David Wagner im Porträt : Operation am eigenen Leib

In "Leben" berichtet Belletristik-Preisträger David Wagner von seiner Lebertransplantation. Dass es nicht einfach ist, über etwas so Privates zu schreiben, hat er dem Tagesspiegel am Rande der Preisverleihung erzählt.

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Einer der Kandidaten für den Belletristik-Preis: David Wagner mit seinem Buch "Leben".
Einer der Kandidaten für den Belletristik-Preis: David Wagner mit seinem Buch "Leben".Foto: dpa

Preise gewinnen, ist etwas schönes, kann aber auch anstrengend sein. David Wagner jedenfalls hat die Aussicht auf den Preis der Leipziger Buchmesse dieser Tage sichtlich zu schaffen gemacht. Er war der Favorit auf den Buchmessen-Preis in der Kategorie Belletristik, was durchaus als Bürde empfunden und nervöses Unbehagen bereiten kann. Selbst nach der glücklichen Verkündung löst sich die Spannung bei Wagner nur allmählich. Nun wird er bis zum Ende der Messe am Sonntag in noch mehr Sendestudios und auf noch mehr Bühnen eilen, um Auskunft zu geben über sich, seinen Körper und sein Buch. Und das ist in diesem besonderen Fall wirklich alles eins: Der 1971 im rheinländischen Andernach geborene Wagner hat in „Leben“ über seine Zeit im Krankenhaus geschrieben. Er wird als Notfall eingeliefert, wartet auf die Transplantation einer Leber und bekommt schließlich eine.

„Leben“ ist ein sehr privates Buch, aber ein kunstvoll arrangierter, aus lauter kleinen Prosaminiaturen bestehender Text. Fragt man Wagner zwischen zwei Messeauftritten am Stand des Rowohlt Verlags nach dem Grund, warum er ausgerechnet seine Krankheit und die Lebertransplantation zum Thema eines Buches gemacht hat, weicht er zunächst aus. Er verweist auf die fiktiven Elemente, auf seinen dem Buch vorangestellten Satz „Es war so, und doch auch ganz anders“. Und er sagt, dass das Ich in „Leben“ für ihn auch eine Figur sei und es Distanzierungen gebe: „Es ist nicht einfach nur ein Bericht. Mir war immer klar, dass ich ein romanhaftes Buch sozusagen über den Zustand Krankenhaus schreiben will, über diesen Schwebezustand, in dem man sich dort als Patient befindet.“

Sechs Jahre hat er an „Leben“ gearbeitet und dabei lange nach einem erzählerischen Bogen gesucht. Nachdem er in einem Text für den „Merkur“ das Thema erstmals in berichtend-essayistischer Form gefasst hatte, spürte er, „was so eine Organspende für ein Wunder ist“. Nach und nach sei das aus vielen Krankenhausnotizen bestehende „Leben“-Manuskript immer dünner geworden.

Nein, Wagner, wie er einema da mit seinem Vollbart und immer noch jungenhaft wirkend gegenübersitzt, schüttet auch jetzt sein Privates nicht öffentlich aus, Buch hin, Preis her. Er benötigt Zeit, um erklären zu können, warum er diesen Stoff gewählt hat und wie er die ganzen Jahre mit seinem Leiden und der Transplantation umgegangen ist: „Ich habe das kaum erzählt, weil mir das zu privat war, zu intim, auch nicht, als ich auf der Organtransplantationsliste stand. Andererseits ist das Buch jetzt wirklich so eine Art Dankbarkeitsbuch, selbst wenn das trivial klingt. Ich bin nur deshalb am Leben, weil es dieses fremde Organ gibt und ein anderer gestorben ist.“

David Wagner erzählt in „Leben“ unter anderem, wie er sich müht, einen Dankesbrief an die unbekannte, tote Person zu schreiben, an das Du in diesem Buch, sein Gegenüber. Dieses Angebot wird Organtransplantierten in der Regel gemacht, wobei die Anonymität der Angehörigen des Spenders gewährleistet wird. Und es ist  wirklich ein Mühen, berichtet Wagner. Seit der Veröffentlichung des Buchs erfährt er nun oft, dass nicht nur ihm das so geht: „Gerade eben hat eine herztransplantierte Frau zu mir gesagt, dass sie seit drei Jahren mit diesem Brief kämpft.“

