Kultur : Demos in Berlin: Die wunderbare Welt der Körper

Thomas Lackmann

Ist der öffentliche Raum ein Paradies? Natürlich nicht. War das Paradies eigentlich ein öffentlicher Raum? Naja, die Geschichte des öffentlichen Raumes jedenfalls beginnt weder mit den Entscheidungen des Berliner Senators Werthebach noch endet sie damit.

Der Innenminster des Landes, das deutsche Hauptstadt ist, hat vor wenigen Wochen den Veranstaltern der traditionellen Love-Parade verboten, ihre Demonstration am selben Tag aufzuführen wie bereits angemeldete Gegner dieses Techno-Events die ihre: Deren Naturschutz-Demo soll am 14. Juli durch den Bezirk Tiergarten führen. Außerdem verfügte Eckart Werthebach in dieser Woche, dass die abendliche "revolutionäre Demonstration" zum 1. Mai, anders als das morgendliche historische Gewerkschafts-Meeting vor dem Roten Rathaus und die traditionelle Kreuzberger Mittags-Demo der Altlinken, wegen des traditionellen Randale-Effektes in diesem Jahr ausfallen muss. Mitbetroffen von den Senatsverboten ist am 1. Mai auch die Demonstration der NPD; am 14. Juli wiederum werden sich Aktionisten der kleinen, unfeinen Fuck-Parade fragen müssen, ob sie nun ihre Gegnerschaft zur kommerziellen Love-Parade in Verbrüderung mit den legalen Naturfreunden des Tiergartens demonstrieren oder in Konfrontation mit tausenden vorab illegal angetretenen Ravern - oder doch erst am offiziellen neuen Parade-Termin, dem 21. Juli ...

Es ist also echt was los an der Spree in den nächsten Wochen, nicht nur in Theatern und Biergärten, sondern im fast totgesagten öffentlichen Raum. Wir erinnern uns: Demokratischer Raum ist ein öffentlicher Traum, den sich "das Volk" einst erstritten hat, als es die Paläste der Monarchie stürmte; ein Forum der Beteiligung Jedermanns an der Weltgeschichte. Das Gedenken an solche Spielplätze des Souveräns hat sich revolutionsromantisch verklärt, versteinert - wie in jenem Balkon des gesprengten Berliner Stadtschlosses, von dem aus Karl Liebknecht den Genossen die sozialistische Republik proklamierte, im November 1918. Weshalb der Balkon in die Fassade des DDR-Staatsratshauses, unseres provisorischen Kanzler-Amtssitzes, integriert wurde. Das neue Kanzleramt darf er nicht mehr zieren.

Politischer öffentlicher Raum? Das war mal; heute haben wir bewachte Malls und kontrollierte Talk Shows. Doch während der Berliner dieser Tage mürrisch konstatiert, dass Sonnenstrahlen und Touris den Breitscheidplatz in eine Skater-Arena und den Marlene-Dietrich-Platz in eine Placebo-Piazza verwandeln, stößt der Innensenator eine Debatte an über den Wandel des Bürgers unter märkischen Himmeln. Die Frage, wer am 1. Mai und am 14. / 21. Juli auf die Straße darf, ist zweifellos interessanter als mancher Pseudo-Diskurs der letzten Monate. Weil sie den Streit um eine Bannmeile am Brandenburger Tor berührt, aber auch die Grübelei über den Schlossplatz als (un)politisches Zentrum der Kapitale und sogar den Big-Brother-Bohei um den ultimativen öffentlichen Raum der Medien-Gesellschaft, das inszenierte Container-Wohnzimmer. Welches Forum romantischer Spontaneität, welche security-Inszenierung, welche Art von Stadt und Staat hätten wir denn gern?

Das Komische an der Zwickmühle des Innensenators, dem man taktische Klugheit absprechen kann, nicht aber das Bemühen, seinen Job zu tun, offenbart sich in der Parallelle von "Love Parade" und "1.Mai". Das offizielle Label für den Arbeiter-Kampftag nehmen in der Bundesrepublik die Gewerkschaften in Anspruch, welche in Berlin nur wenige tausend Teilnehmer zu mobilisieren vermögen. Ob es der großen Love Parade in, sagen wir, 50 Jahren auch so gehen wird?

Noch erwarten die offiziellen Inhaber des Parade-Labels mehr als eine Million Teilnehmer, trotzdem soll diese Masse nun auf einen anderen Termin ausweichen, weil ein Häuflein gegnerischer Bürger den Tag per Antrag zuerst besetzt hat. Das ist ungefähr so, als hätte die NPD vor dem DGB eine Mai-Kundgebung am Roten Rathaus beantragt, und die Genossen müßten nun nach Hellersdorf mit ihrem Seniorentreff. Denn die NPD, pardon, lehnt den Kampf der Werktätigen ähnlich strikt ab wie der Naturschützer den Technotrampelpfad durch Berlins zentrales Biotop. Weshalb wiederum sich die Fuck Parade mit dem Aufmarsch antifaschistischer Blöcke vergleichen läßt: Beide Gruppen haben im Prinzip nichts gegen das Ritual, das sie konterkarieren, wohl aber sprechen sie etablierten Liturgen die Legitimation ab, beanspruchen selbst die Vertretung der unverfälschten Ideale. Der Fuck Parade-Antrag, am 14. Juli zu demonstrieren, ist nicht entschieden; die Mai-Autonomen, deren Verachtung übrigens den orthodoxen Kreuzberger Stalinisten / Maoisten-Umzug gleichermaßen trifft wie den Sozi-Ringelpiez, wurden verbannt in die liebe Illegalität.

Widersprüchliche Entscheidungen zur Sicherung der alten jungen Hauptstadt mögen sich dem politischem Kalkül verdanken oder kühlem Pragmatismus: Erstaunlich bleibt, dass zum Beginn des medialen Jahrtauusends in Berlin die Musik offenbar nicht auf virtueller, sondern auf physischer Ebene spielt. Eine anachronistische Rückkehr zur leibhaftigen, kollektiv erfahrenen Symbolik hatten wir bereits vor vier Jahren erlebt, bei Christos Reichstags-Verhüllung. Konsequenzen aus diesem phänomenalen Event wurden keine gezogen; der Baumeister Demokratie hat es vorgezogen, das durch den Architekten Schultes zwischen Kanzleramt und Bundestagsbüros geplante Bürgerforum gar nicht erst zu bauen. Öffentlicher Raum wäre ein offener Raum, in dem Verteilungskämpfe um Macht und Aufmerksamkeit oft nicht zu verhindern sind, da ist der Rückzug des politischen Establishments in die kontrollierte Medien-Welt verständlich. Doch nimmt die Welt der Körper an Attraktivität wieder zu. Noch nicht verboten wurde Berlins sympathischste Sommer-Demo, der Christopher Street Day am 23. Juni: Hier geht es, im Gedenken an eine Revolte diskriminierter Homosexueller, mit Ironie und Glamour um die politische Emanzipation der Sexualität. In diesem Jahr freilich werden sich die Gruppen SO36 und Basis 69 abspalten, weil ihrer Ansicht nach die große Demo zum Touristenspektakel entartet ist. Der öffentliche Raum ist eben immer unangenehm pluralistisch, das war schon im Paradies so, wo Adam, Eva und die Schlange sich gegenseitig aufs Kreuz gelegt haben. Heute ist das Gelände eine Bannmeile.

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