Debatte in Italien : Dürfen Berlusconi-Kritiker in Berlusconi-Verlag publizieren?

So eine Debatte kann es nur in Italien geben. Sie dreht sich um einen zentralen Punkt der öffentlichen Moral, aber keiner traut sich, sie zu führen.

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So eine Debatte kann es nur in Italien geben. Sie dreht sich um einen zentralen Punkt der öffentlichen Moral, aber keiner traut sich, sie zu führen. Nach einem Paukenschlag am Anfang droht die Diskussion schon wieder zu versickern. Weil viele davon profitieren, dass gewisse Dinge besser nicht erörtert werden?

Aufgeworfen hat die Frage der Theologe und Philosoph Vito Mancuso. Dürfen Schriftsteller und politische Intellektuelle, die als Kritiker Silvio Berlusconis gelten wollen, ihre Bücher in einem Berlusconi-Verlag veröffentlichen? In der verschärften Version lautet die Frage: Dürfen Autoren ihr Geld bei einem Verlag verdienen – und diesem zu Gewinn verhelfen –, der den Staat legal bestiehlt?

Zu Berlusconis Medienreich gehören nicht nur die drei landesweiten Fernsehsender, sondern auch die Buch- und Zeitschriftengruppe Mondadori. Sie ist die größte in Italien, und dass sie professionelle Arbeit leistet, stellt niemand infrage. Allerdings hat Berlusconis Konzern Fininvest den Verlag 1991 nicht durch legalen Kauf, sondern durch Korruption eines Richters erworben. So stellten es 2007 die höchsten italienischen Richter fest. Ein Mailänder Zivilgericht hat Fininvest vor einem Jahr – in erster Instanz – zu 750 Millionen Euro Schadenersatz an den unterlegenen Konkurrenten, Carlo de Benedetti, verurteilt. Außerdem kam das Finanzamt bereits in den neunziger Jahren zu dem Schluss, dass Fininvest dem Staat bei diversen Konzernumbauten 173 Millionen Euro an Steuern vorenthalten hat. In den ersten beiden Gerichtsinstanzen hat sich Fininvest zwar gegenüber dem Finanzamt durchgesetzt; bevor nun aber dieses Jahr die letzte Instanz zum Zuge kam, griff die Politik ein.

Drei Anläufe brauchten Silvio Berlusconis Büchsenspanner, um dem Parlament eine Spezialamnestie unterzujubeln: Uraltprozesse um Steuerfragen können nun plötzlich beendet werden, indem der Angeklagte ganze fünf Prozent der Steuerschuld zahlt. Es gibt Fachleute, die von der Regierung unwidersprochen behaupten, das neue Gesetz sei einzig für den „Fall Berlusconi-Mondadori“ erlassen worden. Berlusconi hat erheblich profitiert: Statt der 173 Millionen Euro plus Strafen und Verzugszinsen bezahlte er 8,6 Millionen Euro.

Gesetze zur Regelung eines Einzelfalls sind in einem Rechtsstaat nicht zulässig – schon gar nicht, wenn sie dem Regierungschef selbst zugute kommen. Darum allerdings hat sich Berlusconi noch nie gekümmert; die Intellektuellen und die Schriftsteller ihrerseits sahen bis auf zwei, drei namentlich bekannte Ausnahmen keinen Anlass, dem Verlag die Zusammenarbeit aufzukündigen.

Auch der Mondadori-Autor Mancuso bekam erst vor drei Wochen Gewissensbisse. Er schwankt nun zwischen dem „unerhörten Steuergesetz“ und den langjährigen, persönlichen Freundschaften sowie der „brillanten Professionalität“, die er als Autor dort erfahren habe. Mancuso bat in „Repubblica“ andere Autoren um Hilfe bei der Güterabwägung. Die Antworten speisten sich jedoch eher aus persönlichen Erlebnissen denn aus grundsätzlichen ethischen Überlegungen. Alle bekräftigen, dass sie sich gut aufgehoben, gar „perfekt betreut“ fühlen. „In voller Freiheit“ dürften sie schreiben, was sie wollten. Ihm sei, sagt der berühmte Antimafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri, „nicht einmal ein Komma“ verändert worden in seinen Büchern über die kalabrische ’Ndrangheta, in denen er auch die Verstrickung von Politikern anprangert.

Auffälligerweise fehlt eine Stellungnahme von Roberto Saviano, der mit „Gomorrha“ einen Bestseller geschrieben hat. Saviano könnte als Beispiel für die „innere Liberalität“ des von Berlusconis Tochter Marina geführten Verlags gelten, denn Berlusconi selbst griff ihn erst unlängst wieder scharf dafür an, „das Bild Italiens im Ausland beschmutzt“ zu haben.

Andere sagen, Mondadori agiere nicht nach den Kriterien der Liberalität, sondern habe schlicht ein Händchen für bestsellerverdächtige Manuskripte. Und der rustikale Holzbildhauer und Romancier Mauro Corona weiß: „Mondadori ist die größte Verlagsanstalt in Italien. Es hebe der die Hand, der keine Leichen im Keller hat.“ Genau betrachtet sind es zwei Dinge, die die große, schweigende Mehrheit der Mondadori-Autoren um die Moralfrage einen Bogen machen lässt. Sie sind symptomatisch für das „System Berlusconi“. Berlusconi hat sich nicht nur gezielt den größten Verlag Italiens gesichert, sondern auch den renommiertesten. Hier erscheinen Italiens Klassiker, und zum Mondadori-Imperium gehört unter vielen anderen auch der Intellektuellen-Verlag Einaudi. Wer hier seine Bücher veröffentlicht, hat es als Schriftsteller geschafft. „Premio Strega“, „Premio Campiello“ – Italiens renommierteste Literaturpreise gehen vorwiegend an Mondadori und Einaudi. Italiens Literaten kommen an Berlusconi schon lange nicht mehr vorbei – und ohne ihn kaum noch aus.

Außerdem, das geben die Debattanten auch zu, zahlt Mondadori besser als andere. Auch geht das Gerücht, dass Mondadori selbst solche Bücher von politischen Berlusconigegnern verlegt, die unternehmerisch eher kein Geschäft versprechen – aber für die man dem Autor ein Honorar zahlt, zu dem er nicht Nein sagen kann.

Luciano Violante, einer der führenden Vertreter der italienischen Linken, früherer Parlamentspräsident und Einaudi-Autor seit 1993, spricht natürlich nicht übers Geld. Er sagt einfach, „wegen so etwas“ wie jenem Steuergesetz verlasse er Einaudi nicht. „Als Autor geht es mir darum, dass meine persönliche Ausdrucksfreiheit erhalten bleibt. Bei Mondadori habe ich allergrößte Freiheit genossen, und mir kommt es nicht so vor, als hätte sich an dieser Linie etwas geändert.“

Alle, die sich in den gewissensstürmischen Tagen des Vito Mancuso zu Wort gemeldet haben, klagen „Italiens Grundproblem“ an: den „Interessenkonflikt“ zwischen Berlusconi als einem der größten Unternehmer und als Regierungschef. Auch linke Regierungen hätten diesen nicht per Gesetz lösen können. Worin für Berlusconi der Interessenkonflikt bestehen soll, ist unklar: Seine Rollen ergänzen sich trefflich – in einem Land, das sich damit abgefunden hat, im allumspannenden „System Berlusconi“ gefangen zu sein. Mit oder ohne Debatte.

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