Als gelernter Romancier hat Wagner andere Möglichkeiten. „Leben“ ist tatsächlich mehr als ein Erfahrungsbericht. Das Buch steckt voller Erinnerungen an die Kindheit, Beschreibungen aus dem Krankenhausalltag, der Dinge, die ihn ausmachen, seltsamer Geschichten von Mitpatienten. Das Buch fügt sich gut in das bisherige Werk des Schriftstellers ein, der seit Ende der neunziger Jahre in Berlin lebt. Als er 2000 mit dem Roman „Meine nachtblaue Hose“ debütierte, stand die Popliteratur in ihrer höchsten Blüte. Wagner wurde da gern eingemeindet, schließlich war er noch keine 30. Aber um coole Posen und schicke Benutzeroberflächen, um Golfgenerationen oder Nutellagläser ging es ihm nur am Rande.

„Meine nachtblaue Hose“ ist ein feinsinniger Erinnerungsroman, der von der Liebesbeziehung eines Berliner Jurastudenten und dessen eigentlich wohlbehüteter Kindheit und Jugend im Rheinland erzählt. Durchzogen ist dieser Roman von einem melancholischen, manchmal zart ironischen Grundton. Sachte deutet der Erzähler biografische Deformationen und Traumatisierungen an; vor dem autobiografischen Hintergrund von „Leben“ erscheint dieser Roman in einem neuen Licht.

Seine Sprache hatte Wagner, der bis heute regelmäßig auch im Tagesspiegel Reportagen und Stadtgeschichten veröffentlicht, damals gefunden. Auch eine Poetologie erwuchs mit der Zeit: In dem 2002 veröffentlichten Erzählungsband „Was alles fehlt“ reden die Figuren auffällig viel über die Dinge des alltäglichen Lebens, vom Abwasch über die besten Käsesorten bis zum richtigen Zähneputzen. Was sie nur in Andeutungen kommunizieren: das, was wirklich fehlt, die Zuneigung des Vaters, die tote Mutter, ein Kind. In seinem Roman „Vier Äpfel“ schließlich, erschienen 2009, ist es das Warenangebot eines Supermarkts, das Erinnerungskaskaden beim Erzähler in Gang setzt, ihn die Zeit dehnen und ganz neu vermessen lässt. Wagner orientiert sich hier an Vorbildern wie Proust oder Nicholson Baker, mal ernst, mal eher ironisch und spielerisch. Wenn er dann fragt: „Kann es sein, dass am Ende unseres Lebens nur ein paar Einkäufe übrig bleiben?“, ist das so melancholisch wie komisch.

Dass ihm nun schon mal unterstellt wird, ins Lager der „engagierten Literatur“ gewechselt zu sein, ringt ihm in Leipzig ein überraschtes Kopfschütteln ab: „Das würde ich meilenweit von mir weisen.“ Trotzdem ist er sich der gesellschaftspolitschen Resonanz auf seinen Roman bewusst  - und befürwortet sie: „Wenn die Leute jetzt drüber nachdenken, finde ich das gut. Das ist ein starkes Thema, es geht über den literarischen Bereich hinaus, in dem ich mich sonst bewegt habe. Und klar: Die Ärzte in der Charité freuen sich natürlich. Denn nach dem Organspendenskandal vor einem halben Jahr, gingen die Spenden deutlich zurück. Dann sterben die Leute halt."

Wie nebenbei sagt er so einen Satz. Ihm wurde das Leben gerettet, andere haben dieses Glück nicht. Das Nebenbei-Sprechen prägt auch sein Buch, wenn sich der Erzähler an den alltäglichen Dingen im Krankenhaus erfreuen kann und sich dennoch immer dessen bewusst ist, dass er mit dem Tod ringt. „Im Grunde“, sagt Wagner, „fand ich das Krankenhausleben ethnografisch enorm ergiebig.“ Lächelt und verabschiedet sich, zum nächsten Termin. Wer weiß, ob er nicht auch auf der Leipziger Buchmesse so seine Beobachtungen macht.

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