Kultur : Denkmal für Opfer der NS-Militärjustiz: Die andere Waldbühne

Thomas Lackmann

"Dies ist ein für wild lebende Pflanzen und Tiere geschütztes Gebiet". Hinter Deutschlands schönstem Amphitheater, einer 1936 von den Nationalsozialisten am Berliner Olympiastadion als Thingspielstätte angelegten Arena, führt der Weg in die Murellenschlucht: auf Steinstufen ins Tal, auf Holzstufen wieder hinauf. Rechts begrenzt ein Metallzaun das Waldbühnen-Gelände, links markiert grüner Maschendraht das Terrain der Polizei. "Danger Ranges Keep Out Gefahr Schießstände Nicht Betreten". Hinter dem Zaun sind zwischen Birken- und Ahornhainen Baracken jener "Fighting City" zu sehen, die von den britischen Besatzern als Übungsareal angelegt und von den Ordnungskräften des Stadtstaates 1994 übernommen wurde. Ein Jogger hastet zwischen beiden Zäunen über Wurzeln dahin, die den Boden der hohlen Gasse durchknoten. Hier agieren die Mücken besonders blutsaugerisch. Natur denkt nicht, Natur vergisst. An der Wehrmachts-Erschießungsstätte in der Murellenschlucht wurden vom August 1944 bis April 1945 mindestens 232 Angeklagte der NS-Militärjustiz hingerichtet.

Im Hof des Bendler-Blocks an der Stauffenbergstraße des Bezirkes Tiergarten, wo bis 1945 das Oberkommando des Heeres residierte und heute der Verteidigungsminister seinen zweiten Dienstsitz unterhält, steht die Statue eines aufrechten Mannes. Die Skulptur erinnert, wie das Museum Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Gebäude selbst, an jene Offiziere um Graf von Stauffenberg, die an diesem Ort gemeinsam mit dem Attentäter nach dessen Anschlag auf Hitler erschossen wurden, in der Nacht des 20. Juli 1944. Weil sich das republikanische Selbstverständnis der Bundeswehr dem Gewissensprimat dieser soldatischen Verschwörer verpflichtet fühlt, vereidigt die Armee der zweiten deutschen Demokratie morgen ihre Rekruten am historischen Bendler-Block, zum bedeutsamen Termin. Die Ansprache hält der Vorsitzende des Zentralrats der Juden. Der Wunsch der Veranstalter, sich im Blick auf Deutschlands böseste Epoche programmatisch mit "den Guten" zu identifizieren, ist nicht zu übersehen. In den letzten Jahren wurde das feierliche Gelöbnis durch Demonstranten und entkleidete Aktivisten empfindlich gestört.

Für den morgigen 20. Juli sind zwei Demonstrationen verboten worden; eine dritte (Motto: "Die Kriegsverbrecher sitzen in Berlin") darf stattfinden. Die Verlegung des Gelöbnises auf Grund angesagter Proteste, vielleicht zur Waldbühne oder in das Murellental, wo mehrheitlich Fahnenflüchtige oder Kriegsdienstverweigerer starben, steht natürlich nicht zur Debatte: Jede Armee hat, da sie funktionieren muss, zur Spezies Deserteur ein gestörtes Verhältnis. Zu den Guten zählt der "Drückeberger" nicht. Einer Armee fällt es leichter, den Ausnahmetyp des Tyrannenmörders zu ehren als den Entschluss des Individuums, das nicht mehr mitmachen mag - weil es private Skrupel, das eigene Leben oder die Sorge um seine Familie höher schätzt als die Räson des Apparats. Apparate (auch die Maschinerie einer Behörde, eines Unternehmens) folgen Eigengesetzen; diese schränken den Raum für Qualitäten wie "aufrechter Gang" und "innere Führung", die in einer Demokratie gern gerühmt werden, de facto ein. Jede Armee ist ein Apparat. Auch deshalb versteht man, dass im Bendler-Block keine Gedenktafel an die Deserteure gegen Hitler erinnert.

Berlins Zeichen zu Ehren der "Wehrkraftzersetzer" soll vielmehr, das war im Frühjahr entschieden und vom Bausenator mit 340 000 Mark für den Haushalt 2001 / 02 eingebracht worden, am Murellenberg entstehen (siehe Tsp vom 3. 3. ). Nicht in der City, nicht im Regierungsviertel: zwischen zwei Zäunen, an einem abseitigen Pfad für Jogger und Liebespaare. Bislang ist dem Tatort samt Umfeld seine Historie kaum anzumerken. Doch weil das Gestern in den Forstbestand eindringt, mussten diese Woche zunächst die Naturschützer beruhigt werden. Ferner sind alle beteiligten Instanzen - Senat, Bezirk, Polizei, Forstverwaltung - aufeinander abzustimmen; an Ort und Stelle ist ein Beginn der Installation noch nicht in Sicht. Gleichwohl soll das "Denkzeichen zur Erinnerung an die Ermordeten der NS-Militärjustiz", von keinem Machtwechsel gestoppt, in diesem Jahr realisiert werden, verzögert höchstens durch Dauerfrost.

Das Denkzeichen der Künstlerin Patricia Pisani besteht aus 100 weißrot gerahmten Verkehrsspiegeln, die den 500-Meter-Weg zum Erschießungsplatz markieren, gegen Ende in verdichteter Anzahl. Der Tatort der Vergangenheit selbst gehört zum Polizeigelände, das unter anderem als Munitionsdepot genutzt wird: Er ist nicht zu betreten, aber einzusehen und auch durch Spiegel zu kennzeichnen. Seine Unzugänglichkeit wird zum "Material" des künstlerischen Konzeptes. In den Verkehrsspiegeln, sagt die Künstlerin, sehe man: eine potenzielle Gefahr, Vergangenes, Kommendes, sich selbst. Die Spiegelung mache den "unzugänglichen Ort erfassbar". Das "Authentische" ist eben nur um die Ecke wahrnehmbar.

In 14 der Spiegel werden Texte, die auf das Wirken der NS-Militärjustiz und die rechtliche Lage von deren Opfer verweisen, eingebrannt, außerdem Infos zur Orts-Geschichte und Zeitzeugenzitate. Ein Spiegelkabinett der Erinnerung, die Waldbühne der Reflexion: Wer sich selbst darin erkennt, könnte (wie mancher Gelöbnis-Protestierer) feststellen, dass die Unterscheidung zwischen gerechter Militäraktion und Staatsverbrechen, zwischen Apparat und Gewissen im Zeitalter der wieder legitimierbaren europäischen Kriege nicht einfacher wird. "Helft Waldbrände zu verhüten", mahnt ein Schild am Rande des versteckten Denk-Pfades, den der mündige Bürger künftig, irgendwie, schon finden wird: falls ihm dabei ein Wegweiser auf die Sprünge hilft, am martialischen Eingang der lieblichen Waldbühne - oder gar im Bendler-Block.

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