Kultur : Der Autopilot

Robbie Williams präsentiert auf dem Flughafen Tempelhof sein Album „Intensive Care“

Christian Schröder

Die ersten Worte, die Robbie Williams spricht, nachdem er auf die Bühne geschlendert ist, lauten: „Hallo! Ich bin sehr berühmt – so viele Menschen!“ Und als er vierzig Minuten später fröhlich winkend wieder verschwindet, sagt er: „Danke, Ihr sorgt dafür, dass ich mich als Popstar fühle!“ Williams ist nun schon seit 13 Jahren, seit dem ersten Nummer-1-Hit seiner ehemaligen Band Take That, von Beruf Popstar. Aber lange schien er mit seinem Status zu hadern, im Schnelldurchlauf kostete er das Rock’n’Roll-Leben bis zur Neige aus, klinische Drogenentzüge inklusive. Aber jetzt, mit 31 Jahren, versichert er: „Ich genieße es, ein Popstar zu sein, das ist die Wahrheit.“ Und als jemand wissen will, was seine größten Ängste seien, antwortet er: „Längere Zeit nicht Fußball spielen zu können. Es gibt keine Probleme in meinem Leben.“

Pressekonferenzen mit Robbie Williams sind keine normalen Promoveranstaltungen. Sondern: Ein-Mann-Shows. 250 von der Plattenfirma sorgfältig ausgesiebte Journalisten sind in eine Hangarhalle des Flughafens Tempelhof gekommen, um zu hören, was der Sänger zu seinem neuen Album „Intensive Care“ (EMI) zu sagen hat, das am 21. Oktober erscheint. Natürlich sagt er: „Es ist das beste Album, das ich bisher gemacht habe.“ Aber er sagt auch: „Das sage ich jedes Mal.“ Williams jongliert mit Worten, man kann nie sicher sein, was er ernst meint und was ironisch. Der Saal ist feierlich abgedunkelt, der Star hockt sinatramäßig auf einem Barhocker, hinter sich ein gigantisches Poster des Albumcovers, auf dem – was das nun wohl wieder zu bedeuten hat? – zwei Teufelchen auf seinen Schultern stehen.

Williams plaudert: „Ich bin noch sechs Songs vom perfekten Album entfernt.“ Er flirtet: Journalistinnen nennt er „Darling“ oder „Dear“, von einer Hostess, die ihm ein Wasser bringt, will er den Namen wissen. Er macht Faxen: Als er nacheinander Freddie Mercury (Kinn hoch, pathetischer Blick zur Decke), Tina Turner (Wackelmarsch) und Mick Jagger (Hintern rausstrecken, in die Hände klatschen) imitiert, bekommt er Szenenapplaus wie ein Kabarettist. Ein Weltstar ist Williams derzeit nur in Europa und Asien, obwohl er vor vier Jahren nach Los Angeles zog, hat er den amerikanischen Markt nicht knacken können. Angeblich stört ihn das nicht weiter: „Das ist nicht wichtig für mich.“ Nur als ein englisches Boulevardblatt wissen will, ob er derzeit eine Freundin habe, wird der Sänger bissig: „Das geht euch gar nichts an.“

Robbie Williams ist ein begnadeter Alleinunterhalter. Seine ersten Auftritte absolvierte er in Stoke-on-Trent, seinem Heimatstädtchen bei Manchester, in einem Pub namens „Red Lion“, den sein Vater betrieb, ehe er die Familie verließ: eine Schule fürs Leben. Den ersten Talentwettbewerb gewann Williams mit 3 Jahren, mit 9 hatte er eine Hauptrolle in einem Musical, mit 16 war er Mitglied bei „Take That“, der bald darauf supererfolgreichen Boygroup. Heute ist er schon ein Veteran des Pop-Betriebs. Zeitweilige Wegbegleiter wie Take-That-Sänger Gary Barlow oder der Songwriter Guy Chambers, mit dem er sich vor vier Jahren überwarf, verschwanden in der Versenkung. Williams dagegen scheint der Erfolg zuzufliegen, die Mühelosigkeit des Gelingens gehört zu seiner Aura.

Stephen Duffy, sein neuer musikalischer Partner, wirkt wie das Gegenmodell. „Den größten Pechvogel der Popgeschichte“ nennt ihn die britische Musikpresse, weil er bei seiner einstigen Band Duran Duran schon wieder ausgestiegen war, bevor der Durchbruch kam. Und statt Songs für Madonna zu schreiben, veröffentlichte er lieber mit The Lilac Times einige schöne, aber weitgehend erfolglose Folkpopplatten. „Intensive Care“ hat der Komponist in zwei Jahren mit Williams in dessen Schlafzimmer in den Hollywood Hills aufgenommen.

Der Sänger versteht die CD als persönliche Huldigung an den Weltumarmungspop der achtziger Jahre (Human League! Duran Duran! Prefab Sprout!), doch er hat seinen Sound nur vorsichtig erneuert. An den Vorgänger „Escapology“ (2002) schließt „Intensive Care“ erstaunlich nahtlos an. Es gibt stadiontaugliche Mitsing-Rocknummern („A Place To Crash“), elegische Akustik-Gitarren-Hymnen („King Of Bloke & Bird“), ins Miniopernhafte driftende Pop-Gesamtkunstwerke („Tripping“, die aktuelle Single), sogar eine gospelartige Gottesanrufung („Make Me Pure“). „Wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere und an die Songs, die ich damals hörte, bricht das wirklich mein Herz“, sagt Robbie Williams. „Intensive Care“ ist eine perfekte Platte für den Herbst.

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