Kultur : Das unvollendete Glück

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Von Bernhard Schulz

Berlin ist, wie das Leben, eine einzige Baustelle, haben die einen während der zurückliegenden Jahre immer wieder gestöhnt, während andere von einer neuen „Welthauptstadt der Architektur“ schwärmten. Beides ist nicht falsch – und bleibt doch zu relativieren. Die Bautätigkeit erfasste vor allem die zerstörte Mitte Berlins. Und was die schiere Menge des Gebauten angeht, dürften asiatische Megastädte mittlerweile die ersten Ränge beanspruchen.

Was allerdings Architektur als ästhetische, gesellschaftliche und politische Veranstaltung angeht, steht Berlin für das zurückliegend Jahrdutzend seit der Wiedervereinigung weltweit einzig dar. Hier wurde nicht nur gebaut, sondern in jeder nur denkbaren Richtung über das Bauen gestritten. Hier wurde Architektur mit Blick auf ihre Aussagefähigkeit, auf Gehalt und bleibende Bedeutung verhandelt. So ist Berlin allemal wieder eine Metropole der Architektur geworden – erneut geworden, wie man in Erinnerung an Berlins Rolle für die Architekturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sagen darf.

Das war auch der Grund für den Weltverband der Architekten UIA, seinen Kongress, der zum ersten Mal auf deutschem Boden stattfindet, nach Berlin zu vergeben. Hier ist zeitgenössische Architektur zu sehen – nicht allein von deutschen Baumeistern entworfen, sondern in weltweit singulärem Ausmaß von den internationalen Größen der Zunft. Der berufsständische Unmut darüber hat denn auch die bundesdeutsche Architektenschaft veranlasst, hier eine eigene Leistungsschau für eine mehrjährige Welttournee in Berlin zu starten (Tsp. vom 11. Juli).

Die Kongresswoche wird bei weitem nicht ausreichen, den auswärtigen Besuchern einen vollständigen Überblick über die neue Architektur in Berlin zu verschaffen. Schon im Sommer 1999 hatten Architektenkammer und Berliner Festspiele eine Bilanz versucht: „Berlin – offene Stadt“ hieß das Unternehmen, das ein Jahrzehnt des Bauens im vereinten Berlin auf zehn Routen erwanderbar machte. Nach dem Baustellentourismus, der Mitte der 90er Jahre seinen Höhepunkt erlebte und allein der „Info-Box“ auf dem Potsdamer Platz sechs Millionen Besucher bescherte, war nunmehr der Zeitpunkt für die Besichtigung des Fertigen gekommen.

Nach zwölf Jahren ist der Umbau Berlins zwar nicht abgeschlossen – das wird niemals der Fall sein –, wohl aber zu einer Zäsur gekommen. Die Transformation Berlins im engeren Sinne, die Rückverwandlung eines Jahrzehnte lang geteilten Stadtorganismus in die Hauptstadt und den Regierungssitz Deutschlands, dieser Prozess ist im Großen und Ganzen vollendet. Nirgends sonst musste jemals eine vergleichbar komplexe und kontroverse Operation inmitten einer pulsierenden Stadt gewagt werden, nie mussten in so knapper Zeit derart vielfältige Entscheidungen getroffen werden.

Dabei markiert die Hauptstadtwertung nur einen, wenn auch den wichtigsten Teil dieser Transformation. Am Anfang, in den Goldgräbermonaten zwischen Mauerfall und Bundestags-Hauptstadtbeschluss vom 20. Juni 1991, standen kommerzielle Vorhaben im Vordergrund. Visionen wurden lebendig oder von interessierter Seite angeregt, die geradewegs an die Metropole der als golden verklärten Zwanziger Jahre anknüpfen wollten. Der Verkehrswirbel am Potsdamer Platz und die Lichter auf der Friedrichstraße bildeten die Folie populärer Bilder, vor der eine glanzvolle Zukunft buchstäblich in den Himmel schießen sollte. Die Vergabe so genannter Filetgrundstücke geriet zum Konkurrenzkampf der Konzerne, die Zügelung ihrer Bauinteressen zum Machtkampf mit der Politik. Gewagteste Prognosen wurden für bare Münze genommen: dass Großunternehmen ihren Sitz an die Spree verlegen, dass in ihrem Gefolge Hunderttausende qualifizierter Neubürger in die Stadt strömen würden und Berlin erneut zum europäischen Wirtschaftsschwergewicht wachsen könnte.

Diese Blütenträume sind so schnell verwelkt, dass nur die seriös kalkulierten Projekte die Erwartungen erfüllten – etwa das Daimler-Areal beim Potsdamer Platz. Der Zweikampf Daimler gegen Sony am Potsdamer Platz bildete überhaupt den Auftakt der architektonischen Debatten. Dort der amerikanische Hochhausbauer Helmut Jahn, hier der italienische Weltstar Renzo Piano: Nur selten ließ sich die Kontroverse derart personalisieren. Im städtebaulichen Wettbewerb erklang der Schlachtruf von der „Europäischen Stadt“ – ein schillernd unpräziser Begriff: „Die“ europäische Stadt gibt es nicht, sondern eine Vielzahl davon. Aber es gibt den Gegenbegriff der amerikanischen Stadt, und gegen jedes Manhattan an der Spree war die Besinnung auf das europäische Erbe gerichtet.

