Kultur : Der Arbeiter

Zum Tod des Schriftstellers Max von der Grün

Jörg Plath

Geschichten vom märchenhaften Aufstieg erzählt die Literatur nicht allzu selten – zumal wenige Schriftsteller sie erleben. Der Schriftsteller Max von der Grün ist märchenhaft aufgestiegen. Er hat sich vom Bergmann zum Erfolgsautor hochgearbeitet, seine Bücher haben sich millionenfach in mehr als 16 Sprachen verkauft, und fast alle sind verfilmt worden.

Schon der zweite Roman verändert sein Leben. „Irrlicht und Feuer“ (1963) erzählt von der Unzufriedenheit des Arbeiters Jürgen Fohrmann. Weil das Buch Unternehmen wie Gewerkschaften vorwirft, das Arbeitstempo unmenschlich zu steigern, wenden diese sich gegen dessen Autor. Von der Grün wird nur noch für Nachtschichten eingeteilt, um ihn von Lesungen und Interviews abzuhalten. Schlielich wird von der Grün entlassen. Zum Politikum wird „Irrlicht und Feuer“, als es vom DDR-Fernsehen verfilmt wird. Das bundesdeutsche Fernsehen rahmt die Ausstrahlung durch eine Diskussion mit Günter Gaus und zwei Dokumentationen ein. Einen besseren Start kann es für einen Autor, der mit Literatur die Welt verändern will, nicht geben.

Dem Spross einer verarmten Bayreuther Adelsfamilie, dessen Vater Schuhmacher war, wurde die Bildung nicht in die Wiege gelegt. Am 25. Mai 1926 geboren, absolvierte von der Grün eine kaufmännische Ausbildung, nach der Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft noch eine Maurerlehre. Ab 1951 arbeitete er im Bergbau und wurde zweimal unter Tage verschüttet. Der Arbeiter kam als begeisterter Leser zum Schreiben.

Von der klassenkämpferischen Arbeiterdichtung der Weimarer Republik, auch vom „Bitterfelder Weg“ der DDR wollte von der Grün nichts wissen. Ihm ging es um die „existenzielle Grundsituation“ des Arbeiters. Neonazismus, Parteienklüngel, Amtsfilz, Unternehmerwillkür, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung von Gastarbeitern, Behinderten und Alten – all dies findet sich in seinen umgangssprachlichen, die Kolportage nicht scheuenden Romanen und Reportagebänden.

In den achtziger Jahren wurde es ruhiger um ihn. In der Dienstleistungsgesellschaft waren seine Arbeiterhelden Fremde, sein Realismus wirkte zuweilen naiv. Am Donnerstag ist Max von der Grün 78-jährig in Dortmund gestorben.

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