Kultur : Der Balancekünstler

Zum 50. Todestag von Theodor Heuss: Zwei Biografien füllen die historische Gestalt mit Leben.

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Die Entkrampfung der Deutschen. Der britische Premierminister Winston Churchill und seine Frau Clementine am 11. Mai 1956 zu Besuch beim Bundespräsidenten in der Villa Hammerschmidt in Bonn.Foto: picture-alliance/dpa Foto: picture-alliance / dpa
Die Entkrampfung der Deutschen. Der britische Premierminister Winston Churchill und seine Frau Clementine am 11. Mai 1956 zu...Foto: picture-alliance / dpa

Am 12. Dezember jährt sich der Todestag von Theodor Heuss zum fünfzigsten Male. Gibt das runde Datum der fälligen Erinnerung einen zusätzlichen Akzent? Oder sogar Anlass zu einer Wiederbelebung der Erinnerung an eine bedeutende Gestalt der Geschichte der Bundesrepublik? Immerhin wird Bundespräsident Joachim Gauck in Stuttgart am Donnerstag die jährliche Theodor- Heuss-Gedächtnisvorlesung halten. Außerdem liegen zwei umfängliche Bücher vor, die das Format großer Biografien haben und frei von aller Heuss-Hagiografie sind – seit Ende des vergangenen Jahres ein 600-Seiten-Band des Publizisten und früheren Fernsehjournalisten Peter Merseburger, seit ein paar Wochen das nicht weniger gewichtige Werk des Bielefelder Historikers Joachim Radkau.

Das ist ziemlich viel für Heuss. Denn der erste Bundespräsident hat zwar seinen Platz in den Geschichtsbüchern und als Namensgeber für Straßen und Schulen. Aber auch nur dort: Geht man in eine Buchhandlung, so stellt sich heraus, dass so gut wie nichts von diesem Mann der Rede und des Schreibens greifbar ist. Weder seine großen Reden, die Marksteine des Werdens der frühen Bundesrepublik waren, noch Bücher des Publizisten und Schriftstellers sind verfügbar. Gewiss, seit ein paar Jahren wächst eine Stuttgarter Ausgabe heran. Aber sie hat nach Umfang und Kosten – allein die Edition der Briefe umfasst acht Bände – eher wissenschaftlichen Charakter. Die Erinnerungen zum Beispiel, eine der gelungensten und erfolgreichsten Autobiografien des vergangenen Jahrhunderts – nach ihrem Erscheinen 1963 stand sie monatelang an der Spitze der „Spiegel“-Bestsellerliste – finden sich nur im Antiquariat.

Die beiden Biografien sind denn auch seit dreißig Jahren die ersten größeren Unternehmungen, Leben und Leistung des ersten Bundespräsidenten zu vergegenwärtigen – ausgenommen eine schmalere Studie des wissenschaftlichen Leiters der Edition, die vor zwei Jahren erschienen ist. Der zwanzigste Todestag 1983, dem der hundertste Geburtstag auf dem Fuß folgte – Heuss ist am 31.Januar 1884 geboren –, war wohl das letzte Datum, an dem die Erinnerung an ihn einen öffentlichen Ereignischarakter hatte. Das Ergebnis war unter anderem eine erste (Bild-)Biografie, ein von keinem Geringeren als Ralf Dahrendorf herausgegebener Sammelband seiner Aufsätze und Reden, dazu Gedenkartikel in Hülle und Fülle.

Seither ist Heuss verstärkt zur blassen Geschichtsfigur abgesunken – und die ist dazu auch noch falsch. Denn der „Papa Heuss“, von dem sich am ehesten noch ein Schatten im kollektiven Gedächtnis hält, ist eine fragwürdige Mixtur aus Idyllensehnsucht und Fünfziger-Jahre-Selbstzufriedenheit – ein Heuss bestenfalls für den Hausgebrauch ahnungsloser Gemüter. Schon Heuss selbst wehrte sich dagegen – Radkau beschreibt, wie Heuss „der Kragen platzte“, als er ausgerechnet in Amerika und auch noch von einem alten, emigrierten Kollegen als „Papa Heuss“ begrüßt wurde: Er sei „nicht über das Meer geflogen (…), der heimatlichen Verkitschung entfliehend, um hier ihr Opfer zu werden“. Aber was wäre das Bild, das die zusammengenommen gut 1200 Heuss- Seiten heute liefern?

