Kultur : Deckname Video

Panorama: Eyal Sivans und Audrey Marions Dokumentation „ Aus Liebe zum Volk

Frank Noack

Der Traum jedes Voyeurs: völlig legal, sogar im Auftrag der Regierung einem Paar beim Sex zuzusehen. Aber Herr S. von der Stasi verspürt keine Freude beim Zusehen. Herr S. ist Offizier, wertet abgehörte Telefongespräche aus und schaut sich Filme an, die mit versteckter Kamera gedreht worden sind. Auf einem dieser Filme ist zu sehen, wie eine Büroangestellte sich mit einem Kollegen vergnügt, während ihr nichtsahnender Ehemann zwei Zimmer weiter Akten bearbeitet. Danach verarbredet sich die Frau mit einem weiteren Bekannten.

Herr S., seit der Wende arbeitslos, kann nicht einmal im Rückblick über die Büroaffäre schmunzeln. Er ging auch nie mit Kollegen in die Kneipe, denn „in den Kneipen beginnt der Prozess der Zersetzung“. Der Kontrolleur, der nichts mehr zu kontrollieren hat, prophezeit: „Eines Tages werden wir wieder gebraucht.“ Das klingt bedrohlich – aber nach „Aus Liebe zum Volk“ hat garantiert keiner mehr Angst vor Stasi-Offizier S.

Für ihre unkonventionelle Innenansicht des Ministeriums für Staatssicherheit haben die Dokumentaristen Eyal Sivan und Audrey Maurion Unmengen von Bild- und Tonmaterial sowie Tagebuchaufzeichnungen des entlassenen Stasi-Mitarbeiters bearbeitet. Neue Sequenzen beschreiben mit subjektiver Kamera seinen letzten Besuch am früheren Arbeitsplatz. Die Originalzitate werden von Axel Prahl gelesen (unangemessen spöttisch, das passt nicht zur Figur; in der französischen Fassung spricht Hanns Zischler). Das Ergebnis ist eine so amüsante wie deprimierende Studie über die Hilfslosigkeit des Überwachungsstaats. Wie viele seiner Mitkämpfer hat Herr S. viel gesehen und nichts begriffen.

Von Eyal Sivan wurde 1999 bereits die Dokumentation „Ein Spezialist“ auf der Berlinale gezeigt. Dort ging es um den Jerusalemer Prozess gegen SS-Offizier Eichmann. Obwohl Herr S. an keinen auch nur ansatzweise vergleichbaren Verbrechen beteiligt war, gibt es Parallelen. Wie Eichmann pflegt Herr S. eine seltsam kühle, unpersönliche Ausdrucksweise. Beide reden nie Klartext, vielleicht gehört das zum Wesen eines Bürokraten. Herr S. benutzt eine Sprache, die der deutschen sehr ähnlich ist und doch befremdet. „Die Arbeit mit der Quelle Mensch war unsere Hauptwaffe“, resümiert er seine Tätigkeit. Über „die Kerzen tragenden Bürger“ spricht er wie über Außerirdische.

Man lacht ein wenig über die Einfalt des Herrn S. und bewundert seine Aufrichtigkeit im Falschen, wenn er sich über die massive Vernichtung von StasiAkten empört. Herr S. steht zu seinen Taten. Und da er selbst mühsam Akten zusammenstellte, muss ihn deren Zersötrung besonders schmerzen. Und die Opfer? Erschütternde Aufnahmen zeigen die Brutalität der Verhöre oder die Verhaftung einer Mutter mit drei Kindern auf offener Straße. Was kaum bekannt war: Auch Denunzianten hatten es schwer im Spitzelstaat. Ein Anrufer, der eine subversive Tat melden will, wird unfreundlich behandelt – wer er denn überhaupt sei, und auf welchen Dienstherren er sich berufen könne.

Man verlässt das Kino mit der Erkenntnis, dass die Stasi zwar unzählige Menschenleben ruiniert, aber keinen Gewinn daraus gezogen hat. Beim Schnüffeln wurden überwiegend Banalitäten festgehalten. Man weiß das, vom Studium der Stasi-Akten. Anders als der Film ist deren Lektüre allerdings quälend.

Heute 17 Uhr (International), 11.2., 17.30 Uhr (Cinestar 3), 15.2. 17 Uhr (Cinestar 7)

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