Kultur : Das verbotene Zimmer

Neue Stücke aus Syrien und Palästina im Heimathafen Neukölln.

 Patrick Wildermann
Rückzugsgefechte. Javeh Asefdjah und Patrick Khatami. Foto: Piero Chiussi/Heimathafen
Rückzugsgefechte. Javeh Asefdjah und Patrick Khatami. Foto: Piero Chiussi/HeimathafenFoto: Piero Chiussi

Einmal erzählt Ahmad seiner Freundin Nour einen Witz: „Geht ein Syrer in Libyen zum Zahnarzt. Fragt der Doktor: Nanu, haben Sie zu Hause keine Zahnärzte? Doch, entgegnet der Mann. Aber da dürfen wir den Mund nicht aufmachen“. Nour verzieht kaum eine Mine. Das Leben ohne Meinungsfreiheit ist Alltag in der syrischen Hauptstadt Damaskus, weder besonders komisch, noch wirklich bitter. Man arrangiert sich mit den Repressionen und sucht seine Nischen. Ahmad und Nour haben sich ein heimliches Zimmer gemietet, beide wohnen noch bei den Eltern, da bleibt kein Raum für Zweisamkeit. Allerdings bricht sich in ihrem Liebesnest mehr Streitlust als Leidenschaft Bahn. Über die richtige Haltung in falschen Verhältnissen geraten sie aneinander. Und letztlich über die Frage: Bleiben oder gehen?

„Rückzug“ hat der syrische Theatermacher Mohammad al Attar sein Zweipersonenstück über die Krise des Privaten in prekären politischen Zeiten genannt. Der Text ist im Rahmen eines Projekts mit jungen Dramatikern aus dem Nahen Osten und Nordafrika entstanden, das zwischen 2007 und 2010 am Royal Court Theatre in London stattfand. Am Vorabend der Revolution also. Der Heimathafen Neukölln hat nun eine Übersetzung dieser seismographischen Augenblicksstücke fertigen lassen und präsentiert sie in einem zweiteiligen Projekt mit dem Übertitel „Lila Risiko Schachmatt“ – alles Wörter, die aus dem Arabischen in unsere Sprache migriert sind.

Regisseurin Lydia Ziemke lässt „Rückzug“ in einer Shishabar spielen, einem orientalischen Wasserpfeifen-Lokal unweit des Heimathafens. Zwischen Sitzecken, Zierpflanzen und Bar beginnen Javeh Asefdjah und Patrick Khatami als Nour und Ahmad ihr Liebesgerangel mit gesellschaftlichem Schattenwurf auf einer roten Luftmatratze. Sie ist Journalistin, die obrigkeitskonform über Hochzeiten und Cocktailpartys berichtet, er schreibt ebenfalls, mit mehr Ambition, aber ohne festen Job. Sein Vater drängt ihn, wie die Brüder sein Glück in Dubai zu suchen. Opportunismus ist hier stets die naheliegendste Option. Autor Mohammed al Attar portraitiert eine gebildete junge Mittelschicht, die sich Fluchten schafft, statt auf die Straße zu gehen. Ein Phlegma, das aus der Perspektive der Gegenwart nahezu provozierend wirkt. Die Realität von Damaskus dringt eher en passant durch die Fenster des verbotenen Zimmers: „Ich schrei nur so laut, um den Gebetsruf zu übertönen“, erregt sich Ahmad einmal während eines Streits. Eine intime, intensiv gespielte Inszenierung im öffentlichen Raum einer Neuköllner Orientbar – das geht gut auf.

Das zweite Stück des ersten „Lila Risiko“-Abends – die Fortsetzung folgt im nächsten Jahr – findet im Studio des Heimathafens statt. „603“, ein Drama des palästinensischen Autors Imad Farajin, geht politisch forcierter zur Sache. Vier Gefangene, neben dem „Rückzugs“-Paar von Alois Reinhardt und Nadim Jarrar gespielt, harren in einem israelischen Knast auf ihren Austausch gegen den Soldaten Gilad Schalit. Es ist ein beckettsches Warten auf den Bus, wiederum mit sparsamen Mitteln und konzentrierter Wortwucht von Lydia Ziemke inszeniert, die eine Vielzahl von Workshopkontakten in den Nahen Osten unterhält.

Die Gefangenen der Sektion 603 stilisieren sich in der Enge ihrer Zelle zu Widerstandskämpfern, halten sich mit Sehnsuchtsbildern der Menschen daheim über Wasser und gehen sich bald gegenseitig an die Gurgel. Autor Imad Farajin, der auch Satiren für das palästinensische Fernsehen schreibt, lässt dabei durchaus seine Wut spüren. Etwa, wenn einer der Häftlinge erzählt, dass er nur deshalb zu fünfzehn Jahren verurteilt wurde, weil er sich weigerte, vor dem israelischen Richter aufzustehen.

Aber der Dramatiker bekommt die Kurve hin zur Versöhnung, gegen den fatalen Blutdurst, den hier mit feiner Ironie eine als Haustier gehaltene Mücke verkörpert. Die Heldenbilder fallen in sich zusammen, und einer der Gefangenen ruft am Ende in seiner ziellosen Verzweiflung: „Ich will die Heimat ohrfeigen, bis sie umfällt“. Ein starker Abend.

Wieder am 27. November.

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