich gewinnt nur eine Idee die Ausschreibung. Alle anderen Arbeiten, Modelle, Konzeptionen werden zu „sleeping beauties“: Ideen auf Vorrat, die in Schubladen, Atelierecken, Grafikschränken schlummern.

Bei Realace, dem Galerieraum für speziell baubezogene Kunst, nimmt man sich dieser Potenziale fortan planvoll an. Als Auftakt sollten acht Künstler ihre Vorratsschränke sichten: Eberhard Bosslet, Albrecht Schäfer, die Künstlergruppe Inges Idee, Thomas Rentmeister, Georg Zey und Barbara Steppe. Als Primus inter Pares gehört auch Fritz Balthaus dazu, der alle Beiträge im Scheinwerferlicht der Kreuzberger Fabriketage in Szene gesetzt hat und erstmals selbst kuratiert.

Der Reiz dieser Ausstellung liegt nicht allein darin, dass jede Arbeit auf ihre Weise halb fertig, fast fertig oder fertig ist. Sie macht deutlich, welche Phänotypen eine „sleeping beauty“ während ihrer Vorleben annehmen kann. Das Spektrum reicht vom Konzeptpapier ( Schäfer) bis zur Computersimulation (Inges Idee), vom Modell aus Kappa-Platten über transferierte Statistik in Holz, Tempera und Schnur (Steppe) bis zum tonnenschweren Raumteiler aus Baustützen, die vertikal verschraubt sind (Bosslet).

Balthaus selbst gibt das beste Beispiel für die Variabilität von Vorschlägen auf Lager: Während er mit seinem hölzernen Riesenschild „F. Coldewey“ den Empfehlungs-Reigen auf dem Weg bis zur Jury auf die Schippe nimmt, sind seine beiden Modelle für die Taubenverscheuch-Skulptur ein Paradefall dafür, wie man die zweite Chance erfolgreich nutzen kann. Seine erste noble Version fiel durch, der zweite Entwurf – barock erweitert – wird nun realisiert.

An anderer Stelle wird deutlich, dass Künstler und Auftraggeber nicht per se den gleichen Humor besitzen müssen: Thomas Rentmeisters Skulpturmodell von 2003 für den Neubau der Siegburger Kreispolizeibehörde zeigt einen sich zugegeben nicht völlig selbst erklärenden Zigarrenrest: querliegend, wie weggeschnippt. Mit geplanten drei Metern Länge wäre es ein Riesensdings mit Banderole geworden. Mittels dieser symbolträchtigen „Zigarre des Inspektors Issel“ wollte der Künstler augenzwinkernd an unsere Helden in zweiter Reihe erinnern. Doch hatte das Modell offensichtlich so sehr als Mahnmal für diensteifrige Fußlatscher-Indianer gewirkt, die für ihre Chef-Häuptlinge in den Hinterzimmern ackern, dass der Vorschlag prompt abgelehnt wurde. Diverse Begründungen gingen dem Künstler schriftlich zu.

Auch Eberhard Bosslet sorgt mit seinen haptisch-hermetischen Raumarbeiten für Kehrtwenden. Beim Hereinkommen und Hinausgehen bleibt der Besucherblick an seinen beiden „Gloriolen“ hängen: zwei die Wand durchbohrende Schrauben mit farbigen Gussscheiben, Ankermuttern und Stäben. Wie er damit unsere Aufmerksamkeit einmal oben unter die Decke zieht und einmal unten an den Boden fesselt, genügt bereits. Obwohl als Serie geplant, ist schon das Einzelstück vollends gelungen. Und damit eigentlich fertig. Thea Herold

Projektraum Realace, Köpenicker Straße 154a, bis 15. 1.; Di-Fr 11-18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben