Kultur : Der Berg als Gleichnis

1982 erscheint in Deutschland West und Ost Fühmanns großer Essay über die Dichtung Georg Trakls "Vor Feuerschlünden" (im Westen unter dem Titel "Der Sturz des Engels").1983 nimmt Fühmann die Arbeit an seinem "Bergwerk"-Romanprojekt wieder auf, intensiver als je zuvor.1984 gibt er es auf.Monate später stirbt Fühmann."Bericht eines Scheiterns.Fragment" steht auf dem Typoskript, das vielleicht sein Hauptwerk, auf jeden Fall sein Vermächtnis hätte werden sollen.Das Bergwerk als Urerlebnis.Für Fühmann, den lebenslangen Mythenforscher, wurde es zum Gleichnis seines Daseins.Leben ist nichts einfach Gangbares, es ist ein Gänge-Schlagen, Stollen-Errichten in widerständigem, ja feindlichen Reich.Das Innere des Berges, Urhöhle und Bedrohung zugleich.Der Austritt aus dem Berg wäre wohl Entronnensein, aber als Entronnenen sah Fühmann sich nie.

Der Dokumentarist Karlheinz Mund hat dieses letzte große Lebens-Projekt zum Anlaß einer filmischen Annäherung an den Dichter genommen.Es ist ein Film unter Tage geworden, so wie ja auch Fühmann selbst nicht bloß über das Bergwerk schrieb, sondern mit den Arbeitern immer wieder wochenlang zu ihren ganz gewöhnlichen Schichten "einfuhr" im Mansfelder Land.Doch Munds Filmessay erlangt nicht die Intensität des Fühmannschen Sprechens, er kommt nicht auf Augenhöhe mit dem Dichter.Man kann Erfahrungen nicht nachstellen.Und ein Erfahrungsbericht zwischen unmittelbarer Gegenwart und mythischer Tiefe hätte das Fühmannsche "Bergwerk" ja werden sollen, beiläufig und doch an den Grund rührend, ungefähr wie sein Ungarn-Reisetagebuch "22 Tage oder die Hälfte des Lebens" von 1973, ein wunderbares, bleibendes Stück Literatur. K.D.

Toni

0 Kommentare

Neuester Kommentar