David Bassenge im Porträt : Der Losverkäufer

David Bassenge betreibt eins der wichtigsten Auktionshäuser Berlins. Wie viel Passion – und Familientradition – steckt in seinem Beruf? Ein Villa-Besuch.

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In dritter Generation. David Bassenge in der Familienvilla im Grunewald, mit Kunst vom Keller bis zum Dach.
In dritter Generation. David Bassenge in der Familienvilla im Grunewald, mit Kunst vom Keller bis zum Dach.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Als David Bassenge im Frühjahr 2014 in der alten Grunewald-Villa aufs Podium stieg, wusste er, dass ein langer Tag vor ihm lag. Mehrere hundert Kunstwerke aus dem 15. bis 19. Jahrhundert sollten bis zum Abend versteigert werden, darunter eine Romantiker-Zeichnung von dem Landschaftsmaler Friedrich Olivier. Am späten Nachmittag verkaufte Bassenge Oliviers „Welke Ahornblätter“ für 2,6 Millionen Euro, das 21-fache ihres Schätzpreises. Eine Sensation für das Haus. Und ein Meilenstein für den Auktionsplatz Berlin, der bis dato im internationalen Kunsthandel nur eine untergeordnete Rolle spielte.

Seit 2014 werden in Berlin immer wieder Spitzenpreise auf Auktionen erzielt, vor allem mit Altmeisterzeichnungen. Auch in der kommenden Herbstauktion steht bei Bassenge wieder ein „Ahornblatt“ zum Verkauf, dieses Mal von Julius Schnorr von Carolsfeld, einem Freund Oliviers, und es ist besonders schön. Auch dafür könnten Höchstpreise erzielt werden.

Es ist neun Uhr morgens, David Bassenge öffnet die Tür der Villa. Mit seinem ozeanblauen Anzug, der lässigen Krawatte und verbindlichen Art könnte er auch im Bankgeschäft oder der Modebranche arbeiten. In der oberen Etage stehen die alten Kassettentüren zu den Arbeitsräumen offen, in denen sich Zeichnungen, Bücher, Unterlagen stapeln. Gäste platziert Bassenge in einem langgestreckten Raum mit hohen Regalen, in dem schon sein Vater Tilman arbeitete, der im März dieses Jahres starb. Zeitweise wohnte der Vater auch dort. Was ist das nun für ein Beruf: Kunsthändler, Auktionator?

Nur Bassenge und die Villa Grisebach spielen international eine Rolle

In Berlin gibt es wenigstens zehn Auktionshäuser, die Kunst und Antiquitäten versteigern, zwei spielen international eine Rolle, die 1986 gegründete Villa Grisebach und das Auktionshaus Bassenge. Gerda Bassenge rief den Familienbetrieb 1963 ins Leben; zwei Mal pro Jahr kommen hier Altmeistergrafiken, Gemälde, moderne Kunst, Fotografien und Bücher unter den Hammer. Außer in der Dependance in der Rankestraße finden die Versteigerungen meist in der Villa im Grunewald statt, die Gerda Bassenge 1969 als Firmen- und Familiensitz kaufte.

Vom Keller bis zum Dachboden werden alle Räume genutzt. Bassenge-Auktionen sind für ihre familiäre Atmosphäre bekannt. Man findet sich im Salon im Erdgeschoss ein; vor der großen Fensterfront zum Garten steht das Podium, auf dem Bassenge die Lose aufruft. Seit zehn Jahren arbeitet er im Familienunternehmen, seit fünf Jahren als Auktionator. Zuvor hat er es hunderte Male beim Vater erlebt.

David Bassenge studierte Philosophie, Kunstgeschichte und BWL

War es für den Sohn immer klar, dass er in die Fußstapfen von Großmutter und Vater treten würde? Nein, Bassenge half als Schüler zwar im Betrieb aus, begleitete den Vater auf Reisen. Ins Berufsleben startet er aber mit einer Ausbildung in einem Bankhaus. Doch schon bald merkt er, dass ihm die kulturellen Impulse fehlen. Er studiert Philosophie, Kunstgeschichte und Betriebswirtschaft an der FU und begeistert sich vor allem für Grafik aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Einen Tag nach seinem Abschluss 2005 steigt er in den Familienbetrieb ein. Zwei langjährige Mitarbeiter sind soeben ausgeschieden. „Jetzt ist ein guter Zeitpunkt“, sagt der Vater.