Unter der wortmächtigen Führung des Berliner Senatsbaudirektors Hans Stimmann gelang es, die Investoren auf einen bestimmten Typus der europäischen Stadt zu verpflichten: auf das „steinerne Berlin“ und dessen „kritische Rekonstruktion“ nach Straßenraster, Blockrandbebauung, limitierter Traufhöhe und überwiegend steinerner Fassade. Das Geschmacksdiktat zeigte Wirkung entlang der Friedrichstraße, wo die Blöcke das Gesamtbild einer einheitlichen, nur von der gläsernen Rundung der Galerie Lafayette von Jean Nouvel unterbrochenen Straße prägt. Es funktionierte erstaunlicherweise weniger am Pariser Platz, wo der sonst Formen sprengende Frank Gehry mit der DZ-Bank den diszipliniertesten und differenziertesten Entwurf realisierte. Gleich nebenan setzt die Akademie der Künste mit ihrer Glasfassade von Altmeister Günter Behnisch auf das alte bundesrepublikanische Leitbild von Transparenz und Leichtigkeit, das von der Geschichte, auch der baulichen Geschichte lieber nichts wissen will.

Während die Investorenarchitektur, von Ausnahmen wie Aldo Rossis kunterbuntem Quartier Schützenstraße abgesehen, solider Durchschnitt blieb, entwickelte sich das öffentliche Bauen zum Schauplatz großer Architektur. Parallel zum Reichstag als Parlamentssitz entwarf Axel Schultes im Spreebogen sein „Band des Bundes“, das die Organe und Funktionen deutscher Politik sinnfällig ordnet. Auch wurde der Blick frei auf das historische Erbe, vom Wilhelminismus bis zur DDR. Diesen Rückbezug hätte der Bonner Wunsch nach Tabula rasa verhindert.

Norman Foster entwickelte so, dem Druck des Bundestages gehorchend und weniger dem eigenen Trieb, seine gläserne Reichstagskuppel, die unverzüglich zum Sinnbild einer Berliner Republik avancierte. Axel Schultes stellte dem rekonstruierten Reichstag das überragende Kanzleramt in einer Formensprache entgegen, die im bundesdeutschen Bauen keinen Vorgänger hat und doch mitnichten großmäulig ist. Stephan Braunfels schließlich ersann für seine langgestreckten Bundestagsbüros den „Spreesprung“, der den Fluss zum Hauptdarsteller eines südeuropäischen Ensembles macht. Die noblen Umbauten schließlich, etwa von Hans Kollhoff für das Außenministerium und Josef Paul Kleihus für das Arbeitsministerium, demonstrieren jenen sensibel selbstbewussten Umgang mit dem Erbe, dessen Berlin insgesamt bedarf, um mit seiner Geschichte zu Rande zu kommen. Dass daneben auch eine voraussetzungslos zeitgenössische Architektur möglich war, belegt etwa das der Öffentlichkeit leider unzugängliche Bundespräsidialamt von Gruber/Kleine-Kraneburg.

Anders Daniel Libeskinds Jüdisches Museum, das bereits als noch unbezogenes Bauwerk zur Ikone wurde. Intellektuell der Hauptkontrahent des „steinernen Berlin“, demonstriert Libeskind nichts weniger als Architektenallmacht – mit überzeugendem Ergebnis. Einige bemerkenswerte Bauten entstanden im Kulturbereich, so die – im Kulturforum schlecht situierte – Gemäldegalerie von Hilmer und Sattler oder der – vom Publikum gestürmte – Umbau der Alten Nationalgalerie von HG Merz. Sportbauten sollen für die gescheiterte Olympiabewerbung einnehmen, so die beiden Hallen von Dominique Perrault an der Landsberger Allee. Und es entstanden bemerkenswerte Orte an der Peripherie: der Wissenschaftspark Adlershof mit dem Photonikzentrum II von Sauerbruch/Hutton oder die Schulen von Max Dudler und Léon/Wohlhage.

Der öffentlich gesteuerte Wohnungsbau als das dritte große Feld, das nach 1990 neben der Hauptstadt- und der Investoren-Architektur beackert werden wollte, blieb nach wuchtigem Beginn mit Siedlungen wie der Wasserstadt Spandau oder der Rummelsburger Bucht mangels Nachfrage allerdings auf der Strecke – und belastet den Berliner Haus noch auf viele Jahre hinaus. Aber auch das gehört zur Aufbruchstimmung, die Berlin nach 40jähriger Stagnation wach rüttelte.

Als allzu optimistisch erwiesen sich auch die Vorgaben für die Verkehrsbauten einer neuen Wachstumsstadt. Doch die gläserne Halle des neuen Lehrter Bahnhofs nach Entwurf von Meinhard von Gerkan bildet schon jetzt den Horizont, vor dem sich vom Tiergarten aus Kanzleramt, Bundestagsbüros und Reichstag abzeichnen. Dieses Bild zumindest werden die Architekten des UIA-Kongresses anerkennend mit nach Hause nehmen.

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