Der Präsident, der das Amt aus dem „Paragrafengespinst“ schuf, das es nach seiner plastischen Formulierung war, bis er es antrat, der bedeutende Erzieher zur Demokratie – das bleibt er, ohne Abstriche. Aber da diese Leistungen längst von der Geschichte konsumiert worden sind, tritt das Exemplarische seines Lebens hervor. Denn Heuss – so der große Nenner, den Merseburger findet – „schlägt die Brücke vom Kaiserreich zur Bundesrepublik, in seinem Leben spiegeln sich sieben dramatische Jahrzehnte deutscher Geschichte“. Sein Buch beschreibt chronologisch dieses Leben von der schwäbischen Jugend bis zum Präsidenten- Ruhm: Es ist der lange, kurvenreiche Weg des „Wilhelminers“ Heuss zur unverzichtbaren Identifikationsgestalt des deutschen Neuanfangs neben Adenauer.

Andererseits deutet wenig in diesem Leben auf seine spätere Steigerung hin. „Wo ist in diesem Leben die Linie?“, fragt Joachim Radkau, gegen den Stachel der harmonistischen Lesart dieses Lebens lökend. Das Buch verzichtet auf den Titel einer Biografie. Das ist es auch, aber vor allem ein groß angelegter Versuch der Annäherung an die Gestalt, vollzogen in der Diskussion einer beeindruckenden Fülle von biografischem Material, in immer neuen, um Heuss’ Lebensstationen kreisenden Anläufen. Und tatsächlich kommt diese Herangehensweise dem Wesen von dessen Existenz ziemlich nahe. Denn er verstand sie selbst als eine Ausformung deutscher Möglichkeiten.

Überhaupt beeindruckt Heuss’ Leben vor allem als Schauplatz einer erstaunlichen Anteilnahme an seiner Epoche. Nicht so sehr „als prima causa der Geschehnisse, sondern mehr noch als Medium seiner Zeit“ wird Heuss, so befindet Radkau, zur faszinierenden Erscheinung. Wie kaum ein anderer Politiker „filterte Heuss unablässig eine Fülle von Zeitströmungen“. Ebenso lässt Merseburgers Nachzeichnung von Heuss’ wechselvollem politischen Leben stets spüren, wie viel sich darin von seiner Epoche gebrochen hat – von ihren Kunstströmungen und ihren sozialen Auseinandersetzungen, vom Jugendstil, von ihrer Architektur und dem Wandel des Bildungswesens.

Es ist diese Welt des Theodor Heuss, mit der er heute vielleicht am stärksten wirkt. Es ist die erstaunliche Symbiose von Politik und Bildung, verbunden mit der Gabe, Politik „nicht als ,schmutziges Geschäft’, sondern als stets anregende, ja vergnügliche Angelegenheit zu erfahren“ – Radkau sieht darin das „Beste von dem, was Heuss zeitlebens vorlebte“ –, dazu das weite Hinterland von Geschichte, Kunst und Literatur, in dem er sich ganz selbstverständlich bewegte. Natürlich gehörte dazu die Bezugsgestalt der frühen Bundesrepublik, die unprätentiöse Staatsperson, der „Glücksfall“, zu dem ihn die Öffentlichkeit beförderte, aber auch die ironische Nun-siegt-mal-schön-Distanz gegenüber der politischen Betriebsamkeit. Nicht zu vergessen das Schwäbische, das ihn zeitlebens dialektschwer und bildungsgetränkt umwehte.

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Heuss-Welt ist die „Entkrampfung“, die er zu seinem Programm gemacht hat. Radkau hatte sogar erwogen, das Buch „Entkrampfung der Deutschen“ zu nennen. Das meint den Versuch, die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen für ihr neues Leben tauglich zu machen, sie „aus der Schockstarre von 1945“ zu befreien, wie Merseburger schreibt. Er zieht sich durch Heuss’ Nachkriegsexistenz, und er hat damit ohne Zweifel wohltätig auf den Seelenzustand der damaligen Deutschen gewirkt. Um den Preis allerdings „einer die Untiefen verschleiernden Selbstzufriedenheit“ der Nachkriegsdeutschen, wie die ihm befreundete Berliner Publizistin Margret Boveri kritisch eingewendet hat.

