Der Brexit aus griechischer Sicht : Die Macht des Neins

Der Grexit kam nicht, der Brexit ist wohl nicht zu stoppen: Wie zwei Volksabstimmungen die Krise Europas spiegeln. Ein griechischer Blick auf den britischen Ausstieg.

Amanda Michalopoulou
Anti-EU-Plakal im nordenglischen Redcar.
Anti-EU-Plakal im nordenglischen Redcar.Foto: AFP

Den Brexit erlebte ich in Kopenhagen. Am Abend zuvor hatte ich bei einer Tagung an der dortigen Universität im Fachbereich für griechische Studien über die Darstellung der griechischen Geschichte in der griechischen Literatur nach 1989 gesprochen – übrigens wieder eines der griechischen Institute im europäischen Raum, das wegen Mittelknappheit geschlossen werden muss. Als unverbesserliche Optimistin setzte ich mich zu den noch nicht ganz wachen anglophonen Graezisten aus Großbritannien, Amerika und Australien an den Frühstückstisch.

„Wie ist das Referendum gelaufen?“ Sie sahen mich alle an, als ob ich von einem anderen Stern käme. Sie waren schon über Prozentzahlen, den ersten Politklatsch, die Statements der Europäer informiert. Auch bei unserem griechischen Referendum hatte es mich eiskalt erwischt: Ich war mir sicher, dass es eine Mehrheit der Ja-Stimmen geben würde, das Nein (das bekanntlich ohne größere Umstände dann doch zu einem Ja wurde) traf mich völlig unvorbereitet.

Ich glaubte weiterhin, dass Europa eine große, bedeutende Idee ist, eine romantische Idee, die – wie alle romantischen Ideen – mit Blut und Leidenschaft formuliert wurde. An diesem melancholischen Frühstückstisch, wo alle appetitlos französische Croissants, italienische Tomaten, dänisches Müsli und (deutsches?) Körnerbrot verzehrten, wurde ich abermals eines Besseren belehrt.

Boris Johnson taktierte wie Yanis Varoufakis

Immer, wenn vom Brexit die Rede war, habe ich „Grexit“ gehört, der Unterschied besteht ja nur in einem Konsonanten. Es gibt weitere Ähnlichkeiten: Beide Regierungen setzten das Referendum politisch ein, um die eigene innerparteiliche Schlappe auf Europas Schultern auszutragen (Tsipras stand dabei allerdings wesentlich mehr unter Druck als Cameron). In beiden Fällen war die rhetorische und politische Manipulation blauäugig, narzisstisch, fernsehwirksam und pathetisch, voller Dramatisierungen. Auf dem britischen Spielfeld übernahm Boris Johnson mit seinem extremen Taktieren äußerst wirksam die Rolle unseres Varoufakis. Am Ende zeigt sich, dass wir in den letzten zwei heißen Sommern, im sensibelsten Moment der europäischen Geschichte nach 1989, die Macht des Neins, des Misstrauens, des Aufbegehrens, des symbolischen Widerstands der Völker unterschätzt haben.

Nach 1989 wollten alle in die EU - jetzt wachsen die Fliehkräfte

Der einzige grundlegende Unterschied ist wohl die Liebe der Engländer zur Direktheit, zur Unverblümtheit. Ihr Referendum stellte explizit die Frage nach dem Verbleib in der Europäischen Union, das griechische Referendum hingegen war ein demagogisches, an Griechenland und Europa gerichtetes innenpolitisches Spiel, bei dem die Austritts-Frage nicht direkt gestellt wurde. Wir Griechen mögen Wortspiele – wir zählen ja auch zwei Lyriker als Literaturnobelpreisträger zu unseren Aktivposten. Erst kürzlich war in den Athener Straßen zum „Jahrestag“ des Referendums ein Plakat im Umlauf, auf dem „Nein zu ihren Jas“ stand ...

Wenn ich das Thema noch einmal bei einer Tagung aufgreifen könnte, würde ich gerne fragen: Wie viele Menschen würden sich bei weiteren europäischen Referenden jetzt bewusst dafür entscheiden, in der EU bleiben zu wollen? Im Moment ist die Tendenz zur Abtrünnigkeit genauso groß wie nach 1989 der Wunsch der europäischen Länder, um jeden Preis in die Union aufgenommen zu werden. Was ist eigentlich schiefgelaufen, die Simplifizierung, den Populismus und das Erstarken des Nationalismus einmal beiseitegelassen? Was hat die europäische Idee so verzerrt?

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