• DDR-DEBATTE: Das Jetzt kommt aus dem, was war Warum nicht nur Merkel mehr zurückdenken sollte

DDR-DEBATTE : Das Jetzt kommt aus dem, was war Warum nicht nur Merkel mehr zurückdenken sollte

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Sollte Angela Merkel als junge FDJ-Funktionärin wirklich Agitation und Propaganda betrieben haben, war sie offenbar nicht sehr erfolgreich. Die Anzahl derer, die sich von der Jungfunktionärin propagandistisch misshandelt gefühlt haben, liegt offenbar so ziemlich bei null; man hört jedenfalls nichts von ihnen. Und doch hat Merkel mit ihrem Kurzkommentar zu den jüngsten Vorwürfen ihrem Volk keinen Gefallen getan: Sollte sich zu ihrer DDR- Vergangenheit jetzt „was anderes“ ergeben, als dass sie bloß Kultur- Funktionären gewesen sei, „dann kann man damit auch leben“. Das klingt dann doch ein bisschen sehr lakonisch.

Was auch die bedauern können, die Merkel für ein gute Kanzlerin halten. Ein bisschen mehr hätte sie schon erzählen können – denn der Bedarf an Geschichten aus der DDR ist größer, als sie denkt.

Na klar: Wer überhaupt eine Vergangenheit aus der DDR mitgebracht hat, trägt sie nicht unbedingt vor sich her. Schnell, für manche zu schnell, ging es eher um Schuld als um Zusammenhänge, um Vorwürfe, Urteile, Karriere-Enden. Vielleicht muss es aber so sein, dass die Frage, ob und wie sich einer schuldig gemacht hat in einer Diktatur, an Einzelnen und deren Handeln diskutiert wird. Die müssen das aushalten – auch noch nach 23 Jahren, und auch, wenn diese Einzelnen seit 23 Jahren zeigen, dass sie demokratische Politik machen können und wollen.

Trotz aller staatsrechtlichen Anschlüsse, IM-Enthüllungen und Stolpe- Untersuchungsausschüsse hat es den großen Bruch mit der DDR als freiheitsberaubendem Staat nicht gegeben. DDR-Katharsis war nicht. Nazi-Deutschland-Katharsis war ja auch nicht. Die hat in den sechziger Jahren begonnen und zieht sich bis in die Gegenwart, in der 90 Jahre alte mutmaßliche KZ-Wächter damit zu rechnen haben, dass ihnen ein Prozess gemacht wird. Was gut so ist, auch wenn die Greise vermutlich dement sind und nicht mehr haftfähig wären.

Das Jetzt kommt aus dem, was war, und deshalb sollte uns – die Kanzlerin eingeschlossen – die DDR-Geschichte viel Zeit und noch mehr Gefrage und Gerede wert sein. Merkels Kann-man-mit-Leben-Bemerkung macht dasselbe Gefühl wie 2007 die Feststellung des SED-Forschers Klaus Schröder, dass Tausende von Schülern die DDR für ein Sozialidyll hielten, eingemauert nur, damit es nicht auseinanderfiel. Schröders Untersuchung zeigte, wie es wirkt, wenn man nicht offen redet und streitet. Dann setzt sich bei jungen Leuten fest, was der frustrierte Vater oder die verbitterte Mutter voller Groll auf die Gegenwart so von sich gibt: Früher war es besser.

Das war es aber nicht, und deshalb ist es immer interessant zu erfahren, wie Einzelne sich entschieden haben, wenn ihre Freiheit bedroht war. Es ist noch heute interessant zu wissen, wie Menschen durch den Zweiten Weltkrieg gekommen sind. Jeder Mittelalte aus dem Westen kann sich fragen, ob er zur „Armee“ oder gar zu den Grenztruppen gegangen wäre, um studieren zu können. Das können sich, theoretisch, auch Frauen fragen. Über so was kann man reden, davon kann man erzählen, wenn der, der fragt, nicht urteilen, sondern etwas verstehen will.

Vermutlich war in diesem Land nie so viel Freiheit möglich wie heute. So was hat Voraussetzungen, institutionelle und individuelle. Merkels Funktionärinnen- Vergangenheit hätte für sie selbst zum Ausgangspunkt für eine weitere deutsch- deutsche Geschichtsdebatte werden können, nach Sascha Anderson, nach Manfred Stolpe, nach der Geschichte von Vera Lengsfeld, die vom eigenen Mann bespitzelt worden ist – wenn sich Merkel ein bisschen mehr getraut hätte als „kann man mit leben“.

Vor vier Jahren hatte Merkel im amerikanischen Kongress gesagt: „Noch immer gibt es nichts, das mich mehr begeistert, nichts, das mich mehr anspornt, nichts, das mich stärker mit positiven Gefühlen erfüllt als die Kraft der Freiheit.“ Schade, dass sie jetzt und in eigener Sache nicht mal wieder so offen und auch ein bisschen pathetisch ist.Werner van Bebber

In unserer Serie schrieben bisher David Ensikat (16. 5.), Antje Sirleschtov (18. 5.) und Malte Lehming (22. 5.).

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