Kultur : Den Täter lieben Angst & Glück: Gespräch mit Sabine Timoteo

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Sie spielt Nettie in „Der freie Wille“, die sich in einen Vergewaltiger verliebt. Spielte Toni, die Tagediebin, in Christian Petzolds „Gespenster“, letztes Jahr im Wettbewerb. Und das wilde Mädchen in Philip Grönings „L’Amour“, das für seinen Liebsten auf den Strich geht. Sabine Timoteo ist eine Extremspielerin, dabei sieht sie ganz anders aus, wie sie, nach der Pressekonferenz, in der Lounge im Berlinale-Palast sitzt. Pagen-Frisur, fließende Seidenbluse, weiter, weicher Hosenrock. „Ich bin eine romantische Frau. Man muss die Liebe verteidigen, und wenn sie noch so unmöglich ist.“ Wir sprechen über den Schluss des Films, die Pietà-Szene am Strand. Da schreit und weint Sabine Timoteo, den toten Theo im Arm. Von der Szene drehten sie nur einen Take: Weil man etwas so Heftiges nicht wiederholen könne. Seitdem verstehe sie, warum arabische Frauen nicht in aller Stille trauern, sondern Zeter und Mordio schreien.

Sabine Timoteo, 30, Schweizerin, Tanzausbildung, Welttournee mit einem Butoh-Ensemble, mit 18 stand sie erstmals vor der Kamera, für eine befreundete Dokumentarfilmerin. Da wusste sie: „Die Herausforderung zu sein, das interessiert mich am Filmemachen.“ Timoteo, die Wilde, die Scheue, die Grenzgängerin. Sie lacht, als sie erzählt, dass sie hügelige grüne Landschaften eigentlich viel lieber mag als schroffe, steile Berge. „Wer begibt sich schon freiwillig immer wieder in Gefahr?“ Aber es zieht sie dorthin, auf die Anden zum Beispiel, in 4800 Meter Höhe. Man sei dort auf sich gestellt, könne sich an keinem anderen festhalten. Aber es mache auch trunken.

Mit ihren Rollen geht es ihr ähnlich. Während Jürgen Vogel in der Pressekonferenz freimütig von der eigenen Einsamkeit spricht, während die Journalisten, benommen von der Härte des Films, zunächst auf Fragen nach Glasners ästhetischem Konzept ausweichen, spricht Timoteo von ihrer Angst, ihrem Widerstand gegen die Figur der Nettie. Sie war wütend auf den Regisseur, dass er so ein Buch, so eine Figur überhaupt schreibt. Spielen bedeutet für sie: die Angst überwinden. Und sie fügt hinzu, dass das Glück kein Extrem sei, sondern eine mittlere Lage. Das sei das Schwerste: in einem Filmbild das Glück zu behaupten.

Ihr Berlinale-Glück: dass Jury-Präsidentin Charlotte Rampling, die sie sehr verehrt, sich gleich ihren Film anschauen wird. chp

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