• Dauerausstellung über Flucht und Vertreibung: Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung legt Ausstellungskonzept vor

Dauerausstellung über Flucht und Vertreibung : Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung legt Ausstellungskonzept vor

Europas dunkle Zeit: Die SFVV legt ein abgestimmtes Konzept für ihre künftige Berliner Dauerausstellung vor. Sie will die Vertreibungsgeschichte mit NS-Zeit und Weltkrieg verbinden.

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Als Nazis gebrandmarkt. In Prag internierte Sudetendeutsche warten im Juli 1945 auf ihre Deportation nach Deutschland. Foto: CTK/picture-alliance/dpa
Als Nazis gebrandmarkt. In Prag internierte Sudetendeutsche warten im Juli 1945 auf ihre Deportation nach Deutschland.Foto: CTK/picture-alliance/dpa

Seit dem Richtfest für den Berliner Neubau im vergangenen Oktober ist es ruhig geworden um die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV). Die erbitterten Kämpfe um das Ob und Wie der Erinnerung an die Vertreibung von 12,5 Millionen (ethnischen) Deutschen aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa am Ende des Zweiten Weltkriegs sind Vergangenheit. Ruhig, nicht reglos: Am Montag gab die Stiftung die Verabschiedung ihrer Konzeption für die Dauerausstellung bekannt, die seit dem Winter erarbeitet worden war. Und all die – mehr aufgebauschten denn sachlich gegebenen – Streitpunkte finden in dem 46-Seiten-Papier eine befriedigende Antwort.

Befriedigend deshalb, weil der Stiftungsrat der SFVV das Konzept auf seiner Sitzung Ende Mai einstimmig beschlossen hat. Zuvor hatte der wissenschaftliche Beraterkreis die Abfassung des Konzeptes begleitet und zur Verabschiedung empfohlen. Vorbei der Streit, das Türenklappen, die Austritte aus dem Gremium, die sich unter dem Vorgänger der seit Februar 2016 amtierenden Stiftungsdirektorin Gundula Bavendamm lautstark zugetragen hatten.

Gegenüber der 2012 beschlossenen Stiftungskonzeption hat sich im Grundsätzlichen nichts geändert. Für die Stiftung insgesamt sind Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerungen ein wichtiges Thema, für die Dauerausstellung jedoch sind sie der Schwerpunkt. Bis zur Einigung auf diese feine Balance bedurfte es einiger Auseinandersetzungen. Die anstehende Praxis eines Ausstellungshauses muss und wird damit pragmatisch umgehen. Zwei Obergeschosse bietet der Neubau, der hinter der erhaltenen historischen Fassade des „Deutschlandhauses“ am Askanischen Platz entsteht und Ende 2018 dem Nutzer SFVV zur Einrichtung übergeben werden soll.

Mix aus Chronologie und thematischer Vertiefung

Das erste Stockwerk, über die historische Treppe zu erreichen, soll unter dem Arbeitstitel „Das Jahrhundert der Flüchtlinge – Zwangsmigrationen in Europa“ den historischen Überblick im Rahmen der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts bieten. Das zweite Stockwerk zeigt „Flucht und Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext“ und als dritten, abschließenden Teil „Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland seit 1945“. Damit kommt die Ausstellung, ein Mix aus Chronologie und thematischer Vertiefung, im Hier und Heute an.

In den Anfangsjahren des Vorhabens, ein „sichtbares Zeichen“ zu setzen, um „an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten“ – so 2005 der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD –, war die Befürchtung schier übermächtig, Deutschland solle zum Weltkriegsopfer verklärt werden. Das ist Schnee von vorgestern; nicht zuletzt auch, weil sich der Bund der Vertriebenen unter seinem jetzigen Präsidenten, dem 1965 in Siebenbürgen geborenen Bernd Fabritius, deutlich modernisiert und von alten Floskeln getrennt hat.

Leitbegriffe sind Verständigung, Respekt und Versöhnungsangebot

Die „Einbettung“ von Flucht und Vertreibung der Deutschen „in den Kontext des Zweiten Weltkriegs und die NS-Expansions- und Vernichtungspolitik“ steht im jetzigen Konzept oben an, wie auch das Anliegen „zu zeigen, dass zwischen Zwangsmigration und Genozid ein kategorialer Unterschied besteht“. Das sind Selbstverständlichkeiten, sollte man meinen. Aber sie auszusprechen ermöglicht es, in der Ausstellung die Tatsache zur Anschauung zu bringen, „dass beide Phänomene in ihrer historischen Genese Verbindungen aufweisen“ – so das Konzeptpapier.

Das Ausstellungskonzept ist auf das im Entstehen begriffene Gebäude bezogen, es hat die Kapitelteilung seinerseits begünstigt. „Das Gebäude habe ich vorgefunden“, sagt Gundula Bavendamm im Gespräch mit dem Tagesspiegel, wie sie denn überhaupt unbelastet ist von Entscheidungen wie Empfindlichkeiten der Vorgängerzeit. Die promovierte Historikerin betont die Verbindung der Vertreibungsgeschichte mit NS-Zeit und Weltkrieg. Als Leitbegriffe der Stiftungsarbeit nennt sie „Verständigung, Respekt, Versöhnungsangebot“: so zu arbeiten, „dass Versöhnung möglich ist“.

Außen- und Innenpolitik verschränken sich im Themenfeld der Zwangsmigration. „Im deutschen Fall ist wie in einem Brennglas die Eskalation dieses Phänomens zu sehen“, so Bavendamm, „und dies vor der Folie des 20. Jahrhunderts. Zum tieferen Verständnis muss man die europäische Dimension öffnen.“

Die Stiftung ist Teil des Historisierungsprozesses

Im Konzeptpapier heißt es, „Zwangsmigration als konstitutiven Teil europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts zu vermitteln“. In dieser Perspektive, so Bavendamm, lässt sich Zwangsmigration als „politisch gewollte und ideologisch unterfütterte Politik zur vermeintlichen Lösung von Minderheitenkonflikten“ beschreiben, umgesetzt in Kriegen mit ihrer Freisetzung umfassender Gewalt. Am Ende des zweiten Kapitels und der Flucht- und Vertreibungsgeschichte steht als politisch erzwungenes Ergebnis „Die ethnisch-territoriale Neuordnung Ostmittel- und Südosteuropas 1944–1948“. Denkt man an den Zerfall Jugoslawiens nach 1990, liegt auf der Hand, wie aktuell eine solche Perspektive ist.

Während das erste Obergeschoss mit der Darstellung der europäischen Perspektive einiges an medialer Vermittlung erfordern wird, darunter durchaus auch Landkarten und Wandtexte, bietet sich das tageslichtfreie zweite Obergeschoss für die Präsentation von authentischen Objekten an. Längst baut die Stiftung eine eigene Sammlung auf. Das Haus der SFVV wird auch Museum sein. „Wir sind Teil eines Historisierungsprozesses“, formuliert es die 1965 geborene Direktorin: „An uns selbst zeigt sich, wie lange solche Prozesse benötigten, bis Deutsche über ihr Leiden sprechen können.“

Bei aller wissenschaftlichen Fundierung wird die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung auch einer solchen emotionalen Präsenz bedürfen. Denn am Ende geht es – bei aller historischen Betrachtung – um die Versöhnung mit der eigenen Geschichte.

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