Kultur : Dem Staat das Volk zeigen

PETER CONRADI

Peter Conradi plädiert für eine Hauptstadtarchitektur, die einen verloren gegangenen Maßstab wiedereinführt: den Menschen VON PETER CONRADI

Zuerst kommen die Menschen, dann kommen die Häuser.In Berlin ist das gelegentlich umgekehrt.Da wird mit Inbrunst die Kopie eines vor Jahrzehnten zerstörten Schinkelgebäudes, der Bauakademie, beschworen, aber was darin geschehen soll, welchem Zweck, welchem Nutzen das Gebäude dienen will, scheint niemand zu interessieren.Ähnlich ist es bei der Kampagne für die Rekonstruktion der Schloßfassade.Irgendwelche Investoren werden das schon richten, ob Hotel oder Kunstgewerbe, Unterhaltung oder Gunstgewerbe, Restaurant, Kongress, Bibliothek, Museum - das ist alles nebensächlich, Hauptsache, die Fassaden stimmen. Ich habe als Architekt gelernt, zuerst nach den Menschen zu fragen, die in einem zu planenden Gebäude leben und arbeiten sollen, nach ihren Bedürfnissen, und dann nach der baulichen Gestalt.In Berlin gibt es Architekten, das habe ich in zahlreichen Preisgerichten erlebt, denen die Architektur, vor allem die Fassadenarchitektur, wichtiger ist als die Menschen.Architekten, für die ihre ästhetischen Obsessionen wichtiger als die Brauchbarkeit ihrer Gebäude sind.Wenn ich als Sachpreisrichter darauf hinwies, daß in diesen Gebäuden Menschen arbeiten, die einen Anspruch auf Licht und Luft, auf Individualität, auf Schönheit, auf Erlebnisreichtum haben, erntete ich Achselzucken, so als sei die Forderung der Moderne, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auch in der Architektur einzulösen, lächerlich. Die Berliner Republik wird anders als die Bonner Republik, aber wir werden uns bemühen, einige der Errungenschaften der westdeutschen Republik, zum Beispiel ihren Pragmatismus, ihre Zivilität, ihre rheinische Leichtigkeit mit nach Berlin zu bringen.Das täte Berlin gut.Wir fangen nicht bei Null an mit der Demokratie.50 Jahre westdeutscher Geschichte kann man ebensowenig wegwischen wie die Jahrzehnte der DDR-Geschichte - auch sie sind Lebensgeschichte von Menschen, die man nicht einfach auslöschen darf. Die Hauptstadt Berlin ist wichtig, aber sie wird die Identität unseres Landes weniger bestimmen als in den Zeiten des Kaiserreichs oder der Weimarer Republik.Wir sind ein Bundesstaat.Da soll Berlin sich nicht überheben, sondern einreihen.Der größere Rest Deutschlands in Ost und West liegt des Nachts nicht schlaflos und sorgt sich um die in der Hauptstadt-Identität.In Berlin sagt man gelegentlich: "Hättenses nich ne Nummer kleener?".Das gilt auch für das Bauen in der Hauptstadt. Visionen für eine Hauptstadtarchitektur? Ich bleibe dabei, die Architektur in einer Demokratie soll erkennen lassen, was uns wichtig ist - Bescheidenheit, Anmut, Gelassenheit, Rücksicht gegenüber der Putzfrau wie gegenüber der Präsidentin, Verantwortung egenüber der Umwelt.Axel Schultes will mit seinem Bundeskanzleramt "dem Volk Staat zeigen".Ich meine, wir sollten aus der Forderung "W i r sind das Volk" - das ist erst acht Jahre her und offenbar schon fast vergessen - gelernt haben, daß es auch not tut, dem Staat das Volk zu zeigen, also den Staat und seine Bauten nicht mit falscher Würde, mit natursteinbeklebtem architektonischen Imponiergehabe aufzuplustern und die Menschen mit Symmetrieachsen einzuschüchtern, sondern gelassen, bescheiden, menschen- und umweltfreundlich und vernünftig zu bauen. Zur Demokratie gehören Vielfalt und Toleranz, auch in der Architektur.Ich beklage die Intoleranz, die in der Berliner Mitte nur eine pseudoklassizistische, langweilige, modisch-bläßliche Architektur mit dem Charme von Eiswürfeln zulassen will.Toleranz heißt, auch das Andere zulassen und ertragen.Ich bin bereit, in der Berliner Mitte die tiefgefrorene Langweiler-Architektur des Berliner Architekturkartells zu ertragen, zum Beispiel am Pariser Platz.Aber neben dieser "trockenen Berliner Monotonie", so der schwedische Schriftsteller Atterbom 1817, neben dieser "Kasernenarchitektur", so Victor Tisot 1875, braucht eine Stadt auch "Überraschungen, die sie erst zu einem organisch wirkenden und für Menschen bewohnbaren Platz machen", so Joachim Fest 1991.Eine Stadt aus lauter Überraschungen von Hollein und Hadid, Peichl und Behnisch wäre unerträglich.Aber diese Gefahr besteht nicht.Umgekehrt wird eine Stadt der Kohlhoffs und Dudlers, Kleihues