Kultur : Dass man hier alles dürfen darf ...

Theaterschiff feierte seinen 15. Geburtstag

Astrid Priebs-Tröger
Nicht auf die Bühne beschränkt. Theater wird im ganzen Schiff gespielt. Foto: Thomas
Nicht auf die Bühne beschränkt. Theater wird im ganzen Schiff gespielt. Foto: Thomas

Im wirklichen Leben sind sie stellvertretender Leiter eines ambulanten Pflegedienstes, Bankkauffrau oder Hebamme, studierten Architektur oder arbeiteten als Tischler. In ihrer Freizeit sind sie theaterbesessen. Sie, das sind die Ensemblemitglieder des Potsdamer Theaterschiffes, die am Wochenende dessen 15. Geburtstag begingen. Am Freitagabend, dem Beginn des zweitägigen Feiermarathons zeigten etwa 20 von ihnen ein vielfarbiges „Best-of-Programm“, das die Entwicklung von 1995 bis heute eindrucksvoll widerspiegelte.

Klassiker, Comedy, Drama und musikalische Programme – fast 50 eigene Inszenierungen hat die vielfarbige Truppe bisher entwickelt. Der frühere HOT-Regisseur Wilfried Mattukat hatte 1994 die Idee für das Theaterschiff, das trotz mancher Böe noch immer in der Alten Fahrt ankert. Am Freitagabend ging es nach einem vielstimmigen Katzen-Kanon sogleich zur Sache. Constanze Jungnickel, eine der Frontfrauen und von Anfang an dabei, gab Kostproben aus „Lila Paloma“ zum Besten und damit auch ein wichtiges Thema vor: die künstlerische Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und -stereotypen, die in vielen Stücken und Programmen witzig bis erschütternd umgesetzt wurde.

Mindestens genauso präsent waren Texte von Brecht und Kästner, die auch im fast dreistündigen Programm immer wieder zitiert wurden und spannungsvoll mit der Travestieshow aus „Ganze Kerle“ oder dem Striptease aus „Ladies Night“ korrespondierten. Und wenn letztere ob ihrer Exotik und dem Mut der männlichen Darsteller, nahezu alle Hüllen fallen zu lassen, Begeisterungsstürme im schon temperaturmäßig überhitzten Kahn hervorriefen, blieb doch der Wunsch zurück, dass sich das Ensemble wieder verstärkt den „ernsten“ Autoren widmet. Denn hohe Sprachkultur bei den Brechttexten und sparsame aber überzeugende szenische Gestaltung wie in „Draußen vor der Tür“ zeigten Potenzial, das noch weiter ausgereizt werden kann.

Und, Marktlücke bei Comedy oder Travestie hin oder her, die „Vagina-Monologe“ von Eve Ensler, die im Geburtstagsprogramm nicht zitiert wurden, berührten auch viele männliche Zuschauer tief. Feiern ließ es sich am Freitagabend natürlich lockerer mit den Sekretärinnen-Songs „Neanderthaler“ und „Waldemar“ oder der „Nymphomanin“ aus dem „Männer“-Programm von 2007. Das war auch das Jahr Eins nach der Krise, als den umtriebigen Theatermachern die Förderung rigoros zusammengestrichen wurde und Kapitän Mattukat das Ruder in jüngere Hände übergab. Und weil jede Krise auch eine Chance bietet, tourte das Ensemble danach nicht nur durch mehrere Justizvollzugsanstalten, sondern reiste mit der Inszenierung „Versunkene Geschichten“ auch zum Malta-Festival nach Poznan.

Im dritten Teil des Abends, durch den manchmal etwas holprig aber immer charmant Albrecht Bechmann führte, waren dann nicht nur die „Beatles an Bord“, sondern es wurde bei Auszügen aus der neuen Reihe „Mittwochstheater“ auch ausgesprochen, was als Motto des Theaterschiffs gelten könnte, nämlich, „dass man hier alles dürfen darf“. Das meint nicht nur die bunte Mischung des Programms, sondern auch die ganz unterschiedlichen Darsteller, die vor allem ihre Spielfreude und der spürbare Teamgeist auszeichnet. Starker Beifall am Ende und ganz viel Hoffnung, dass der „Sturmvogel“ mit Robert Bejeuhr am Ruder seinen eigenen neuen Kurs findet und dabei immer mindestens eine Handbreit Wasser unter dem Kiel hat. Astrid Priebs-Tröger

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