Kultur : Das vierte Lebensalter

Kaum jemand hat Frauen so üppig, Berge so luftig und den Tod so hässlich gezeigt: London feiert Tizian

Christina Tilmann

Schon in der Londoner U-Bahn wird die Besucherin angesprochen: Der Tizian-Katalog samt Tizian-Tüte tut seine Wirkung. Als ob nicht überall in der britischen Hauptstadt, in den Zeitungen, im Fernsehen, permanent Bilder zu sehen wären von der „ersten Tizian-Ausstellung in Großbritannien“, die gestern ihre Tore für das Publikum öffnete. Es soll der Auftakt einer Renaissance-Trilogie sein, die 2004 mit El Greco und Raffael fortgesetzt wird. Tizian, von dem allein die National Gallery elf Bilder besitzt, stand bislang nicht im Zentrum des britischen Interesses – auch wenn sein farbenfroher „Bacchus“, der auf dem Weg zu Ariadne schwungvoll vom Karren springt, eines der Lieblingsbilder britischer Schulklassen ist.

Seit 1983 die Ausstellung „Genius of Venice“ in der Royal Academy Tizians Werk in den Mittelpunkt gestellt hatte, gab es keine vergleichbar reich bestückte Überblicksschau in London. Mehr als vierzig Originalwerke hat das Team rund um Senior Curator David Jaffé zusammengetragen, darunter so berühmte wie die fiorentiner „Flora“, die „Danae“ und das Porträt Pauls III. aus Neapel, den jungen Ranuccio Farnese aus Washington oder die „Schindung des Marsyas“ aus Kromeriz/Tschechien. Es ist – nach der monumentalen Tizian-Gesamtausstellung 1990 in Venedig und Washington – die umfangreichste Zusammenstellung, die man für lange Zeit zu sehen bekommen wird.

Und doch ist die Ausstellung eher von nationalem als von internationalem Interesse. Jenseits der späten Pioniertat, Tizians Gesamtwerk chronologisch und einigermaßen repräsentativ in London vorzustellen, fehlt es an einer kuratorischen Idee, die den Besucher durch die sechs Räume trüge und ihn entließe mit dem Gefühl, etwas gesehen oder erkannt zu haben, was seine Einstellung zu Tizian, zur Kunst, zur Welt oder zur eigenen Wahrnehmung verändert. Zuviel verlangt? Oder bloß das Minimum dessen, was man erwarten kann, wenn sich eine Institution wie die National Gallery einen Maler wie Tizian vornimmt? Bei Groß-Ausstellungen kann man schnell zu niedrig greifen – auch oder gerade weil der äußere Erfolg in Gestalt des Besucherrekords ohnehin garantiert ist.

Ganz ohne wissenschaftlichen Erkenntniswert ist die Zusammenstellung nicht: Es gibt eine kleine „Erstaufführung“ in Form des mythologischen Kabinetts des Alfonso d’Este, dessen vier erhaltene Tafeln nach 350 Jahren erstmals wieder vereint sind – Tizian hat die von Giovanni Bellini fertiggestellte erste Tafel nach seinen Vorstellungen überarbeitet. Es gibt auch eine (noch kleinere) Neuerkenntnis der Form, dass das großformatige Porträt der Familie Vendramin keineswegs, wie bislang angenommen, aus den 1560er Jahren stammen kann. Zu diesem Zeitpunkt wären die Söhne Vendramins, die auf dem Bild als niedliche Kinder zu sehen sind, längst erwachsen gewesen. Und es gibt einen roten Faden der Präsentation, der in dem steten Wechselspiel zwischen christlichen und mythologischen Themen besteht.