und Ungers, dieser schmallippigen architektonischen Freudlosigkeit unerträglich. Ich habe am 20.Juni 1991 im Bundestag für Berlin als Hauptstadt gestimmt, für eine weltoffene, liberale, neugierige, tolerante Hauptstadt eines größer gewordenen Deutschlands.Ein Berlin, das die besten Qualitäten seiner Geschichte, die Aufklärung Preußens, die Vitalität der 20er Jahre, die Aufgeschlossenheit der 50er und 60er Jahre in sich vereinigt.Ein Berlin, das für den Aufbruch, für ein Neubeginnen steht, anders als das gelegentlich selbstzufriedene, immobile, provinzielle Bonn.Auch in der Architektur.Ich bitte um Verständnis dafür, daß ich mich nicht gerirrt haben will. Für wen, für welche Menschen, für welche Nutzung soll in der Berliner Mitte gebaut werden? Kommerz? Wohl kaum, die Friedrichstraße reicht, ökonomisch und architektonisch.Büros? Davon gibt es heute schon zu viele.Hotels? Die jammern doch jetzt schon.Die Frage ist: Soll die Ökonomie die Mitte und damit einen wichtigen Teil der Identität dieser Stadt bestimmen? Wollen die Berliner die Mitte ihrer Stadt der Investorenarchitektur - Beispiel Friedrichstraße - opfern? Ein Kongreßzentrum? Das gibt es schon.Braucht Berlin davon zwei? Ich finde es erstaunlich, daß ausgerechnet die Architekten des Westberliner Congress-Centrums - von Asbest verstehen sie ja etwas - nun mit Investoren Vorschläge für den Schloßplatz machen.Der Palast der Republik ist architektonisch nach heutigen Maßstäben keine Meisterleistung, aber das Raumschiff ICC ist so ziemlich das Letzte, was ich in der Berliner Mitte haben möchte.Museen? Davon gibt es schon einige, darunter einige ziemlich teure, die der Kultursenator und die Finanzsenatorin am liebsten schließen würden.Theater? Dito.Bibliotheken? Auch davon gibt es in nächster Umgebung bereits zwei. Ich meine, die DDR-Regierung war mit dem Palast der Republik so schlecht nicht beraten.Ein Volkshaus an dieser Stelle, das macht durchaus Sinn.Etwas Unterhaltung, ein Stück U-Kultur neben der geballten E-Kultur der Museen, der Oper, der Universität.Da fällt jedem natürlich das Centre Pompidou in Paris ein, aber warum nicht - das ist ein Volkskulturhaus, nicht erhaben, abschreckend, würdevoll, sondern offen, einladend, fröhlich, vulgär, demokratisch. Darüber sollten wir nachdenken und reden, und dann die Frage stellen, ob eine derartige Nutzung in einer Walt-Disney-Schloßkulisse, im trockenen DDR-Funktionalismus der 60er Jahre oder in einem Neubau untergebracht werden sollte.Vielleicht finden sich Architekten, die den Palast der Republik ändern, ergänzen, an- und umbauen, so wie das frühere Generationen mit vielen Kirchen und Schlössern gemacht haben, so wie wir heute Fabriken und alte Bahnhöfe umbauen und uns in der Architektursprache unserer Zeit für neue Nutzung aneignen. Und wenn wir wissen, was dort stattfinden soll, loben wir einen weltweiten Architekten-Ideenwettbewerb aus.Allerdings sollte Berlin das dem Bund übertragen, dem Grundstück und Palast gehören, denn die Berliner Architekturwettbewerbe haben allmählich einen Ruf, der manchen guten Architekten von einer Teilnahme absehen läßt. Eilt es? Ich glaube nicht.Auf dem toten - nicht roten - leeren Platz vor dem Palast sollten wir - da nehme ich Antje Vollmers Vorschlag auf - eine grüne Wiese mit ein paar schönen Birkenbäumen anlegen.Das tut den Menschen gut, das schadet niemandem.Das gibt uns Zeit zum Nachdenken, zum Diskutieren und Planen.Es muß nun wirklich nicht alles in den ersten zehn Jahren nach der Vereinigung gebaut werden.Außerdem ist zur Zeit kein Geld da, beim Bund nicht, und in Berlin schon gar nicht.Ich verstehe ja das dringende Bedürfnis, einiger Berliner Großarchitekten hier und jetzt und alles sofort mit ihren Architekturen vollzubauen, aber muß das sein? Jetzt bauen wir erst einmal den Spreebogen und den Potsdamer Platz.Dann lassen wir den Bund nach Berlin kommen und debis und Sony und all die anderen, auf die Berlin hofft.Das gibt uns Zeit, einige erhitzte Gemüter werden sich abkühlen, die Nostalgiewelle wird abflauen und am Ende wird es - hoffentlich - gut sein.Demokratie ist mühsam, Bauen in der Demokratie auch, und bei allem Hin und Her, bei allem notwendigen Streit - manchmal gelingt uns am Ende etwas Gutes. Der Autor ist SPD-Mitglied des Deutschen Bundestages und gehört der Baukommission an.

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