Kultur : Denn sie wissen, was sie nicht tun

Ausverkaufte Häuser, leere Säle: Die Berliner Festwochen 2003 sind zu Ende. Sie taumeln zwischen Erfolg und Pleiten. Die Konkurrenz in der Hauptstadt und in der internationalen Festivalszene ist groß. Wie kann es weitergehen?

Frederik Hanssen

Es war eine rauschende Ballnacht: Mit der rechten Hand die Schleppe der Abendrobe im zarten Griff, die linke Hand auf die Schulter ihres Tanzpartners gelegt, walzen die Chordamen vom Petersburger MarijnskiTheater über die Bühne der Deutschen Oper Berlin. Gleich wird Lenski seinen Freund Eugen Onegin zum Duell herausfordern – noch aber vergnügt sich die Provinzgesellschaft singend im hellen Lüsterschein des Gutshauses: „So ein schönes Fest haben wir hier schon lange nicht mehr gefeiert!“

Die Zuschauer im ausverkauften Saal waren da am vergangenen Sonntag ganz ihrer Meinung. Schon Wochen im Voraus waren alle Tickets für das Gastspiel des russischen Musiktheaters verkauft. Und das bei Sonderpreisen von bis zu 112 Euro pro Karte. Ein schöner Erfolg für die Berliner Festwochen, die den Besuch von Valery Gergiev und seiner Operntruppe möglich gemacht hatten.

Natürlich kräuselt sich angesichts der mäßig inspirierten Personenführung und einer rüschig-plüschigen Ästhetik, die das Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier dem „Eugen Onegin“ verpasst haben, manche Kritikerstirn. Zumal es im Repertoire der Deutschen Oper eine exzellente Produktion des Tschaikowskijschen Meisterwerks gibt, vom einstigen Hausherren Götz Friedrich persönlich, vielleicht die stärkste Inszenierung seiner späten Jahre. Gleiches gilt für Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, für die Günter Krämer vor vielen Jahren an der Bismarckstraße wesentlich intensivere Bilder gefunden hat als die Regisseurin der ebenfalls in Berlin gastierenden Petersburger Produktion.

Doch letztlich ist das dem Publikum wohl egal. Es freut sich, die legendäre russische Compagnie mit ihrem nicht minder sagenumwobenen Chef Valery Gergiev einmal live erleben zu können, den ungebremst emotionalen Sound der Marijnski-Streicher mit eigenen Ohren zu hören, Sängerinnen wie Jekaterina Sementschuk oder Olga Markowa-Michailenko zu lauschen, deren Altstimmen wirklich so kehlig-guttural klingen, wie man es sich in der Kitschecke seines Herzens für Töne aus der Tiefe der „russische Seele“ wünscht. Es ist die Sehnsucht nach dem Authentischen, nach dem Original, nach den ganz großen Namen. Und die wird beim Marijnski-Gastspiel ebenso befriedigt wie bei William Forsythes Frankfurter Ballett zur ausverkauften Eröffnung am 18. September oder bei Robert Lepages sechsstündiger „Trilogie der Drachen“.

Schließlich war das Opernhaus aus St.Petersburg zum ersten Mal in der Stadt, Forsythe kam bisher viel zu selten, und Lepage ist einer der ganz großen Stars der internationalen Festivalszene. Diese Szene ist das reinste Haifischbecken: Denn allzu viele wirklich spektakuläre Topacts gibt es nicht auf dem Markt. Und diese wenigen will jeder zwischen Wien und Avignon unbedingt präsentieren. Weil die anderen Festivalmacher dann neidisch sind. Und weil die big names beim Publikum immer funktionieren.

50000 verkaufte Tickets vermelden die Berliner Festspiele nach sechs herbstlichen Festivalwochen, die am Sonntag zu Ende gingen. Davon waren 20000 Menschen Besucher der großen „Berlin/Moskau-Moskau/Berlin“-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Zu den Aufführungen kamen immerhin 5000 Zuschauer mehr als im vergangenen Jahr. „Mit den absoluten Zahlen sind wir im Prinzip zufrieden“, erklärt Kommunikationschefin Kerstin Schilling.