Natürlich ist es reizvoll, die frühen Madonnenbilder mit den irdischen Putten und Nymphen zu vergleichen oder die Kreuzigung dem „Marsyas“ gegenüberzustellen, der an seinen Hufen kopfüber gekreuzigt ist. Was süße Nachdenklichkeit und lebensvolle Fülle in den frühen Bildern angeht oder düstere, erschreckend farblose Grausamkeit im Spätwerk, macht Tizian keinen Unterschied zwischen christlichen und mythologischen Sujets. Doch nur in Einzelfällen wie dem „Noli me tangere“, wo Christus vor der beherzt zugreifenden Magdalena zurückzuckt, oder den „Drei Lebensaltern“, auf dem das gleiche blonde Modell einen Jüngling nach dem Liebesspiel flötenblasend entzückt, ist die Gegenüberstellung auch aufschlussreich.

So beschert die Londoner Ausstellung dem Besucher vor allem ein Fest des Wiedersehens. Ein Wiedersehen mit den frühen Bildern, den sanften, an die Bellini-Schule erinnernden Madonnen, den üppigen Blondinen, den himbeerroten und himmelblauen Farbtönen, mit jenen im Dunst verschwimmenden Landschaften und den strengen Porträts venezianischer Adliger. Und ein Wiedersehen mit jenen so viel erregenderen Spätwerken, in denen Tizian die Welt versinken lässt in einem Wirbel der Farben und Pinselstriche. Manch eines lohnt allein die Reise: Der „Marsyas“ zum Beispiel, Jahrhunderte lang im erzbischöflichen Palast von Kromeriz gelagert und 1983 in der Royal Academy zum ersten Mal wieder öffentlich zu sehen, ist ein Horrorbild besonderer Art. Das Ungeheuer wird zum Opfertier, der blonde Musenkönig Apoll zum erbarmungslosen Schlächter. Und all das in stumpfen, im Unklaren bleibenden Farben, die die paar Flecken dunklen Bluts, die ein süßer Hund gierig aufschleckt, umso scheußlicher hervortreten lassen.

Wo aber Wiedersehen und Erinnerung gefragt sind, wünscht man sich unwillkürlich Bilder, die in London gar nicht zu sehen sein können: das „Ländliche Konzert“ als Gegenstück zu den „Drei Lebensaltern“, die „Venus von Urbino“ aus Florenz, um zu verstehen, warum sie – laut Zeitgenossen – neben der wollüstigen Danae „wie eine Nonne“ aussah, „Paul III. und seine Enkel“ aus Neapel als Verbindungsstück zwischen dem Einzelporträt des greisen Papstes und dem seines 11-jährigen Enkels Ranuccio, oder die Münchner „Dornenkrönung“, die venezianische „Grablegung“ als Gegenstück zum „Marsyas“. Und man wünscht sich eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit jenem Spätstil, der in den letzten Jahren im Zentrum der Tizian-Forschung stand – vor allem, wenn eine Koryphäe wie der Tizian-Forscher Charles Hope beim Katalog mitgewirkt hat.

Leider fällt der Ausstellung jedoch nicht viel mehr ein, als die alte Frage nach Vollendung oder Nichtvollendung zu stellen. Man weiß von einigen Bildern wie dem Londoner „Tod des Aktäon“ oder der „Grablegung“ in Venedig, dass der Maler bis zu seinem Tod an ihnen arbeitete. Man weiß von anderen Bildern, die er jahrelang ruhen ließ, um sie dann noch einmal völlig zu überarbeiten. Und man weiß, dass er in der Lage war, gleichzeitig in mehreren Techniken zu arbeiten, je nach Geschmack des Auftraggebers. Doch das erklärt den Quantensprung in der Malweise nicht. Ob dem greisen Maler das Sehvermögen oder der Farbsinn abging, ob seine flüchtige Malweise Not geboren oder mit Bedacht gewählt war, bleibt ein Rätsel. Wie soll Cézanne gesagt haben, als man ihm im Alter eine Brille anempfahl? „Nehmt diese vulgären Dinge weg.“

National Gallery London, bis 18. Mai, danach Prado Madrid. Katalog: 9,95 Pfund .

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben