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Sauna aus, Alarm an: Hans Weingartners Film über unser Lebensgefühl, „Die fetten Jahre sind vorbei“, kommt ins Kino

Jan Schulz-Ojala

Klasse Anfang. Überwachungskamerabilder, blassgrün. Leere Villa. Quietsch-Entchen treibt wie besoffen im Pool. Familie kommt aus den Ferien, schließt auf: Alarm aus, Sauna an. Dann das Wohnzimmer: „Mama, guck mal!“ Die Möbel ein Turm bis zur Decke. Die Venus von Milo, am Seil aufgehängt. Die Meißner Soldaten im Klo. Die Stereoanlage im Kühlschrank. Nichts anfassen!, ruft der Vater. „Mama, da ist aber ein Brief.“ Aufreißen den Umschlag, und die Eltern lesen: „Die fetten Jahre sind vorbei“, steht da, anonyme Botschaft auf einzeln aufgedruckten Lettern.

Wie ein Pfeil trifft die reiche Familie dieser Satz, und wie ein Pfeil saust er uns Zuschauern entgegen. Eine Drohung, eine Erkenntnis. Und vor allem: ein Lebensgefühl, das zeitgemäße Lebensgefühl steckt in diesem Filmtitel. Mit den Privilegien ist es aus. Viel zu lange haben wir auf Kosten anderer gelebt. Nationale Sozialsysteme, in denen die Abzockermentalität alle Schichten erfasst hat, brechen zusammen, die Herrschaft der ersten und zweiten Welt über die dritte funktioniert nicht mehr. Ein großer Krieg, Summe der Risse, die wir verschuldet haben, rückt näher. Sauna aus, Alarm an: Schon morgen kann auch unsere verwöhnt-verwohnte Welt verwüstet sein.

So direkt sagen das Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) nicht, die Verursacher der großen Familienverstörung, wir sind schließlich im Kino. Aber die Folie eines „größeren Zusammenhangs“, den Jan beschwört, grundiert doch ihre idealistischen Installationsirritationen im Reich der Superreichen. Kein Wort über Attac, aber Attacke: Die Freunde, die in einer betont schrottigen Altbauwohnung ihr Lebensbasislager errichtet haben, räumen die Bonzenvillen nicht aus, sondern um: Niemand soll sich bei seiner Hausratversicherung schadlos halten können. „Einen treffen, hundert erziehen“ ist das Motto des Duos, das sich „Die Erziehungsberechtigten“ nennt.

Jan ist der Wortführer, und irgendwann zieht er Peters Freundin Jule (Julia Jentsch) mit ins Spiel. Sie jobbt in einem Luxusrestaurant und rächt sich an fiesen Gästen, indem sie mit dem Schlüssel deren Luxusautos zerkratzt. Sie verliert ihre Wohnung, weil sie seit Monaten die Miete nicht mehr aufbringen kann. Denn sie hat einem Geldmenschen namens Hardenberg mit einem nichtversicherten Auto den 100000-Euro-Mercedes zu Schrott gefahren – und muss nun abzahlen jahrelang. Jan verzaubert Julia durch die glühende Weigerung, sich in dieser Welt weiter ausbeuten zu lassen. Und eines Nachts, Peter ist auf ein Wochenende in Barcelona, fährt er mit ihr raus in die Villenwelt, in der er seine subversiven Zeichen hinterlässt. Eine der Villen gehört Hardenberg, und sie steigen ein.

In gespannter Konzentration treibt der Film seinem ersten dramatischen Höhepunkt entgegen, eine bedachtsame Verführung zur Aktion. Und, nebenbei, eine langsame Verführung zur Liebe, bei der man getrost an Truffauts „Jules und Jim“ denken darf: Jule gehört zu Peter - aber ist es nicht logisch, dass sie sich in diesen klaren, kraftvollen Menschen namens Jan verliebt? Wie sie ihn immer wieder aus den Augenwinkeln mustert: schön. Wie er sie in seine Gedanken- und Tatenwelt zieht: faszinierend. „Der erste Schritt: das Unrecht erkennen. Der zweite: handeln. Den ersten tust du allein, für den zweiten brauchst du Verbündete.“ Minutenlang reden die beiden über das schizophrene und so zeitgemäße Jugendgefühl, Protest nur zu zitieren und doch ganz frisch wütend zu sein. Nicht nur dafür nimmt der Film sich Zeit. Zeit für Überzeugung, Zeit für Nähe.

Die zweite Hälfte gehört der Geisel, die die jugendlichen Einbrecher dann doch gegen ihre Prinzipien nehmen müssen: Hardenberg (Burghart Klaußner), der Bankmensch und Hausbesitzer, überrascht sie beim Einbruch, Peter kommt Jan und Jule zu Hilfe, Gewalt gegen Sachen wird zu Gewalt gegen Person. Nur, dass diese Person sich als jemand mit sehr linker Vergangenheit herausstellt, Dutschke-Freund, Kommune-erfahren, und diesen Vorsprung nun gegen seine Entführer ausspielt: das zum Monster gewordene revolutionäre Original. Der altlinke Hardenberg ist reich und rechts geworden. Nur: Muss man rechts werden, bloß weil man nicht mehr 25 ist?

Einen dänisch-französischen Film habe er drehen wollen, sagt Hans Weingartner. Französisch ist sein Spiel mit „Jules und Jim“, die zauberhaft aufgelöste Liebesverwirrung; dänisch vor allem die Arbeit mit der Handkamera, die Passagen ohne Filmmusik, das Krude und Echte, das wir an Dogma ewig lieben werden. Die Ernsthaftigkeit aber ist global - und der Humor, es gibt unglaublich komische Dialoge und Situationen, zumindest interkontinental. Schon möglich, dass „Die fetten Jahre sind vorbei“ zum weltweit erfolgreichsten deutschsprachigen Film seit „Good Bye, Lenin!“ wird; den Anfang machte der Publikumstriumph in Cannes, der einen Run der internationalen Einkäufer auslöste. Möglich auch, dass er zumindest für einen Augenblick die Generationen füreinander so öffnet, wie es Wolfgang Beckers Hit in Sachen Ossi-Wessi-Verhältnis gelang.

Wobei die Schauspieler echte Glücksbringer sind, allen voran Daniel Brühl. Ihm glaubt man jede Rolle, von Film zu Film immer wieder neu. Julia Jentsch ist eine fantastisch Hineingezogene, die man bis in ihre souverän ausgespielten kleinsten Gesten zu kennen meint. Burghart Klaußner als Hardenberg spricht die komischsten Sätze des Films mit Genuss am präzisen Understatement. Und auch Stipe Ercegs anfängliche Sprödigkeit fügt sich bald zum Charakter.

Klasse Schluss auch. Gegenüber der pointierten Version von Cannes ist er übrigens zwei Minuten länger und eindeutiger, was ihn jetzt leicht popcornifiziert erscheinen lässt. Aber großen Filmen muss man Kleines verzeihen.

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