Kultur : Der böse Bube

Merlin Carpenters Spielregel: Ein Besuch der Galerie MD 72 kostet 5000 Euro

Angela Hohmann
Gezinkte Karten. Das Porträt von David Bowie ist Carpenters Trumph. Foto: MD 72
Gezinkte Karten. Das Porträt von David Bowie ist Carpenters Trumph. Foto: MD 72

Spielen wir ein Spiel. Es gibt Könige, Buben und Damen, außerdem den Künstler, den Galeristen, den Kritiker, den Sammler und andere Ausstellungsbesucher. Und die Kunst natürlich – in diesem Fall 14 Gemälde von Merlin Carpenter, Porträts seiner persönlichen „Helden“, darunter Kate Moss, Rosa Luxemburg, George Sand und Giorgio de Chirico. Der Joker ist David Bowie. Mit dem Titel des 1977 in Berlin komponierten Liedes „Heroes“ liefert er den Titel für die Ausstellung in der Galerie MD 72. Eines ist sicher bei dem Spiel: Carpenter beherrscht es brillant, denn er hat immer das As im Ärmel.

Als Kunstkritiker begibt man sich wie jeder andere Besucher in die Wohnung am Mehringdamm, einem Ableger der Galerie Neu. Und wird am Eingang mit einem Schild konfrontiert: „Eintritt 5000 EUR.“ Wer nicht zahlt, muss sich mit Substituten zufriedengeben: einem Kartenspiel mit Carpenters Gemälden im Kleinformat und je in vier Teile zerschnitten . Hat man das Puzzle zusammengelegt, bekommt man eine vage Vorstellung von dem, was einem vorenthalten wird. Ausdrucksvolle Gesichter und Gestalten vor abstrakt poppigem Hintergrund – schrille Porträtmalerei, ein bisschen bad painting.

Aber mit Malerei allein geht die Rechnung nicht auf. Denn die wird in einem bestimmten Kontext – dem Kunstmarkt am Beispiel der Galerie – im Rahmen vom Künstler festgelegter Spielregeln inszeniert. Malerei als Konzept? Performance mit Malerei? Um sie allein geht es hier jedenfalls nicht. Eher um einen komplexen Zusammenhang der Kommunikation, ein „Gesellschaftsspiel“, das in einer raffinierten Inszenierung aufscheint .

Eine Performance markierte den Auftakt: Zur Eröffnung wurden die Gäste unter die Lichtenbergbrücke im Tiergarten zum Rosa-Luxemburg-Denkmal geladen. An der Stelle, wo die Leiche der Revolutionärin im Landwehrkanal versenkt wurde, warf Carpenter in exaltiertem Tanz das Kartenspiel mit den Malereimotiven ins Wasser. In der Galerie mussten die Vernissagengäste dann vor den Ausstellungsräumen feiern. Konsequent blieben die Türen verschlossen, in diesem Fall sogar bewacht von zwei security guards.

Mittlerweile waren drei Besucher bereit, für die Exklusivität des Originals den geforderten Preis zu zahlen. Zweien war der Genuss dann auch gleich Kaufanreiz, sie erwarben je eines der um 20 000 Euro veranschlagten Werke. Der dritte überlegt noch. Selbst Galerist Alexander Schröder hatte Carpenters Arbeiten nicht zu Gesicht bekommen, sich dann aber unter Umgehung des Eintrittspreises als Begleitung eines zahlenden Sammlers das exklusive Kunsterlebnis erschlichen. Das Galeriepersonal hingegen bewacht die heiligen Räume, ohne die wohlgehüteten Reliquien selbst gesehen zu haben.

Was aber bezweckt Carpenter mit seiner Inszenierung? Warum macht er sich zum Gralshüter der Kunst? Ist seine Absicht eine geschickte Kritik am Kunstmarkt mit seinen Rollen und Ritualen? Oder verbirgt sich dahinter eine tolldreiste Affirmation seiner Gesetze?

Hinter allen Manifestationen zieht Carpenter die Strippen, und wie es scheint, wird jeder dabei – mitunter zum eigenen Vergnügen – ein wenig betrogen. Der Besucher erhält kleinformatige Duplikate, der betuchte Sammler gegen viel Geld Exklusivität und gegen noch mehr Geld ein Original. Der Kritiker schreibt über Sachen, die er nicht gesehen hat und spekuliert ersatzweise über die Effekte des Nicht-sehen-Dürfens. Und alle sind Teil eines Spiels, einer kalkulierten Inszenierung. Angela Hohmann

MD 72, Mehringdamm 72; bis 26.3., Do.–Sa. 12–18 Uhr

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