Bedenkt man die 9000 Zuschauer an den fünf Marijnski-Abenden in der Deutschen Oper sowie weitere 6000 bei Lepage und Forsythe, wird deutlich, dass die restlichen 45 Festwochenveranstaltungen eher spärlich besucht waren. Auch wenn die Festwochen bei der Kammermusik auf eine durchschnittliche Auslastung von 50 Prozent verweisen können, beschlich die Augenzeugen der Abende im Kammermusiksaal fast immer das Gefühl gähnender Leere. Das ist in Berlin, dieser Stadt, die es je lauter, je lieber mag (und darum stets das Sinfoniekonzert der kleinen Form vom Lieder-Recital bis zum Quartettabend vorzieht), ein längst bekanntes Phänomen. Dennoch versuchte es André Hebbelinck, Leiter der Musiksparte bei den Festwochen, auch diesmal wieder. Und Markus Luchsinger, zuständig für die „Performing Arts“, hatte mit Lepage und Forsythe zwar den erwarteten Erfolg. Sein Russland-Schwerpunkt jedoch wurde weniger angenommen.

Es lässt sich nun einmal nicht wegdiskutieren, dass bei der Mehrheit des Publikums – und die braucht ein Festival mit nationalem Anspruch – die Neugier auf Unbekanntes nur mäßig ausgeprägt ist. Denn die schiere Unüberschaubarkeit des hauptstädtischen Kulturangebots beeindruckt nicht nur, sie verunsichert auch. Deshalb entscheiden sich viele lieber für das, was sie schon kennen. Es sei denn, sie vertrauen einem Haus, einer Institution, weil sie von ihr über einen längeren Zeitraum nicht enttäuscht wurden. Dann kauft man schon mal die Katze im Sack. Bei der alten Schaubühne funktionierte das so, in jüngerer Zeit haben sich so unterschiedliche Häuser wie die experimentellen Sophiensäle in Mitte, aber auch Claus Peymanns traditionsorientiertes Berliner Ensemble diesen Vertrauensvorschuss erspielt.

Bei den Berliner Festwochen kann auch im dritten Jahr der Amtszeit von Joachim Sartorius davon jedoch keine Rede sein. Im Terzett mit seinen Spartenleitern Hebbelinck und Luchsinger singt er das Klagelied von den knappen Geldern und verweist auf die wesentlich höher subventionierten Wiener Festwochen. Wenn aber die Mittel fehlen, muss man vielleicht die Mittel ändern: indem man die Festwochen radikal umbaut. Denn spätestens mit dem furiosen Start von Matthias Lilienthal am neu organisierten Kulturstandort des Hebbel-Theaters samt der Spielstätten am Halleschen Ufer ist klar, dass die frischere Bühnenluft nicht in Wilmersdorf weht, sondern in Kreuzberg.

Lilienthal hat aus seinen Zeiten als Chefdramaturg der Volksbühne und als Leiter des „Theater der Welt“-Festivals 2002 die Kontakte, den Mut und eine Fangemeinde, die jeder braucht, der Avantgardekunst präsentieren will. Die zum Festspielhaus umgewidmete einstige Freie Volksbühne in der Schaperstraße liegt dagegen aus der Sicht des vereinten Kulturberlins nicht nur jwd, sie ist auch zu groß für Experimente. Weil die Festwochen-Macher das wissen, verlegen sie viele ihrer Produktionen auf die Hinterbühne. Doch eigentlich gehören in das 1000-Plätze-Haus die Stars – für ein überregionales Publikum. Eigentlich müssten die Festwochen nach Forsythe und Marijnski demnächst die viel zu selten in Berlin präsente Pina Bausch einladen und die Mailänder Scala (letztes Gastspiel: 1958), dann das Nederlands Dans Theater, die New Yorker Met und so weiter. Also Gastspiele, die nicht nur teuer, sondern auch äußerst kompliziert zu organisieren sind – die aber jenen Glanz bringen, den sich Kulturstaatsministerin Christina Weiss als Geldgeberin der Festspiele für ihre Bundesmillionen wünscht.

Mag es für die Organisatoren auch bitter sein, auf persönliche Favoriten und eigene Programmlinien zu verzichten: Bei Licht besehen braucht Berlin weder neue Kammermusikreihen noch Nachhilfe in zeitgenössischem Musiktheater – das ist ohnehin eher Aufgabe der hauptstädtischen Konzertveranstalter und der drei Berliner Opernhäuser. Wer aber, wenn nicht die Berliner Festspiele wären in der Lage, als Organisationsbüro für internationale Gastspiele zu fungieren?

William Forsythes Truppe brach nach ihrem Festwochen-Gastspiel übrigens zu einem weiteren Triumph nach New York auf. Und die letzte Vorstellung der Berliner Marijnski-Werkschau musste am Sonntag schon um 17 Uhr beginnen, damit die Bühnenarbeiter mit den Dekorationsteilen noch nachts die startbereite Frachtmaschine in Frankfurt am Main erreichen konnten. Flugziel: Japan.

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