Kultur : Den Rock überleben

65 Jahre Mick Jagger: Hommage an eine Echse

Rüdiger Schaper

Wahrscheinlich stimmt nichts, was man so über Mick Jagger hört und liest. Zum Beispiel, dass er „Mother’s Little Helper“ aus dem Repertoire der Rolling Stones gestrichen hat, wegen dieser Zeile: „What a drag it is getting old“. Frei übersetzt: Alt werden ist bescheuert.

Die zuverlässigsten Dokumente über das Leben der Rockstars sind ja immer auch nur wieder: Kunst. Zum Beispiel Martin Scorseses Rolling-Stones-Film „Shine a Light“. Viele Micks sind da zu studieren – junge, alte, mittelalte, und sie ähneln einander nur bedingt. Mick Jagger, hat jemand mal gesagt, sei im Grunde eine mehr oder weniger gelungene Kopie von Tina Turner: wie er mit dem Hintern wackelt und die Schnute zieht. Und da kommt auch gleich der Einwand, dass der spacke Gesundheitsapostel ja immer weniger Hintern in der Hose hat. 1985, beim Live-Aid-Konzert, sind sie auch einmal gemeinsam aufgetreten, das Original und die legendäre Fälschung; mit „It’s Only Rock ’n’ Roll“, was sonst. Es gab damals einen klaren Punktsieg für die Dame, dank der Haltungsnote.

Jagger, der Dauerläufer. Mick, der Jogger. Die männliche Jane Fonda, das passt viel besser als Turnkurse mit Tina: Mick Jagger hat Aerobics in die Rockmusik eingeführt! Die wahre Satisfaction! Heute ist Fitness das oberste Gesetz einer Branche, die sich in ihren Anfangsjahren lustvoll selbst dahinraffte. Amy Winehouse und Pete Doherty rennen rückwärts in ihrem Wahn. Vermutlich haben sie die Schule geschwänzt, als die Geschichte der Rockmusik durchgenommen wurde. Eine Geschichte, die mit Drogen beginnt und im Bioladen endet. Vorläufig jedenfalls.

Rock als Versprechen ewiger Jugend: ein tragisches Missverständnis. Viele sind ihm zum Opfer gefallen. Live fast, die young. Wenn Mick Jagger heute seinen 65. Geburtstag feiert, kommen Jimi und Janis und Brian Jones und all die anderen, die die Götter früh zu sich riefen, auf einen Drink im Himmel zusammen. Und sie wundern sich. Sie prosten Ron Wood zu, der sich nach seinem russischen Absacker auf Entzug befindet, und sie grüßen Keith Richards, der nicht gern zu Jaggers Geburtstagspartys geht, denn da gibt es nur Salat und Saft.

Die Rolling Stones – und das macht sie nahezu unsterblich – sind die einzige Band, die intern den klassischen Kampf um die Seele des Rock’n’Roll austrägt. Alle sehen aus wie Echsen vor der letzten Eiszeit, sie bieten faszinierendes biologisches Anschauungsmaterial. Das Echsenweibchen Mick aber futtert nur noch Grünzeug, während die Echsenmännchen sich von Stoffen ernähren, die nicht nur Echsen auf Dauer umbringen. Man weiß ja, dass Frauen länger leben. Und daher verkörpert Mick Jagger (Tina! Jane!) das weibliche Prinzip der Rockmusik. Mick überlebt den Rock. Das ist seine historische Leistung. In zwanzig Jahren wird man singen: Lebt denn der alte Holz-Mick noch? Und das Echo frohlockt: Ja, er lebt noch ... Rüdiger Schaper

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