„Vieles, was man in diesem Beruf braucht, lernt man nicht an der Universität“, sagt der Sohn. Etwa wie man die Papiere der Zeichnungen und Drucke bewertet. Wie alt ist es, stammt es aus Frankreich oder England, welches Wasserzeichen ist drauf? All das lernt man nur in der Praxis. Wie sind Druckzustand, Relief und Haptik, wie gut ist die Restaurierung, wie reizvoll die Patina? Manchmal sind es gerade die kleinen Fehler, die ein Blatt für Sammler interessant machen. Außerdem, so Bassenge, sei es oft spannend, aus welcher Sammlung ein Blatt kommt. „Das Schöne an diesem Beruf ist, dass es immer wieder Dinge gibt, die man noch nie gesehen hat,“ fügt er hinzu. Die Passion für seine Arbeit ist ihm anzusehen.

Ein Spitzenlos der Herbstauktion ist ein großes Blatt von Pieter Bruegel

Bei Bassenge werden Zeichnungen und Gemälde mit einem Schätzpreis von 200 Euro ebenso versteigert wie wertvolle Spitzenblätter und Nachlässe berühmter Künstler, etwa des Architekten Hans Poelzig oder des Theatermanns Ivan Nagel. Ein Spitzenlos der Herbstauktion ist ein großes Blatt von Pieter Bruegel. „Ein klassischer Dachbodenfund mit einer höchst interessanten Provenienz. Die Zeichnung stammt aus der Familie des amerikanischen Bankers J.P. Morgan und kam über verschiedene Erbschaften nach Europa“.

Es gilt Vertrauen aufzubauen bei potenziellen Verkäufern und die richtigen Sammler einzuladen. Und bei unbekannter Herkunft ist Detektivarbeit gefragt. Eine alte Rechnung, erklärt Bassenge, ist dann schon viel. Manche wissen nur, dass das Bild bei ihrer Mutter an der Wand hing, „dann muss man bei null anfangen. Oder es fehlt jeder Hinweis auf den Künstler. Dann braucht man Stilgefühl und Erfahrung.“

Potentielle Käufer wollen eine genau Expertise

Einige Sammler bringen Werke direkt in die Villa. Umgekehrt gehört auch der Hausbesuch zum Geschäft: „Nicht jeder will seine Bilder von der Wand nehmen, manches lässt sich schwer transportieren". Deshalb sind Bassenge und seine Mitarbeiter ständig unterwegs, bei Sammlern in Deutschland und ganz Europa. Aber die Geschäfte im Auktionshandel brauchen oft sehr viel Zeit. Der potentielle Käufer will eine genaue Expertise. „Manchmal entschließen sie sich erst Jahre später zum Verkauf“, so Bassenge.

Noch bevor es Ende November wieder in die heiße Phase für die Versteigerungen geht, ist Bassenge in einer anderen Mission unterwegs. Seit einigen Jahren steigt er für die Stiftung Telefonseelsorge aufs Podium. Als professioneller Auktionator weiß er, wie man das Versteigerungsfieber bei den Menschen entfacht. Und für den guten Zweck stellt er seine Dienste gerne zur Verfügung. Am 1. November werden in der Berlinischen Galerie circa 60 Kunstwerke versteigert, gestiftet überwiegend von Berliner Künstlern und Galerien. Der Erlös kommt der Suizidprävention von Jugendlichen zugute.

Bei einer Benefizauktion ist die Spontanität größer

„Die Stimmung ist bei solchen Versteigerungen ganz anders“, sagt Bassenge. Bei klassischen Auktionen seien die Käufer an ganz bestimmten Werken interessiert und gut informiert; sie wissen, wie weit sie beim Preis gehen. Bei einer Benefizauktion ist die Spontanität größer. „Es können überraschende Dinge passieren. Das macht viel Spaß.“ Diesmal sind Gemälde der Neuen Wilden-Künstlerin Elvira Bach dabei, ein Werk vom Spezialisten für Langzeitfotografie Michael Wesely oder eine Lithografie von Kenneth Blom. „Die Schätzpreise liegen deutlich unter den Galeriepreisen“, verrät Bassenge, der auch im Kuratorium der Stiftung sitzt und die Werke mit auswählt. Man kann also kaum etwas falsch machen.

Während Höchstpreise bei BenefizAuktionen natürlich erwünscht sind, wird dem internationalen Kunsthandel oft vorgeworfen, dass es nur ums Geld und um den Spleen von Superreichen gehe. David Bassenge sieht das nicht so. „Natürlich sind hohe Preise toll, aber noch befriedigender ist es für uns, unbekannte Werke zu erschließen und sie in den richtigen Sammlungen zu platzieren“, sagt er. Ohne Leidenschaft für die Kunst und die Menschen dahinter würde selbst ein „Ahornblatt“ aus der Romantik keinen Höhenflug erleben.

Die Auktion zugunsten der Stiftung Telefonseelsorge findet am 1.11. in der Berlinischen Galerie statt. 17 Uhr Vorbesichtigung, 19 Uhr Beginn. Vorbesichtigung auch in der Mianki-Gallery, Kalckreuthstr. 15, 26.10., 19 – 22 Uhr, 27. – 29. 10., 11 – 20 Uhr

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