Kultur : Der Berg groovt

Gipfeltreffen der Lyrik nach 38 Jahren: Grass, Enzensberger und Rühmkorf lesen in Lübeck

Gregor Dotzauer

Nicht dass Sie das hier für ein Veteranentreffen halten, sagt Enzensberger und deutet auf Grass und Rühmkorf, die mit ihm gleich die Bühne der Lübecker Musikhochschule stürmen werden: „Diese Herren arbeiten einfach weiter, sie lassen sich ungern pensionieren.“ Wer würde das auch denken? Younger than ever, hätte man ihnen zuvor vielleicht noch zurufen wollen, ganz so, wie James, der Butler, in „Dinner for One“, Miss Sophie zum 80. Geburtstag damit um den Damenbart geht. Younger than ever, Miss Sophie. Doch spätestens, wenn Enzensberger am Ende von zwei Stunden schweißtreibender Lyrikperformance das Jackett abwirft und aus dem Scheinwerferlicht hinaushüpft, links-links, rechts-rechts, übermütig wie ein Kind, möchte man ihn und die beiden anderen ohne jedes falsche Kompliment gleich wieder nach vorne an die Rampe klatschen, weil sie sich offenbar nicht genug verausgabt haben: Bitte alle noch einmal antreten zum 400-Metren-Hürdenlauf und zum Stabreim-Hochsprung!

Was man über das Trio denken soll, steht auf den Eintrittskarten: „Gipfeltreffen der deutschen Lyrik“. Schluss mit den Spaziergängen durchs Mittelgebirge und das öde Flachland. Hier, eine Viertelstunde von Timmendorfer Strand entfernt, wird’s alpin. Lassen wir die Baumgrenze hinter uns und wagen uns in Gletschergebiet. Links und rechts des Weges, im zerklüfteten Eis, lagern gut konserviert die Leichen minderer Dichter: Überbleibsel schlechter ausgerüsteter Expeditionen ins poetische Hochland. Die Sonne brennt die letzten Nebelklumpen weg, und da ragt schon das Gipfelkreuz mit der Gravur „Gruppe 47“ empor. Die Schrift ist leicht verwittert, aber was soll man erwarten, wenn seit dem letzten gemeinsamen Aufstieg 38 lange Jahre vergangen sind und alle möglichen Zerwürfnisse zwischen ihnen stehen.

Selbst heute sind sie einander in vieler Hinsicht nicht ganz grün. Den 77-jährigen Günter Grass und den 75-jährigen Hans Magnus Enzensberger zum Beispiel entzweit die Haltung zum Irakkrieg, und der 75-jährige Peter Rühmkorf ist, wie Sticheleien in seinen „Tabu“-Tagebüchern belegen, neidisch auf Enzensbergers ökonomischen Erfolg. „Eines ist geblieben“, beansprucht Grass für alle drei: „unser so unterschiedlicher lyrischer Gleichklang“. Rühmkorf bemüht die „Generationskonstante“ von Scherz und Ironie und Enzensberger die „vergleichbare historische Erfahrung“, ohne sich auch nur einen Hauch der „lästigen und unangenehmen“ alten Zeiten zurückzuwünschen. Man habe sich viel zu schnell den Ruf geholt, „ein entschiedener Oppositioneller zu sein. Ja, Kunststück!“

Das war es in der Literatur durchaus. „Was die Lyrik betrifft, waren wir auf unterschiedliche Art gegen die Gräserbewisperung.“ Enzensberger sekundiert mit den Namen der Naturidylliker Hans Carossa, Rudolf Hagelstange und Georg Britting, und dann ist es im Günter-Grass-Haus schon fast gut mit den Erklärungen vorab. Warum erst jetzt? (Oh, die Sentimentalität des Alters.)Weshalb ausgerechnet hier? (Die Kulturstadt Lübeck und ihre Universität mucken sich.) Und ob die hemmungslos heterogene „Gruppe 47“ zumindest mit diesem „Supergroup 47“-Splitter, zwölf Jahre nach dem Tod von Hans Werner Richter, ihres „liebenswerten Despoten“ (Grass), eine Chance habe, als Institution dauerhaft aufzuerstehen, bei der Schriftsteller einmal im Jahr gegenseitig über ihre Texte herziehen? (Ach, die Zeiten sind vorbei.)

Also nichts wie hinein in die Gegenwart, solange sie noch dauert. Drei Männer auf Barstühlen hinter einem weißen Tresen. Daneben ein Blumengesteck, und im Saal der Musikhochschule ein enthusiastisches Publikum. Links Herr Rühmkorf, der „Spitzenneurotiker“, gefährlich hager und mit pisaturmhaftem Neigungswinkel. In die Mitte hineingeduckt Herr Grass, bullig und mit rundem Rücken. Und rechts, von ihm selbst aus gesehenen natürlich links, was zu den schönsten politischen Deutungen verleiten könnte, straff und symmetrisch aufgespannt Herr Enzensberger. Soweit die Ausgangslage, doch sie bleibt nicht so. Die Dichter kriechen in ihre Texte hinein, und die Texte kriechen in sie hinein, und schon ist es vorbei mit dem angekündigten Gleichklang.

Durch das Rühmkorf’sche Gerippe wehen Odenrhythmen von fernher, richten es auf zur Vertikale. Die Hände spreizen sich vom Körper weg, als ob es Schwingen wären, und so segelt er, „Phönix voran!“, wie eines seiner Gedichte heißt, durch seine spöttischen Gesänge. Aber er weiß: „Was dann nachher so schön fliegt .../ wie lang ist darauf rumgebrütet worden. // Und muss doch wieder raus aus seiner Luft / und runter in den Eisschleim, in den Bleiverschlag.“ Und Grass, der von sich immer wieder behauptet, er sei nur ein „Gelegenheitsdichter“, regt sich in seiner Versunkenheit, die Schultern zucken hoch, der ganze Körper akzentuiert, was er ins Auditorium schleudert, kräftig bis kraftmeierisch, wie alles, was er tut. Enzensberger dagegen wirkt trotz des Feuers, das er hat, plötzlich linkisch. Die Hände haben manchmal nichts, womit sie den eigenen bis zur Prosa ausgenüchterten Versen folgen können, und ein fränkisches Lokalkolorit befällt beim Vortrag empfindliche Konsonanten.

Sie sind mit alledem nicht eigentlich eine Supergroup, sie sind eher Solisten mit eigenem Best-of-Programm. Und die Lesung in jeweils rund zehnminütigen Textblöcken, die jedem Gelegenheit bieten, mehr oder weniger chronologisch die Phasen seines Werks vorzustellen, verstärkt diesen Eindruck noch. Und doch ist es Musik: weniger ein poetry slam, bei dem es aufs Gewinnen ankommt, als eine drum battle, in der man sich gegenseitig zu Höchstleistungen anspornt – natürlich um zu zeigen, was man draufhat. Rühmkorf, Grass und Enzensberger sind da nicht anders als Gene Krupa, Buddy Rich und Louis Bellson. Rhythmen zählen hier wie dort, und wenn die Leute am Ende merken, dass es doch einen gibt, der ein bisschen eleganter, freier und spielerischer mit seinem Material umgeht als die anderen, ist das kein Schaden.

Rühmkorf heißt der heimliche Star des Abends, und er weiß, „der Mensch ist kein Klavierhocker!/ Schraube im Arsch, / zum Rauf- und Runterdrehen“. Das ist doch was.

Radioaufzeichnung am 24.4. um 20.05 Uhr auf NDR Kultur, Fernsehaufzeichnung am 9. 5. beim NDR um 23 Uhr.

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