Kultur : Denk-Design

Sven Temper stellt Möbel in der Galerie Jochum aus.

Jens Müller
Blaupause. Prototyp für den Stuhl ST1513, Kiefer und Furnierplatte. Foto: Sven Temper
Blaupause. Prototyp für den Stuhl ST1513, Kiefer und Furnierplatte. Foto: Sven Temper

„Vintage is over“, verkündet der Berliner Design-Galerist Clemens Tissi seit geraumer Zeit auf seiner Homepage. Sein Kollege Hans-Peter Jochum sieht es anders, setzt weiterhin auf „Designobjekte des 20. Jahrhunderts“ und führt in seinem Portfolio nur einen einzigen Zeitgenossen – den allerdings exklusiv. Wer ein Möbel von Sven Temper erwerben will, kommt an Jochum nicht vorbei. Der Galerist stellt das nicht ohne Entdeckerstolz fest. Er erzählt, wie er vor Jahren in einer Ku'damm-Seitenstraße auf ein Fenster gestoßen ist, in dem Temper seine Entwürfe präsentierte. Jochum war sofort interessiert, hat den Kontakt gesucht.

Jetzt betritt man Jochums Galerieraum – und wird erst einmal durch eine Stellwand umgeleitet, über ein Podest, durch das Schaufenster. Man stellt sich selbst aus. „Ausstellen, um nicht auszustellen“, so heißt eine gerade im Distanz-Verlag erschienene Publikation von Sven Temper. Ohne theoretische Komplikationen geht es nicht, er hat in Hamburg Kunst studiert. „Wenn Design = Styling bedeutet, dann hat es nichts mit Gestaltung und somit nichts mit gestaltender Kunst zu tun; wenn aber Design = Gestaltung bedeutet, dann geht es um Kunst und nichts anderes als gestaltende Kunst“, steht in besagter Publikation. Er bezieht sich auf Baudrillard, Bourdieu, Luhmann, Adorno und erweist sich in dem unerschöpflichen Diskurs als entschiedener Polemiker.

In der Galerie selbst steht ein pastellfarbenes Arrangement. Graue, braune oder blaue Polster, verschiedene Hölzer lackiert oder nicht, filigranes Stahlrohr, immer lackiert. Ausgestellt oder nicht, gezeigt werden nicht nur Tempers Stühle, Sessel, Regale und Leuchten, sondern auch Entwurfsskizzen, Architekturmodelle, Paneele von geschichteten, immer kleiner werdenden Rechtecken – Untersuchungen der Kombinationsmöglichkeiten von Farbe. Letzteres erinnert an Josef Albers’ Serie „Hommage to the Square“. Temper zitiert in seinen Möbeln wie in seinen Texten. Der Tisch mit den Architekturmodellen (6500 Euro) lässt an Enzo Mari denken, ein kleinerer Tisch (2800 Euro) eher an Gerrit Rietveld. Tempers Tisch „PORT110“ (nicht in der Ausstellung) sieht aus wie die nur etwas filigraner variierte Version eines Tisches, den Jean Prouvé 1941 entworfen hat.

Das ist insofern bemerkenswert, als Temper in seiner Polemik etwa die Design-Zitate eines Philippe Starck nicht gelten lässt, denn sie „vermitteln lediglich ein diffuses formales Muster, eine Sehnsucht nach einem vergangenen Stil“. Es kommt wohl darauf an, wie man zitiert. Temper, der ausstellt, um nicht auszustellen, stellt neben seinen Arbeiten die Keramikdosen „Out of the Box“ (150–250 Euro) von Jennifer Dengler aus, für deren Präsentation er auch eine Anrichte entworfen hat (6200 Euro). Sie ist das teuerste Stück, günstigster sind Tempers Wandlampen aus Teak und Lochblech für 600 Euro. Ein Sessel, den das Leipziger Grassi-Museum im vergangenen Jahr angekauft hat, kostet bei Hans-Peter Jochum 5500 Euro. Jens Müller

Galerie Jochum, Knesebeckstr. 54; bis 13.7., Mi–Fr 14–18.30 Uhr, Sa 11–18 Uhr

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