DDR-Komödie „Vorwärts immer“ : Der doppelte Honecker

Genial albern: Franziska Meletzky hat mit „Vorwärts immer“ eine DDR-Retro-Satire gedreht, die erstaunlich gut funktioniert.

Leben imitiert Politik. Jörg Schüttauf (rechts) als falscher Staatsvorsitzender und Alexander Schubert als Krenz-Imitator.
Leben imitiert Politik. Jörg Schüttauf (rechts) als falscher Staatsvorsitzender und Alexander Schubert als Krenz-Imitator.Foto: DCM

Nuscheln, immer schön nuscheln. Darauf kommt es an, wenn man den Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrats der DDR imitieren möchte. Aber der renommierte Schauspieler Otto Wolf (Jörg Schüttauf) ist nicht wirklich überzeugt von seiner Rede. Über den Traum eines freiheitlichen Sozialismus nuschelt es sich am 9. Oktober 1989 auf einer Ostberliner Bühne nicht ganz so unbefangen – und mit der fingierten Honecker-Ansprache in einem nicht genehmigten Theaterstück steht auch die eigene Karriere zur Disposition. Aber Regisseur Dombrich (Stephan Grossmann) und die Kollegen sind sich einig: Keiner kann den Erich so gut wie der Otto – was dieser bald auch in der Realität beweisen muss.

Schon in den ersten Filmminuten von Franziska Meletzkys „Vorwärts immer!“ wird klar, dass sich diese Satire über die letzten Tage der DDR auf ein großes Vorbild beruft. Fast 1:1 wurde die Theaterszene aus Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ übertragen – dem unangefochtenen Goldstandard der politischen Verwechslungskomödie. Bereits 1942 zeigte Lubitsch, dass man monströse historische Figuren wie Hitler über Bande dekonstruieren kann, ohne sie zwangsläufig zu verharmlosen. Natürlich ist Honecker mit Hitler nicht zu vergleichen und die Entmachtung des SED-Vorsitzenden liegt schlappe 28 Jahre zurück. Eigentlich kann sich heute kaum einer noch vorstellen, dass dieser charismafreie Kerl mit seiner Comedian-Hornbrille einmal die Republik regiert haben soll.

Auf der Leinwand entwickelt der Plot einen grotesken Charme

Komödientechnisch ist Honecker ein easy target und gleichzeitig gründlich veraltet. Umso erstaunlicher, dass Meletzkys DDR-Retro-Satire so gut funktioniert. Dabei bedient sich „Vorwärts immer!“ eines bewährten Tricks: Man nehme ein bekanntes historisches Ereignis und behaupte, dass sich alles ganz anders zugetragen habe. In diesem Fall die Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig, wo 70 000 Demonstranten 8000 Polizisten, NVA-Soldaten und Kampfgruppenmitgliedern gegenüberstanden, die befürchtete Gewalt aber ausblieb. Dass in Leipzig nicht wie in Peking die Panzer rollten – so die Hypothese des Films – ist einer Handvoll Theaterschauspielern zu verdanken, die beherzt in den Lauf der Geschichte eingegriffen haben.

Als seine Tochter Anne (Josefine Preuß berlinert um ihr Leben) nach Leipzig aufbricht und sich die Gerüchte einer „chinesischen Lösung“ verdichten, wird der versierte Honecker-Imitator Otto ins Politbüro entsendet, um den Schießbefehl rückgängig zu machen. Natürlich geht bei dieser Maskerade alles schief, was auch nur schiefgehen kann. Auf der Suche nach seinem Büro landet der falsche Honecker in der Putzkammer, kämpft am Konferenztisch mit der Krisentelefonapparatur und stürzt die frisch gebohnerte Treppe hinunter direkt vor die Füße von Frau Margot (Hedi Kriegeskotte). Schließlich wird er nach Wandlitz gebracht, wo der echte Honecker gerade auf der Jagd ist.

Zugegeben: Das klingt nach oller Klamotte, aber auf der Leinwand entwickelt der Plot einen grotesken Charme. Meletzky versteht ihr Screwball-Comedy-Handwerk, wozu Slapstick-Einlagen ebenso gehören wie das Überdrehen des Verwechslungsplots. Komödien leben nicht zuletzt vom Detail, von der Udo-Lindenberg-Motorradjacke in Honeckers Kleiderschrank bis zum künstlichen Gebiss, das der Krenz-Imitator (Alexander Schubert) ständig zurechtrücken muss. Genial albern auch der Selbstfindungsdialog, als der echte und der falsche Generalsekretär aufeinandertreffen. Gegenüber diesem sorgfältig orchestrierten Chaos fällt die eingeflochtene Dreiecks-Lovestory um die schwangere Anne deutlich ab. „Vorwärts immer!“ ist eine späte, gelungene Ausnahmeerscheinung des DDR-Komödiengenres, die sich einen Platz neben „Good Bye, Lenin!“ verdient hat.

In 9 Berliner Kinos

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