"Der alte Affe Angst" von Oskar Roehler : Männer und Frauen

Berlinale-Wettbewerb (1): Oskar Roehlers „Der alte Affe Angst“.

Jan Schulz-Ojala

Ein irrlichternder Titel, eine irrlichternde Handlung und total überreizte Hauptfiguren: Für diesen Film gibt es keinen besseren Termin als die Berlinale-Zielgerade. Wenn alle Filme durcheinanderschwimmen; wenn die menschlichen und erst recht die filmkritischen Wahrnehmungsorgane Kollapssymptome zeigen; wenn Fiktionsüberdosis und Lebensentzug jene Stimmung schaffen, in der sich Hysterie und Phlegma aufs Schönste vermählen: Dann ist die Zeit reif für „Der alte Affe Angst“.

Der Film beginnt, grandios, mit einer Zimmerschlacht, wie man sie so an dieser Stelle wohl noch nie im Kino gesehen hat. Warum Expositionen – so mag sich Oskar Roehler gefragt haben, der große Hysteriker des deutschen Kinos –, wenn man doch auch mitten reinspringen kann? Also: Szene einer Ehe. Da streiten sich zwei bis aufs Messer (ohne Messer), es ist jene Nachtstunde, in der Wörter nicht mehr zählen und deshalb ganz besonders weh tun, jene tränenblinde Stunde, in der man weder aufhören noch weitermachen kann. Danach könnten die zwei da nur noch gehen, auseinander und aus und vorbei. Und fast auch wir: Der Film hat uns eine Szene gemacht, seine beste Szene.

Aber so eine vergehende, sich rettende, abgleitende, sich abermals rettende Liebe dauert nun mal mindestens 90 Minuten, und im Leben kommen meist noch ein paar Akte hinzu. Also: Bleiben wir. Gucken wir zu. Auf dass wir bloß nicht verpassen, was der Film uns sonst noch verpasst (und das ist einiges). Da ist zum Beispiel der alte Mann, der sein verdächtig an „Solaris“ erinnerndes Romanprojekt nicht vollenden kann, weil er alsbald verscheidet. Da ist die HIV-positive Mutter mit ihrem krebskranken Kind. Da ist ein schon im Mutterbauch sterbendes anderes Kind. Da ist ein Selbstmordversuch vor laufender Kamera, da sind Therapeuten satt und auch Prostituierte. Da ist ein Theaterprojekt mit dauerskandierenden Dauernackten und eine Kokserei auf dem Klo. Und da sind noch paar Streits zwischen anderen Leuten bis aufs Messer (ohne Messer).

Wollen wir das sehen? Schon. Weil Oskar Roehler es uns zeigt, wie nur Oskar Roehler uns sowas zeigen kann: bonbonrosé die Verzweiflung, stahlblau das Glück zwischendurch, grünkörnig eine Einsamkeit in der Nacht. Ein starkes Stück (Kino): gut auszuhalten, so lang sich nichts fügt. Nur aufräumen sollte Roehler nicht, das kann er schlechter. Da stehen dann Sonnenstrahlen im Bild rum, die hat keiner bestellt. Und Blumen im Haar und Kreisfahrten noch und noch unterm Himmel. Anders gesagt: ein Happyend, aber eines zum Weinen.

Das Paar, richtig, das Paar. Das sind die Ärztin Marie (Marie Bäumer) und Theatermacher Robert (André Hennicke). Seit sechs Monaten geht zwischen ihnen sexuell nichts mehr, obwohl Marie sich abrackert mit rosa Perücke und grellen Dessous, es geht nicht, es geht nicht. Auch das übrigens grandios: Wie das Paar seine traurige Erfüllung abtreibt in eine kullernde, kichernde Bodengymnastik. Robert ist nicht fertig mit der Liebe, Robert ist nicht fertig mit dem Sex, nur geht beides bei ihm nicht mehr zusammen. Doch die Königskinder, die finsteren, sie kommen trotzdem nicht auseinander.

„Der alte Affe Angst“: ein verdammt dissonanter Schlussakkord für das deutsche Wettbewerbstrio. Nach einem achtbaren Erfinder und einem respektablen Arrangeur kommt nun einer, der das Filmemachen in Stücke haut. Denn „Der alte Affe Angst“ ist gar kein Film, sondern nur die anarchisch-chaotische, mal geniale, mal banale Kompilation aus Roehlers früheren Filmen: bisschen „Silvester Countdown“, bisschen viel „Gierig“, bisschen wenig „Die Unberührbare“ und eine schreckliche Prise „Suck My Dick“. Ich bin, sagt Roehler, nur der, der ich gewesen bin. Es geht nicht voran, es geht nicht, überhaupt nicht. Der Film schreit das heraus; auch das ist ihm irgendwie anzurechnen.

Anders gesagt: „Der alte Affe Angst“ enzieht sich der Kritik. Er streckt die eigenen Waffen, bevor die anderen die Waffen schwingen (die sind am vorletzten Berlinale-Tag eh ziemlich stumpf). Immerhin kann man Roehlers Wagemut, wahlweise Wahnwitz loben und die Schauspieler. André Hennicke etwa, ein fantastischer Haufen Elend. Auch Marie Bäumer bringt sich tapfer an Grenzen, nur Vadim Glowna haben wir schon sehr viel besser gesehen. Wo bloß? Bei Oskar Roehler natürlich.

Heute 16.30 Uhr (Berlinale Palast), morgen 9.30 Uhr und 23.30 Uhr (Royal Palast) und 20 Uhr (International)

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