Tatsächlich hat die Welt des Theodor Heuss ihre Grenzen. Sie macht nicht immun gegen handfeste Irrtümer, ja gegen das Versagen. Das spektakulärste ist selbstverständlich Heuss’ Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz 1933 – beide Autoren lassen ihm die Erklärungen nicht durchgehen, es habe sich um eine Dummheit gehandelt, die ja ohne Folgen geblieben sei. Vielmehr sehen sie darin – neben der nicht unbegründeten Terror-Angst – den Ausfluss seiner Überzeugung, dass ein starker Staat und eine energische Führung nottäten. Diese Sichtweise ging damals in bürgerlichen Kreisen um, und Heuss war zu sehr Kind seiner Zeit und seines Milieus, als dass er sich ihr hätte entziehen können.

Überhaupt ist in Heuss auch ein Beispiel für das Leben mit dem „Dritten Reich“ zu besichtigen. Er war frei von jedem Verdacht, mit den Nazis zu liebäugeln, war fraglos eine Verkörperung des anderen Deutschlands, wenn auch kein Mann des Widerstands, und doch, so Radkau, „bestand zwischen Heuss’ und Hitlers Deutschland keine scharfe Grenze“ . Sozialisiert im Kaiserreich, dem totalitären Zugriff des Regimes ausgesetzt, übt er sich in einer heiklen Balance, um zu leben und zu überleben. Aber ein Balancekünstler und -liebhaber war Heuss ohnedies. Auch im Nachkriegsdeutschland: Sein durchaus kluges, dabei zielbewusstes Moderatorentum machte ihn zu einer wichtigen Gestalt im Parlamentarischen Rat und begründete seinen Ruhm als Bundespräsident.

„Von Kraft und Schwäche der Harmonie“ hieß der Titel einer Heuss-Charakterstudie von Margret Boveri. Er berührt vielleicht den springenden Punkt seiner Existenz, zumal in seiner Ambivalenz. Denn seine Pointe besteht in Heuss’ charismatischer Gabe, Schwächen in Stärken zu verwandeln, bei einer bemerkenswerten Begabung, mit Schwächen so umzugehen, dass sie ihm nicht nachgetragen wurden. Noch als Bundespräsident hat er Gnadengesuche von NS-Belasteten unverständlich verständnisvoll befürwortet, aber beim Staatsbesuch in Italien 1957 legte er einen Kranz an der Gedenkstätte für erschossene Geiseln nieder – nach Radkaus Überzeugung angesichts der damaligen öffentlichen Stimmung eine gewagtere Geste als Willy Brandts Kniefall.

Insgesamt hat sich wahrscheinlich kaum jemand so leidenschaftlich dafür eingesetzt, dass sich die Deutschen der NS-Vergangenheit stellten, zumal in der Frage des Verhältnisses zu den Juden. Aber hätte er den Maßstäben der späteren Vergangenheitsbewältigung standgehalten? Hätte die heutige Generation das Sagen gehabt, urteilt Merseburger herb: „Theodor Heuss wäre nie Staatsoberhaupt der jungen Republik geworden.“

In diesen Biografien entsteht kein neuer Heuss. Aber sie verlebendigen die historische Gestalt, stellen sie in den Kontext seiner Zeit und setzen sie den Sichtweisen aus, die wir heute mit ihr verbinden. Kann man daraus – wie Peter Merseburger – Schlüsse ziehen über die Rolle, die ein Bundespräsident als unparteiische Autorität über den Parteien in der heutigen Situation spielen könnte, in der mehrere Parteien in den Bundestag einziehen? Oder mit Joachim Radkau Heuss’ Leben als Verweis auf künftige Möglichkeiten sehen? Oder besteht die Bereicherung in der Betrachtung eines Lebens, in dem die Offenheit für die Wechsel und Abenteuer des Zeitgeistes zusammenging mit einer in ihrer Grundstimmung gefestigten Natur?

Immerhin, mit dem Heuss dieser beiden Biografien könnte eine bedeutende Gestalt der Geschichte der Bundesrepublik wieder in unsere Gegenwart eintreten.

Peter Merseburger: Theodor Heuss. Der Bürger als Präsident. Biographie. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2012. 671 Seiten, 29,99 Euro.

Joachim Radkau: Theodor Heuss. Carl Hanser Verlag, München 2013. 640 Seiten, 27,90 Euro.

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