Kultur : Der Bildersprenger

Mit ihm kann man Pferde züchten: zum 70. Geburtstag des amerikanischen Künstlers Frank Stella

Ulrich Clewing

Fortsetzung von Seite 23

Vor anderthalb Jahren war er zu Gast bei den „Berliner Lektionen“ im Renaissance-Theater. Wer ihn damals erlebte, wie er mit dem Kunstprofessor Franz-Joachim Verspohl die Grundzüge seines Gesamtwerks Revue passieren liess, wird sich vielleicht gefragt haben, wie es einer wie er überhaupt so weit bringen konnte. Seine größten Kunstgriffe, die berühmtesten Gemälde: angeblich alles Glück und Zufall, basierend auf kleinen pragmatischen Eingebungen und Ideen.

Frank Stella zählt nicht nur zu den bekanntesten Künstlern der Welt, sondern höchstwahrscheinlich auch zu den uneitelsten. Seine Biografie durch Mythen und Legenden aufzuhübschen, hat den 1936 in Malden/Massachusetts geborenen und seit fast einem halben Jahrhundert in New York lebenden Maler, Bildhauer, Pferdezüchter und Hobby-Rennfahrer nie interessiert. Stella ist so down to earth, dass man darin die nobelsten Eigenschaften der Ostküsten-Intelligenzia wiedererkennt. Aber was soll einer auch viel Brimborium veranstalten, der die Grundform für seine „Black Paintings“ fand, als er auf seinem Zeichentisch ein Hakenkreuz in dessen Einzelteile zerlegte. Der sich mit 23 Jahren in die New Yorker Kunstszene einführte, indem er an einer Ausstellung im ersten Haus am Platz, dem MoMA, teilnahm. Der den Stillstand hasst und Wiederholungen verabscheut, was ihn im Lauf der vergangenen fast fünf Jahrzehnte immer wieder dazu verleitete, Werkphasen auf dem Höhepunkt ihres Erfolges abzubrechen und Neues auszuprobieren.

Andere hätten möglicherweise ihr künstlerisches Markenzeichen bis ins hohe Alter durchdekliniert und dem Konto beim Wachsen zugesehen. Nicht so Frank Stella, der nach seinen schwarzen Bildern zuerst die Grenzen der rechteckigen Leinwand sprengte und sich eine Zeit lang mit den shaped canvasses beschäftigte, bevor er daraus dann Skulpturen baute und Architektur entwarf.

Für das Sammlerehepaar Rolf und Erika Hoffmann hätte er in Dresden kurz nach der Wende beinahe eine Kunsthalle errichtet – ein Vorhaben, das an der Bürokratie scheiterte, welche die große Chance nicht erkannte. In Erinnerung daran hängt in der Sammlung Hoffmann in Berlin die große Wandarbeit „Dresden“, ein chaotisches Wollknäuel aus Aluminium, auf dem verrückte Muster in den schönsten Farben leuchten. Auch die Berliner Neue Nationalgalerie besitzt hervorragende Arbeiten von ihm, nur leider versteckt man sie dort vornehmlich im Depot. Obwohl: Wüsste Frank Stella davon, hätte er dafür wohl nur ein Achselzucken übrig. Heute wird er 70 Jahre alt.

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