Wegbereiter der Moderne

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Das Van-de-Velde-Jahr : Ein Apostel der Ästhetik
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Das Hauptgebäude der heutigen Bauhaus-Universität entwarf van de Velde für Großherzogliche Kunstschule in Weimar.
Das Hauptgebäude der heutigen Bauhaus-Universität entwarf van de Velde für Großherzogliche Kunstschule in Weimar.Foto: Bauhaus Universität

Aber van de Velde erkannte die Zeichen der Zeit. Eine nüchternere, sachlichere Gestaltung war jetzt gefragt. Die späten Bauten, die er sei’s für sich selbst entwarf – das vierte Eigenheim seines Lebens von 1927/28 nannte er „La Nouvelle Maison“ –, sei’s für den belgischen Staat, sind unaufdringlich, verraten aber in ihren Details jenes untrügliche Gefühl für Eleganz und Harmonie, mit dem van de Velde einst die ganze Welt zum Besseren führen wollte. Die belgischen Pavillons, die er für die Weltausstellungen in Paris 1937 und zwei Jahre später in New York entwarf, heben sich angenehm von dem monumentalen Klassizismus ab, den nicht nur die Diktaturen in Nazi-Deutschland und Stalin-Russland hervorkehrten, sondern der auch in demokratischen Staaten wie Frankreich zum Zeitstil avanciert war.

Für die belgischen Staatsbahnen entwarf van de Velde 1933/34 das bekannte, bauchige „B“ und die Abteile der Reisezugwagen, dazu das Geschirr des Speisewagens, der damals noch nicht zum „Bordbistro“ verkümmert war. Höchst elegant sind seine Schiffs-Interieurs, die er für die Fährschiffe der Verbindung Ostende-Dover, „Prince Baudouin“ und „Prince Albert“, in den dreißiger Jahren ausführen konnte – gemäßigtes Art Déco in wie bei ihm immer edlen Materialien. Im Möbeldesign allerdings erreichte er die Qualität der Weimarer Vorkriegsproduktivität oft nicht mehr, wie an den Entwürfen von Armlehnsessel und Beistelltischchen von 1929 zu erkennen ist.

Da waren das Bauhaus und die holländischen Gestalter wie Mart Stam oder Gerrit Rietveld einfach besser, besser im Material von Stahlrohr und besser im zugleich kantigen wie gerundeten Funktionalismus. Der Schwung der Linie, die van de Veldes ureigenen Beitrag zum europäischen Design darstellt, ließ sich besser in ergonomisch gebogene Schreibtische und Fauteuils wie jene von 1903/04 überführen als in das neusachliche Serienmobiliar ornamentloser Würfelhäuser, das die jüngeren Konkurrenten als Leitbild etablierten.

„Henry van de Veldes Werk wird immer ein Wunder bleiben“, schreibt Thomas Föhl, der Kurator der Weimarer Ausstellung, in dem hervorragenden, materialgesättigten Katalog, „es entstand aus dem steten Kampf gegen die Hässlichkeit seiner Umwelt.“ Und an anderer Stelle: „Er selbst sah sich als Apostel dieser ästhetischen Zukunft" – gemeint: der Moderne –, „als ein Prophet des Übergangs von einer erschöpften Ära des Historismus zu einem Neuen Stil, der dem ,Neuen' Menschen Friedrich Nietzsches entsprechen sollte.“

Dass sich der „Neue“ Mensch und mit ihm der neue Stil nun ausgerechnet im denn doch provinziellen Weimar herausbilden sollte, gehört zu den Irrtümern der Kulturgeschichte. Die Moderne kam anderenorts zum Durchbruch, und ihr Problem war nicht der Kampf der Schönheit gegen die Hässlichkeit, sondern die Gestaltung für eine auf Technik und Industrie beruhenden Massengesellschaft. Immerhin für einige Jahre jedoch fand der unverdrossene Belgier in Weimar sein Publikum und seine Käuferschaft, der er so schöne Häuser baute wie die äußerlich unveränderte Villa „Haus Henneberg“ von 1914. Sie ist im Van-de-Velde-Jahr allerdings nicht zu besichtigen: Die Leitung des darin untergebrachten Waldorf-Kindergartens sieht sich durch Besuch unziemlich belästigt. So hatte sich der Architekt den Sieg der Schönheit freilich nicht vorgestellt.

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