Kultur : DDR-Künstler Willi Sitte: Gut, dass wir verglichen haben

Nicola Kuhn

"This is a test", blinkt es unablässig in elektronischen Laufbahnen unter der Decke des Mies van der Rohe-Baus. Die Vorbereitungen für Jenny Holzers Anfang Februar beginnende Ausstellung laufen auf Hochtouren. Auch im unteren Foyer der Neuen Nationalgalerie findet ein Test statt. Kustos Fritz Jacobi vergleicht dort aus gegebenem Anlass ein Gemälde des inkriminierten DDR-Künstlers und Parteifunktionärs Willi Sitte mit einem Sigmar-Polke-Bild, des neben Gerhard Richters wohl bekanntesten westdeutschen Malerstars.

Potzblitz - die Staatlichen Museen trauen sich da was, nachdem das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg eingeknickt ist und auf Geheiß seines Verwaltungsrates die Ausstellung "Werke und Dokumente" zum achtzigsten Geburtstag des Sozialistischen Realisten Sitte zurückgezogen hat. Diese Absage erinnere fatal an einst von Sitte selbst als Vorsitzender des DDR-Künstlerverbands angeordnete Maßnahmen, erklärt Jacobi die Berliner Gegenoffensive. Das Risiko hält sich allerdings in Grenzen; das Sitte-Bild "Leuna 21" hat sich schnell erledigt, wenn es auch mit seiner pathetischen Darstellung von gereckten Fäusten, kampferprobten Arbeitern und reaktionären Polizisten Format sprengend wirken will. Sitte sei trotzdem ein diskutabler Künstler, zumindest in den Fünfzigern und Anfang der sechziger Jahre, findetder Kustos, man müsse ihn nach seiner Malerei, nicht der Moral beurteilen.

Wenn das so einfach wäre. Als nach der Wende der damalige Nationalgalerie-Direktor Dieter Honisch Ost und West nebeneinander hängte, da hatten seine Kustoden noch im Abgeordnetenhaus Rechenschaft abzulegen über solch kühnes Unterfangen. In den darauffolgenden Präsentationen der ständigen Sammlung musste die DDR-Kunst weichen, bis "aus Platzgründen" nur noch Walter Libuda und Werner Stötzer zu sehen waren. Man darf gespannt sein, welche ostdeutschen Maler nach Abhängen der Picasso-Schau von heute an in der Dauerausstellung der Neuen Nationalgalerie gezeigt werden. Ein wenig Tübke, ein bisschen Mattheuer ist sicherlich drin. Schließlich sei alles eine Frage der Qualität, so Fritz Jacobi zum Schluss seiner Ausführungen. Willi Sitte allerdings, den würde man kaum vermissen. "This is a test", blinkt es weiterhin aus dem gläsernen Kubus des Mies van der Rohe-Baus in die Nacht. Für Sitte fiel er eher negativ aus.

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